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Explosive Stichwahl

Von Michael Schmölzer

Politik

Ashraf Ghani gegen Abdullah Abdullah: Wettlauf um die afghanische Präsidentschaft in der Zielgeraden.


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Kabul/Wien. Am Samstag geht die entscheidende Stichwahl über die Bühne, und die beiden verbliebenen Kandidaten für das Amt des afghanischen Präsidenten legen sich in der Zielgeraden mächtig ins Zeug: Das gilt vor allem für Ex-Finanzminister Ashraf Ghani - steht er doch den Prognosen zufolge auf verlorenem Posten. Also absolviert Ghani einen Wahlkampfauftritt nach dem anderen und redet sich die Stimme heiser: Es sei die Rolle des Präsidenten, den Menschen und dem Land zu dienen, erklärt er in Kabul vor jubelnden Anhängern. Unter seiner Präsidentschaft werde es Jobs und Hilfe für die arme Landbevölkerung geben.

Der 65-jährige Paschtune hat einige Asse im Ärmel. Immerhin hat er im ersten Wahlgang fast ein Drittel der Stimmen bekommen; und er blickt auf eine glänzende berufliche Karriere zurück. Der ehemalige Ökonom bei der Weltbank war sogar als möglicher Nachfolger Kofi Annans als UN-Generalsekretär im Gespräch. Mit dem scheidenden unbeliebten Präsidenten Hamid Karzai hat Ghani den US-Hintergrund gemein - erst 2009 hat er die Staatsbürgerschaft abgelegt.

Der Mann, der als Technokrat gilt, hat sich zuletzt auch die Unterstützung einiger Warlords gesichert - doch das konnte nicht verhindern, dass sich sein Rivale, Ex-Außenminister Abdullah Abdullah, schrittweise in den Vordergrund spielte. Der gelernte Augenarzt war im Wahlkampf präsenter, schon im ersten Wahlgang hatte er mit 45 Prozent die meiste Unterstützung. Zuletzt haben sich einstige Konkurrenten im Rennen um die Präsidentschaft hinter Abdullah gestellt. Der Viertplatzierte Abdul Rab Rasul Sayaf spricht sich jetzt für den Favoriten aus genau wie Ex-Außenminister Salmai Rassoul. Ob das tatsächlich für den Sieg ausreicht, bleibt abzuwarten. Jüngste Schätzungen deuten darauf hin, dass es Ghani gelungen ist, den Rückstand auf Abdullah zu verringern.

Damoklesschwert Taliban

Die Taliban, die einen erbitterten Kampf gegen die Isaf-Truppen im Land und die Regierung in Kabul führen, versuchen unterdessen mit allen Mitteln, die Wahl zu sabotieren. Ihre Sommeroffensive ist längst voll angelaufen und die Afghanen werden von den Islamisten davor gewarnt, an dem Votum teilzunehmen. Wer es doch tut, hat Courage, denn zahlreiche Anschläge auf Einrichtungen der Regierung sind zu erwarten. Erst am vergangenen Freitag entging Abdullah selbst einem Attentat nur um Haaresbreite. Nach einer Wahlkampfveranstaltung sprengte sich ein Selbstmordattentäter in der Nähe seines Konvois in die Luft, dann detonierte eine weitere Bombe neben den Fahrzeugen. Sieben Menschen starben - auch ein Leibwächter Abdullahs überlebte den Anschlag nicht. Es war 2014 schon das zweite Attentat auf Abdullah, der vor allem bei den Tadschiken im Norden populär ist. Sollte tatsächlich einer der Kandidaten getötet werden, müsste laut Gesetz die gesamte Wahl neu abgehalten werden.

Die Bilanz, die Afghanistan nach zwölf Jahren Hamid Karzai zieht, ist mehr als ernüchternd. Das Land am Hindukusch wird nach dem Abgang des von George W. Bush installierten Politikers immer noch einer der unsichersten, ärmsten und korruptesten Staaten der Welt sein. War zunächst von Demokratie und Frauenrechten die Rede, so markierte die Präsidentenwahl 2009 den absoluten Tiefpunkt. Karzai sah sich schweren Betrugsvorwürfen ausgesetzt, der Afghane warf seinerseits dem Westen Manipulationsversuche vor. Der damalige britische Premier Gordon Brown nannte Karzais Regierung "ein Synonym für Korruption". Parallel dazu wuchs Karzais Kritik am internationalen Militäreinsatz, das Verhältnis zu Washington ist mittlerweile mehr als unterkühlt. In den USA gilt er als schwierig und unberechenbar. Der Isaf-Einsatz habe Afghanistan "viel Leid gebracht, den Verlust zahlreicher Leben und keine Vorteile - denn das Land ist nicht sicher", wurde die Kritik Karzais immer deutlicher.

Säumige Nato

In der Tat hat auch die internationale Staatengemeinschaft in den vergangenen Jahren schwerwiegende Fehler in Afghanistan begangen. Der Wiederaufbau wurde kaum koordiniert, das Land mit Geld überschüttet, was die Korruption nur noch weiter anheizte. Dem Erstarken der Taliban setzte die Nato viel zu lange viel zu wenig entgegen. Trotz vieler Misserfolge bleibt Karzai aber eine Leistung unbenommen: Es wird das erste Mal in der afghanischen Geschichte sein, dass die Macht demokratisch übergeben wird.

Mit internationalen Soldaten in Afghanistan wird es allem Anschein nach auch Karzais Nachfolger zu tun haben. Laut US-Plänen sollen künftig 10.000 amerikanische Soldaten bleiben. Sie sind zur Ausbildung der lokalen Sicherheitskräfte und für Anti-Terror-Operationen abgestellt. Bis Ende 2015 soll ihre Zahl halbiert werden. Ende 2016, so der Plan, werden nur noch die üblichen Sicherheitskräfte für die US-Botschaft im Land sein.

Die Taliban, die nach den Terroranschlägen 2001 wegen ihrer Unterstützung für Osama bin Laden als das Böse schlechthin galten, sind nach 13 Jahren Krieg nicht besiegt - sie haben nach wie vor die Kontrolle über weite Teile des Landes. Pessimisten warnen, dass eine neuerliche Machtübernahme der Islamisten nicht vom Tisch ist.

Portraits der Kandidaten