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Europa finanziert Al-Kaida mit

Von Teresa Reiter und Alexander U. Mathé

Politik

Lösegeldzahlungen sind in den vergangenen Jahren zur wichtigsten Einkommensquelle für terroristische Gruppen geworden.


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New York/Islamabad/Wien. Die Terror-Organisaton Al-Kaida finanziert sich mittlerweile zu einem großen Teil durch Lösegeldzahlungen europäischer Staaten. Eine Recherche der US-Tageszeitung "The New York Times" ergab, dass Al-Kaida und ihre direkten Verbündeten seit 2008 mindestens 125 Millionen US-Dollar (umgerechnet 94 Millionen Euro) durch Kidnappings hauptsächlich von europäischen Staatsbürgern eingenommen hat. Allein 2013 sollen europäische Länder 66 Millionen Dollar an Lösegeld an das Terrornetzwerk bezahlt haben.

Dokumente im Umfang von tausenden Seiten, die ein "Times"-Reporter voriges Jahr im Norden Malis gefunden hat, zeigen, dass Lösegeldzahlungen für das Gesamtbudget der Al-Kaida in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen haben. Finanzierte sich das Netzwerk mit Hauptsitz in Pakistan anfangs hauptsächlich durch Spenden, so machen die Beträge, die für europäische Geiseln gezahlt werden, mittlerweile etwa die Hälfte der Einnahmen aus. Das sagt auch der Anführer der Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel, Nasser al-Wuhayshi: Geiselnahmen seien für Al-Kaida "profitabler Handel und ein wertvoller Schatz".

Den Großteil von seit 2008 weltweit für Geiseln bezahlten Geldsummen soll laut "New York Times"-Recherche aus europäischen Kassen stammen und durch Sonderbudgets für humanitäre Hilfe finanziert worden sein. Auch Österreich soll im Fall des 2008 von Al-Kaida in Tunesien entführten oberösterreichischen Paars Andrea Kloiber und Wolfgang Ebner eine Summe von zwei Millionen Euro bezahlt haben. Beide hatten sich acht Monate in Gefankenschaft von Terroristen befunden. Der Sprecher des Außenministeriums in Wien, Martin Weiss, sagte am Mittwoch gegenüber der APA, dass Österreich "in keiner Art und Weise" Lösegeld bezahle, der Staat lasse sich nicht erpressen. Die österreichische Regierung habe auch nicht andere gebeten, "Lösegeld in unserem Namen zu bezahlen", so Weiss. Auch andere europäische Staaten haben bestritten, in solchen Fällen den Forderungen von Terroristen nachzukommen und ihre Landsleute freizukaufen. Einem 2013 von den G8-Mächten unterschriebenem Abkommen zufolge dürften sie dies gar nicht.

"Alle wissen, dass unsere Regierungen gezahlt haben"

Guido Steinberg glaubt die Dementis der Regierungen Steinberg nicht: "Alle wissen, dass unsere Regierungen gezahlt haben", erklärt der Experte für den Nahen und Mittleren Osten bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin und ehemalige Referent für internationalen Terrorismus im deutschen Kanzleramt. "Auch die Franzosen haben gezahlt. Die einzigen Europäer, die wohl nicht gezahlt haben, sind die Briten. Dass die Regierungen das leugnen, ist verständlich, entspricht aber letztlich nicht der Wahrheit."

Die von der "New York Times" genannte Summe an Lösegeldern, die von Europa aus geflossen sein sollen, entspricht auch in etwa Steinbergs Schätzung. Er geht von 55 Millionen Euro aus, allerdings "konservativ geschätzt". Der Startzeitpunkt sei durch die Entführung einer 32-köpfigen Reisegruppe, bestehend aus Deutschen, Österreichern und Schweizern, im Jahr 2003 im Sahara-Gebiet vorgegeben.

Für Steinberg haben die Lösegeldzahlungen auch eine innenpolitische Dimension. "Die Briten wissen große Teile der Öffentlichkeit hinter sich, wenn sie nicht zahlen. Bei uns wäre das anders." In Deutschland (und auch in Österreich) würden rationale Erklärungen weniger zählen als der Wille, nicht als hartherzig dazustehen. "Die Angst davor ist größer als jene, in ferner Zukunft mit einem größeren Problem konfrontiert zu werden. Zynisch gesprochen ist das ja dann meist schon die nächste Regierung, die dann damit zu tun hat." Jedenfalls wolle man negative Folgen für das eigene Image vermeiden. Dennoch hätte Steinberg lieber "einen Pass aus einem Land, das nicht zahlt". Denn zwar müsste ein Brite, der entführt wird, damit rechnen, getötet zu werden. Allerdings vergrößern Lösegeldzahlungen die Gefahr, überhaupt entführt zu werden.

Auch Colin Clarke, Terrorismusexperte bei der amerikanischen RAND Corporation ist der Meinung, dass Lösegeldzahlungen nur eine von vielen Möglichkeiten ist. "Man kann Geld aus der Luft abwerfen, klar. Geht man von Hundert-Dollar-Noten aus, ist das meistens nur ein Gewicht von etwa 14 Kilo. Man kann es auch in einem Container abwerfen oder GPS-gesteuerte Fallschirme verwenden." Obwohl Kidnapping vorwiegend eine Bargeld-Angelegenheit sei, gäbe es auch Terrorismusorganisationen, die unverfolgbare Banktransfers möglich machen können, um das Geld so sofort zu erhalten. Alternativ könnte man sich auf Mittelsmänner verlassen. Jedoch müsse man nicht zwingend zahlen, Geiseln gelänge manchmal die Flucht oder man könne es mit einer Rettungsaktion versuchen. Natürlich seien solche Manöver nicht nur mit einem Risko für Geiseln und Einsatzkräfte verbunden, sondern sie seien auch ein politisches Wagnis, gäbe es doch keine Garantiee für einen guten Ausgang. Man könne auch über Gefangenenaustausch nachdenken. "Jedenfalls haben Staaten immer eine Wahl", so Clarke.