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Europas "vergessene Kinder"

Von Eva Stanzl

Wissen
Kinder psychisch Kranker versuchen oft, die Familie zusammenzuhalten. Foto: bilderbox

EU-Projekt: Hilfe für betroffene Kinder und Jugendliche. | Viele entwickeln selbst psychische Krankheiten. | Graz/Wien. Drei bis elf Prozent der Kinder in der EU haben einen Elternteil, der psychisch erkrankt ist. In Österreich schätzen Experten die Zahl der Kinder mit einer psychisch kranken Mutter auf 67.000. Die tatsächliche Betroffenheit ist aber größer, da zu Kindern psychisch kranker Väter keine Daten vorliegen.


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"Kinder, deren Eltern etwa an Depression, bipolarer Störung oder Schizophrenie leiden, gelten als vergessene Kinder. Ihre Belastungs-Symptome sind im Vergleich zu Kindern mit Behinderung oder sozialer Benachteiligung weniger augenscheinlich. Zudem dreht sich die Erwachsenen-Therapie um die Patienten - die Eltern", erklärt Manfred Pretis, klinischer Psychologe und Heilpädagoge in Graz. Rund ein Drittel der betroffenen Kinder entwickelt in der Folge selbst eine psychische Krankheit.

Die Mitleidenschaft der Kinder steigt nicht mit der Art der Krankheit, sondern mit der Stärke der Symptome. Die Auswirkungen auf die Kleinen reichen von Bindungsunsicherheit über verlangsamte Sprachentwicklung bis hin zu übersteigerten Schuldgefühlen. "Wenn sie sich nicht erklären können, warum der Papa manchmal mit ihnen spielt und manchmal nicht, suchen sie den Grund in sich", sagt Pretis.

Andere "verstummen", weil sie zu wenig Rückmeldung von ihren Eltern bekommen: Sie sprechen nicht mehr an, was sie bewegt, lernen langsamer zu sprechen und ziehen sich zurück. "Am meisten gefährdet, psychische Instabilitäten zu erleiden, sind jedoch jene, die den Helden spielen, indem sie versuchen, die Familie zusammenzuhalten und zu viel Verantwortung übernehmen. Etwa achten sie darauf, dass die Eltern ihre Medikamente einnehmen", sagt der Psychologe.

Er nennt jedoch Faktoren, die betroffenen Kindern helfen können, ihr Leben besser zu meistern. Es gelte, Bereiche zu fördern, in denen sie Freude erleben und Emotionen zeigen dürfen, sowie sie zum selbständigen Handeln zu ermutigen. Bei einem Dreijährigen wäre das etwa, die Tasche selbst auf den Haken zu hängen oder ihn zu ermutigen, mit Bausteinen zu bauen. Verwandte, Freunde und Institutionen müssen aktiviert werden, die den Kindern Stabilität bieten, um eine positive Umwelt zu schaffen, in der die Kinder sich aktiv erleben können.

"In unserer Praxis erklären wir zudem dem Kind vor seinen Eltern, was mit den Eltern los ist - ähnlich wie wenn jemand Fieber hat oder eine gebrochene Hand", sagt Pretis: "Fünfjährige sind eher in der Lage, Modelle der Botenstoffe im Gehirn zu verstehen, als sie es aushalten, nicht aufgeklärt werden." Vorausgesetzt, die Eltern finden ihren Weg zum Arzt. Etwa die Hälfte psychischer Erkrankungen bleibt unbehandelt.

Ein von Pretis und der Donau-Universität Krems geleitetes EU-Projekt (http://www.strong-kids.eu) bietet eine Anlaufstelle für Kinder und Eltern, die hier anonym Hilfe suchen können. Zudem werden Sozialarbeiter trainiert, Belastungs-Symptome bei Kindern zu erkennen.