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Europäischer Catenaccio

Von Reinhard Göweil

Leitartikel

Keine Indexanpassung der Löhne, gemeinsames Pensionsalter, harmonisierte Steuern. Europa macht ernst mit der Koordinierung der Wirtschaftspolitik, ein überfälliges Projekt. Allerdings besteht nun die Gefahr, auf diesem Weg die Gewerkschaften als Partner zu verlieren. Und das wäre - um es vorsichtig auszudrücken - keine so gute Idee.


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Die Gewerkschaften sind alarmiert, denn sie fürchten, dass die Budgets auf Kosten breiter Bevölkerungsschichten zurück geschnitten werden, während die Verursacher der Misere - die Finanzindustrie im weitesten Sinn - ungeschoren davon kommt. Wenn Eurostat nun auch noch die Staatsschulden neu berechnet, und sich die Zahlen neuerlich verschlechtern, könnte der Druck noch größer werden.

Zahlenmystik statt Wirtschaftsregierung

In der Tat fehlt den Plänen der EU-Kommission sowie der EU-Regierungschefs jegliche positive Grundstimmung. Eine wirtschaftspolitische Steuerung (nach diesem EU-Gipfel eine Hülle, nicht mehr) soll es nur deshalb geben, um eine Misere wie in Griechenland oder in Irland künftig zu vermeiden.

Das ist ein ziemlich defensives Konzept. Ein Plan, den Wohlstand in Europa zu erhöhen; Jugendlichen Bildung und Arbeit zu geben, oder gar die Menschen im Streben nach Glück zu unterstützen, existiert nicht. Ja, Europa ist für Innovation. Ja, Europa ist für Bildung - über weite Strecken so effizient wie ein Querpass.

Ähnlich defensiv geht Europa bisher mit dem Thema Revolution in der arabischen Welt um. Es dauerte zehn Tage, um eine klarere Sprache zu Ägypten zu finden. Wenn ein derart tiefer Wandel die EU-Außenpolitik nicht vom Ofen hervorlockt, was dann?

Europa ist defensiv geworden, defensiver als jede italienische Fussball-Mannschaft, die Catenaccio spielt. Diese Spielart ist ausgerichtet auf Verteidigung, auf die Verhinderung ein Tor zu bekommen. Catenaccio kennt das Bemühen, selber Tore zu schießen, nicht. So standen auch diesmal die 27 Regierungschefs vor dem eigenen Tor, und verteidigten, was das Zeug hielt. Stürmer hat Europa derzeit keine.

Darum kommen auch immer weniger Zuschauer zu den Spielen der EU, die Menschen wenden sich ab. Der europäischen Politik fehlt jene Offensive, mit der nicht nur Spiele, sondern auch Meisterschaften gewonnen werden.