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Experten warnen vor Immobilienblase

Von Thomas Wagner

Wirtschaft

Die Wohnung ist ein hässliches Loch ohne Fenster? Kein Problem, solange sie in Manhattan liegt. Im New Yorker Geschäftsviertel suchten im Moment so viele solvente Interessenten ein Appartment, dass selbst solche Angebote problemlos einen Käufer fänden, sagt Douglas Wagner, Präsident der Immobilienagentur Benjamin James.


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Der Run auf die eigenen vier Wände mag im Big Apple besonders ausgeprägt sein, doch sieht es in London, Paris, Bangkok und Schanghai nicht viel anders aus. Experten warnen mittlerweile vor einer weltweiten Immobilienblase, deren Platzen auch die Konjunktur erschüttern könnte.

"Die Leute denken, das ist die Chance ihres Lebens, sie müssen jetzt kaufen oder nie", beschreibt Immobilienmakler Wagner die Lage auf dem US-Markt. Das bis 2004 historisch niedrige Zinsniveau, das Kredite billig machte, und das Misstrauen in die Börse nach dem Zusammenbruch vieler Dot.Com-Firmen sind Gründe dafür, dass die Nachfrage nach Immobilien so drastisch nach oben kletterte. In den Vereinigten Staaten stiegen die Preise 2004 das 13. Jahr in Folge. Im Juni wechselten 7,33 Millionen Immobilien den Besitzer - ein neuer Rekord. Immer mehr Spekulanten wittern zudem ein gutes Geschäft und treiben die Preisrallye weiter voran.

Auch Großbritannien und Frankreich haben in den vergangenen Jahren ähnlich drastische Preiserhöhungen erlebt. Franzosen müssen für eine Immobilie mittlerweile 70% mehr auf den Tisch legen als 1998. In Großbritannien verdoppelte sich nach Angaben der Halifax-Bank der Durchschnittspreis für eine Wohnung zwischen 2000 und 2004 auf 162.000 Pfund (rund 234.000 Euro). Die zweistelligen Preissteigerungen seien deutliches Indiz für ein Blase, sagt der Marktforschungsexperte beim Immobilienverband Deutschland (IVD), Peter-Georg Wagner.

Weiteres Indiz für einen ungesunden Hype: Immer mehr Briten und US-Amerikaner kaufen ihre Häuser und Wohnungen auf Pump oder nehmen auf ihr Wohneigentum Hypotheken auf, um damit andere Anschaffungen zu finanzieren.

Das geht aber nur so lange gut, solange die Immobilienpreise weiter klettern, warnen Experten. Noch ist Arbeitslosigkeit in Großbritannien niedrig, doch wächst die Zahl der jobsuchenden Briten seit Jahresanfang. Sollte die Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten stark zunehmen, bestehe das Risiko einer brutalen Preiskorrektur auf dem Immobilienmarkt, sagt der britische Ökonom Howard Archer. Denn Menschen ohne regelmäßiges Einkommen konsumieren weniger und kaufen erst recht kein Wohneigentum.

Angesteckt von der Goldgräberstimmung prüften zudem viele Banken die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden nicht sorgfältig. Im Jahr 2004 galt schon ein Drittel der US-Immobilienkredite als risikobelastet, schreibt die Vereinigung der Hypothekenbanken MBA. Bei einem Preisverfall könnten viele überschuldete Investoren ihre Kreditraten nicht zahlen, müssten im schlimmsten Fall ihre Immobilien unter Wert verkaufen, und Banken blieben vielfach auf ihren Forderungen sitzen. "Die Situation gleicht mehr und mehr einer Blase", warnt John Llewellyn von der US-Bank Lehman Brothers. Selbst eine Rezession im Falle eines Preissturzes schließt er nicht aus.AFP