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Europa braucht Lateinamerika

Von Erich Reiter

Gastkommentare

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Die Beziehungen Europas bzw. der EU zu Lateinamerika sind heute nur mäßig entwickelt. Am ehesten bemüht man sich noch um wirtschaftliche Beziehungen, aber die politischen Kontakte sind kaum gegeben. Das ist schade, denn die EU braucht - will sie die künftige Weltordnung mitgestalten und das nicht den Amerikanern alleine bzw. deren Kooperation mit China und Indien überlassen (Russland ist in dieser Hinsicht kein Akteur mehr) - Partner, die ähnliche Wertvorstellungen haben.

Ein brauchbarer Ansatz dazu wäre die ibero-amerikanische Gemeinschaft, der die beiden EU-Mitglieder Spanien und Portugal (sowie der Zwergstaat Andorra) und 19 Länder Lateinamerikas angehören. Seit 1991 kommen die Staats- und Regierungschefs zu jährlichen Gipfeltreffen zusammen, die eher dürftige Ergebnisse brachten.

Lateinamerika kann in der mittel- bis längerfristigen Perspektive eine positive Entwicklung der Demokratisierung vorweisen, wenngleich Instabilität und autoritäre Machtausübung immer noch stark verbreitet sind und weder der Staat noch der Markt optimal funktionieren, weil Schlendrian und Korruption dominieren. Auch funktionieren die internationalen Organisationen, wie z.B. der Gemeinsame Südamerikanische Markt (MERCOSUR) oder die Südamerikanische Staatengemeinschaft, nicht optimal.

Die Monroedoktrin der USA (aus 1823), die sich ursprünglich gegen Einmischungen der europäischen Mächte in Lateinamerika wandte und später als Basis einer Hegemonialrolle der USA gegenüber Lateinamerika interpretiert wurde, hat praktisch ausgedient, denn seit dem Zweiten Weltkrieg setzen auch die USA auf Kooperation, wurde doch 1948 die Organisation amerikanischer Staaten (OAS) gegründet. Doch das auch hier gegebene Bestreben der USA an einer Ordnungspolitik am ganzen Kontinent wird von den Lateinamerikanern immer noch als Bevormundung empfunden.

Die EU müsste daran interessiert sein, dass die Länder Südamerikas sich untereinander besser organisieren und eine multinationale Organisation entwickeln, in der sie ihre gemeinsamen Interessen artikulieren und ihre Differenzen diskutieren und beseitigen können, damit sich Ereignisse wie der Grenzkrieg zwischen Ekuador und Peru (1998) nicht wiederholen. Man sollte sie auch zu gemeinsamen Aktivitäten zu friedensschaffenden Operationen, als z.B. gemeinsame Truppenkontingente für UN-peace keeping, motivieren. Durch die kulturelle Ähnlichkeit des ganz überwiegend spanisch-portugiesisch geprägten Kontinents sind ja ausgezeichnete Vorsaussetzungen zur stärkeren Kooperation vorhanden. Wenn die EU "Entwicklungshilfe" zur Integration Lateinamerikas leistet, dann könnte sie einen wichtigen Partner zur Gestaltung der Zukunft unserer Welt gewinnen.

DDr. Erich Reiter ist Leiter des Österreichischen Büros für Sicherheitspolitik im Verteidigungsministerium.