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"Eure Toleranz bringt uns noch um"

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Wie einfach wäre es, die Gegner der neuen Berliner Moschee als Neonazis abtun zu können. Aber der Protest kommt aus einer Gegend, in der 72 Prozent der Menschen links wählen.


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Sie selbst konnte einer Zwangsverheiratung mit zwölf Jahren nur durch einen Selbstmordversuch ausweichen, musste aber drei Jahre später doch einen ihr unbekannten Mann heiraten, den ihre Eltern für sie ausgewählt haben.

Die Rede ist von Serap Çileli, einer deutsch-türkischen Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Rechte von Frauen und Mädchen in muslimisch-orthodoxen Einwandererfamilien. Welch hohes Maß an seelischer und körperlicher Gewalt in vielen dieser Familien auf Frauen ausgeübt wird, weiß sie aus eigener persönlicher und beruflicher Erfahrung. Sie wirft den Deutschen vor: "Eure Toleranz wird uns muslimische Frauen noch umbringen. Dieses naive Toleranzverständnis von vielen politischen Sonntagsrednern schadet uns. Uns türkischen Frauen wäre viel Leid erspart geblieben, wenn man in Deutschland mehr über den Alltag von muslimischen Frauen geredet hätte."

Zu den besonders reaktionären Gruppen wird die muslimische "Ahmadiyya-Gemeinde" gezählt, von der Berlins Innensenator (SPD) vor zwei Tagen erklärte: "Manche ihrer Grundsätze sind mit unserem Verfassungsverständnis nicht ganz vereinbar; aber sie genießen eben Religionsfreiheit." Ein für mich unverständlicher Satz. Obwohl die Gruppe in Berlin nicht mehr als 200 Mitglieder hat, errichtete sie nun für 1,7 Millionen Euro im Nordosten Berlins eine repräsentative Moschee, die den Namen der Ehefrau des Propheten Muhammad, Khadija, trägt.

Dagegen hat sich eine Bürgerinitiative formiert, die von der Kamarilla professioneller Gutmenschen sofort in die rechtsextreme Ecke gestellt wurde. Tatsächlich haben sich Rechtsextreme an den Zug angehängt, wurden aber von den Bürgern selbst abgewiesen: "Wir sind weder Rassisten, noch sind wir fremdenfeindlich! Wir leben seit vielen Jahren mit Menschen aus fast allen Kontinenten der Welt friedlich zusammen. Wir haben aber große Probleme mit Sekten, die versuchen, ihre Religion über alle anderen zu stellen, es erlauben, Frauen zu schlagen, und ihnen die Gleichberechtigung verweigern", verteidigen sich die Verantwortlichen.

Die Vorwürfe gegen die muslimische Gruppe gehen aber noch weit darüber hinaus: "In Wirklichkeit handelt es sich bei der Ahmadiyya um eine ultra-orthodoxe, frauenfeindliche und totalitäre Organisation, deren Ziel es ist, einen islamischen Staat mit der Sharia als Rechtsgrundlage zu errichten", heißt es in einem offiziellen Aufruf.

Am Donnerstag und Freitag wurde trotz aller Proteste der Neubau der Khadija-Moschee in einem Gewerbegebiet in Berlin-Heinersdorf feierlich eröffnet. Sie bietet auf zwei Stockwerken Platz für jeweils 250 Frauen und Männer. Der Entwurf stammt von der türkisch-deutschen Architektin Mubashra Ilyas, ist am Bauhaus-Stil orientiert und trägt dennoch die Merkmale eines islamischen Gebetshauses mit Kuppel und Minarett.

Proteste gegen Moscheebauten in Westeuropa mögen von irrationalen Ängsten oder Unwissenheit getragen sein. Aber sollte man - bei aller Toleranz - nicht mehr Fragen stellen dürfen nach radikal-islamischen Tendenzen, nach Gewalt gegen Frauen, nach Verfassungstreue und strikter Einhaltung demokratischer Spielregeln? Ohne gleich mit der Nazi-Keule erschlagen zu werden?

Die Heinersdorfer Bürger befürchten, dass von der neuen Moschee, die offenkundig überdimensioniert ist, eine Art reaktionärer Mission ausgehen könnte, und in der Tat findet man in einem offiziellen Dokument der Ahmadiyya den denkwürdigen Satz: "Deutschland war das geeignetste Land in Europa für die Ausbreitung des Islam" ...