Experten: Pädophilie lässt sich kontrollieren, aber nicht heilen

Von Eva Stanzl

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Hinter dem Konsum von Kinderpornos steht die sexuelle Neigung zu Minderjährigen. Womit haben wir es im Detail zu tun?


Mit unmündigen Kindern kann man nichts vereinbaren. Zumindest nichts, das über deren Spektrum hinausreicht. Sie können keiner Sache zustimmen, die sie mangels Erfahrung nicht einschätzen können. Als Gesellschaft schützen wir daher die Kinder. Für sexuellen Kontakt ist das Schutzalter 14 Jahre, allerdings dürfen Minderjährige keinen Sex mit einer Autoritätsperson haben. Unter Kinderpornografie sind Kindesmissbrauchsdarstellungen sowie jegliche Abbildung von geschlechtlichen Handlungen an oder mit Personen unter 18 Jahren begrifflich zusammengefasst. Aus diesem Grund ist Pädophilie anders zu werten als sexuelle Fantasien, Fetischismen und Triebe zwischen Erwachsenen, die damit einverstanden sind.

Wie am Freitag bekannt wurde, muss sich der Wiener Schauspieler Florian Teichtmeister am 8. Februar wegen schwerer Vorwürfe vor Gericht verantworten. Auf diversen Datenträgern seien 58.000 Mediendateien mit mutmaßlich kinderpornografischem Material gefunden worden. Womit haben wir es im Detail zu tun? "Hinter dem Konsum von Kinderpornos steht Pädophilie, sie ist der Ausgangspunkt", erklärt Gabriele Wörgötter, Fachärztin für Psychiatrie und gerichtlich zertifizierte Sachverständige.

Als "Sexuelle Präferenz für Kinder, Jungen oder Mädchen oder Kinder beiderlei Geschlechts, die sich meist in der Vorpubertät oder in einem frühen Stadium der Pubertät befinden", definiert der ICD-10-Diagnoseschlüssel zur amtlichen Klassifikation für ärztliche Diagnosen unter Punkt F65.4 die Pädophilie. Wie häufig kommt eine solche Präferenz vor?

Für eine Studie, die 2016 im Fachmagazin "Journal of Sex Research" veröffentlicht wurde, hat ein Team um Beate Donbert von der Universität Regensburg versucht, herauszufinden, wie viele Menschen davon betroffen sind. 8.718 Männer wurden befragt, ob sie sexuelles Interesse an Minderjährigen hätten. "4,1 Prozent bejahten, wobei nur 0,1 Prozent angaben, kernpädophil, also von Vorpubertären erregt, zu sein", erklärt Elisabeth Wieser von der Sigmund Freud Privat-Universität Wien: "Die meisten Befragten haben somit eine Mischpräferenz."

In den meisten Fällen Männer

Wörgötter ordnet Pädophilie als "tief in der Persönlichkeit verankerte abnorme sexuelle Neigung" ein, "die man in der Psychiatrie einem krankhaft gestörten Sexualverhalten zuordnet. Eine fundierte wissenschaftliche Erklärung gibt es nicht dafür." In den meisten Fällen seien Männer betroffen. Man könne vermuten, dass Sexualität für Männer einen anderen Stellenwert hat oder Männer Sexualität anders ausleben, oder dass das Machtgefälle bei Männern eine größere Rolle spiele als bei Frauen. Weitere Erklärungen könnten "eine unreife Persönlichkeitsstruktur mit der Scheu, sich erwachsenen Frauen zu nähern, Enttäuschungserlebnisse in Beziehung zu Frauen, Angst vor Rivalität mit Gleichaltrigen, aber auch Dissozialität, Empathielosigkeit oder Narzissmus" sein, sagt die Psychotherapeutin.

Pädophilie macht nicht unbedingt straffällig. Zur strafbaren Handlung kommt es dann, wenn Betroffene Kinderpornos erwerben, besitzen oder weitergeben oder im äußersten Fall körperlich sexuellen Missbrauch betreiben.

Alexander Seppelt von der Männerberatung Wien unterscheidet "grundsätzlich zwischen Pädophilie und Pädosexualität". Er erklärt: "Der pädophile Mensch hat noch nicht unbedingt Handlungen gesetzt. Er findet zum Beispiel als 13-Jähriger 13-Jährige attraktiv und alles scheint normal. Wenn er aber mit 20 feststellt, dass er sich immer noch nur über Kinder erregen kann, erzeugt das einen Leidensdruck", sagt Seppelt. "Pädosexualität ist es aber erst dann, wenn jemand beginnt, Handlungen zu setzen, indem er Kinderopfer sucht, sie berührt, oder sich pornografische Fotos aus dem Internet herunterlädt."

"In der Bevölkerung herrscht die Wahrnehmung, dass jemand, der pädophile Gedanken hat, auch gleich ein Triebtäter ist. Bei weitem der überwiegende Teil missbraucht jedoch keine Kinder körperlich. Fast keiner derjenigen, die sich Missbrauchsabbildungen ansehen, misshandelt Kinder physisch, aber fast alle, die tätlich werden, haben sich vorher Missbrauchsabbildungen angeschaut", sagt Wieser.

Da Kinder als Unmündige nicht zustimmen können, als pornografisches Lustobjekt aufzutreten, "ist auch das Betrachten von Kinderpornos Missbrauch", sagt Seppelt.

Mit der Ausprägung ändert sich die Behandlung. Pädophilie lasse sich nicht heilen, sondern bloß kontrollieren. "Wer bereits Handlungen setzt, dessen Verhalten müssen wir versuchen, zu unterbinden", erläutert der Psychotherapeut. Pädophile, die ihre Neigung hingegen nicht ausleben, weil sie wissen, dass sie jemandem schaden würden, müssen wir dabei unterstützen, sie weiterhin nicht in die Tat umzusetzen."

Suchtverhalten bei Pornos

Wörgötter sieht ein Suchtverhalten bei Konsumenten von Kinderpornografie. "Unmengen von Dateien, Bildern und Videos werden gesammelt, um sich sexuelle Befriedigung aus dem Ansehen dieser Abbildungen zu holen." Auch Zwangsgedanken, weil man das Verlangen nicht stillen kann, können entstehen - ganz ähnlich, wie wenn jemand zu rauchen aufhören will und daher an nichts anderes denkt.

Masturbationsfantasien kommen auf und machen sich breit. "Davon geheilt zu sein, würde bedeuten, dass diese Fantasien verschwänden. Das ist nicht möglich, aber sie können die Macht über die Psyche verlieren", hebt Seppelt hervor. "Es gibt verhaltensmodifizierende Programme, wo wir mit Klienten systematisch Motivationen erarbeiten, andere Handlungen zu setzen. Besonders hilfreich ist es, wenn Betroffene möglichst früh merken, wenn sie in der Erregungskurve sind, und sich nicht darauf einlassen. Bestimmte Menschen empfinden auch eine Änderung der Lebensumstände als heilsam."

Seppelt zufolge würden "die wenigsten Männer wollen, dass die Opfer leiden". Wenige seiner Klienten hätten Gewaltfantasien, sehr viele aber würden sich ihre Neigung "schönreden und fantasieren, dass die Situation für alle passt". Und der Experte betont, dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen betroffen sind - zwar seltener, aber doch.