Zum Hauptinhalt springen

Europas Ausgestoßene in Bedrängnis

Von Jörg MirtI und Eva Reder

Europaarchiv

Rund zehn Millionen Roma leben in der EU. | Politisch sind sie kaum organisiert. | Alltag von Arbeitslosigkeit und Armut gekennzeichnet. | Wien. Eine wütende Menge, die Molotow-Cocktails auf Roma-Behausungen wirft. Baracken, die von Unbekannten in Brand gesteckt werden. Ein Innenminister, der allen Roma in seinem Land Fingerabdrücke nehmen will. Diese Szenen stammen aus keinem historischen Film und auch nicht aus längst vergangen geglaubten Zeiten, sondern aus dem Italien von heute.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 15 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Seit dem Beitritt Rumäniens und Bulgariens zur Europäischen Union sind vor allem in Italien die Zuwanderungsraten stark angestiegen. Die Behörden beklagen seitdem einen signifikanten Anstieg der Kriminalität. Von den rund 140.000 in Italien lebenden Roma stammen etwa 30 Prozent aus Rumänien.

Die Angehörigen der Minderheit leben vor allem in Barackensiedlungen am Rande der großen Städte Italiens - meist ohne Strom, Wasser oder medizinische Versorgung. Im Mai war es zu pogromartigen Übergriffen gegen Roma-Siedlungen in Neapel gekommen, nachdem eine 16-jährige Roma-Frau angeblich versucht hatte, ein Baby zu entführen. Anfang Juli hatten Unbekannte erneut auf jene Roma-Siedlung in Neapel Brandanschläge verübt. Auch in anderen Städten werden die Roma, vom Volksmund auch "zingari" genannt, mit Diebstahl, organisierter Bettelei und Bandenkriminalität in Verbindung gebracht. Vergangenen Oktober hatte der Überfall auf eine 47 Jahre alte Frau, die von einem Roma-Mann vergewaltigt und ermordet worden war, zu Ausweisungen und Zwangsräumungen von Roma-Lagern in der italienischen Hauptstadt geführt.

Seit dem EU-Beitritt der mittel- und osteuropäischen Länder sind die Roma allerdings mehr im europäischen Problembewusstsein angekommen: Sie sind mit 12 bis 15 Millionen die größte ethnische Minderheit Europas und vor allem in den südosteuropäischen Ländern Bulgarien und Rumänien, aber auch in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien, in Ungarn, Tschechien und der Slowakei ansässig. In der EU leben laut EU-Parlament rund zehn Millionen Roma. Ihr Alltag ist nach wie vor von wirtschaftlicher und sozialer Isolation, Analphabetismus, Arbeitslosigkeit, Menschenhandel, Alkoholismus und Kriminalität geprägt. Daneben sind mangelnde soziale Aufstiegschancen sowie die ablehnende Haltung, mit denen ihnen die jeweilige Mehrheitsbevölkerung meist begegnet, nur einige Probleme, mit denen die Roma konfrontiert sind. Nicht zuletzt deswegen wandern viele Roma vor allem nach Italien und Spanien ab.

"5000 Euro das Stück"

Wer sich in die Städte Osteuropas begibt, dem eröffnet sich ein ganz ähnliches Bild wie in Rom. In den Vorstädten der bulgarischen Hauptstadt Sofia befinden sich Elendsviertel, wie man sie höchstens in Afrika vermuten möchte. Überquert man die ungarisch-rumänische Grenze Richtung Rumänien, so fallen zuerst die Behausungen der Roma auf: Kleine Lehmhütten und Holzverschläge, die notdürftig mit bunten Stofffetzen verbunden sind, das alles in einer Mixtur aus Müll und Schlamm. Für viele Osteuropäer sind die Roma nichts anderes als Luft - es sei denn, sie dienen als Straßenfeger, Prostituierte oder, im günstigsten Fall, als Musiker.

Der Rassismus gegenüber den Roma reicht in Osteuropa bis in höchste Politikerkreise. So war eine Roma-Abgeordnete der Europäischen Volkspartei im EU-Parlament, die Ungarin Livia Jaroka, Ziel rassistischer und sexistischer Äußerungen. Der rechtsradikale bulgarische EU-Abgeordnete Dimitar Stojanow meinte im Jahr 2007 in einem E-Mail, in seinem Land gebe es "tausende von Zigeunermädchen", die hübscher seien als Jaroka. Wer wolle, könne sie kaufen, "für 5000 Euro das Stück".

"Stinkende Zigeunerin"

Auch der rumänische Staatspräsident Traian Basescu fiel mit rassistischen Äußerungen auf, als er eine Journalistin als "stinkende Zigeunerin" bezeichnete. Selbst der für Minderheiten zuständige slowakische Vize-Premierminister Dusan Caplovic zweifelte kürzlich an der Integrierbarkeit zumindest der älteren Generation der Roma. "Sie sind nicht gewohnt, selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, sie warten auf Hilfe von außen", so Caplovic. Manche ältere Roma würden vermutlich ihr gesamtes Leben ohne fließendes Wasser verbringen.

Wissen: Roma

Immer hat man versucht, sie sesshaft zu machen - haben wollte sie aber keiner. Dies scheint das Dilemma der "Zigeuner" zu sein, die man lange unter diesem negativ behafteten Sammelbegriff zusammenfasste. Seit einigen Jahren hat sich in Europa die Diktion "Roma und Sinti" durchgesetzt, obwohl weitere Gruppen wie die "Gitanos" in Spanien existieren.

Traditionell konfrontiert mit Vorurteilen wie dem "Wandertrieb" sowie überschäumender Sexualität, sollten die Roma zur Sesshaftigkeit gezwungen werden, obwohl die betroffenen Gemeinden alles taten, um sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden.

Ab dem 14. Jahrhundert kamen die Roma von Indien nach Mitteleuropa, wo sie als Kesselflicker, Pferdehändler oder Musiker Heere begleiteten. Mit der Bildung erster europäischer Nationalstaaten in der frühen Neuzeit verdichtete sich das administrative und juristische Netz, welches immer weniger Raum für das vormoderne Lebensmodell der umherziehenden Roma ließ. Im Habsburgerreich zielten die Gesetze auf Vertreibung und Zwangsassimilation ab. Nach der NS-Zeit, in der 200.000 bis 500.000 Roma ermordet wurden, blieben sie behördlichen Schikanen ausgesetzt.