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Explosives Smartphone-Business

Von Gregor Kucera

Wirtschaft

Samsungs Desaster mit dem Galaxy Note 7 hat Auswirkungen auf die gesamte Branche.


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Seoul/San Francisco. Es begann mit einer kleinen Meldung. Bei einigen Modellen des neuen Samsung Galaxy Note 7 gebe es technische Probleme, hieß es. Wenig später war klar: Die Smartphones - oder besser gesagt: die verbauten Lithium-Ionen-Akkus - können in Flammen aufgehen. Der südkoreanische Hersteller startete Anfang September ein Austauschprogramm, wenig später sogar ein Austauschprogramm der ausgetauschten Geräte und kündigte nun, als letzte Konsequenz, das dauerhafte Ende seines geplanten Top-Modells an.

Innovation bis zum Umfallen

Das ist nicht nur ein Fiasko für Samsung - immerhin hätte die Bauart des Note 7 auch für kommende Top-Modelle, das S8 und S8 Edge, Vorbild sein sollen. Dieser Fall könnte endlich jene Diskussionen in Gang bringen, um die sich die Elektronik-Branche bislang stets erfolgreich gedrückt hat. Wie viele neue Handy-Modelle muss man in zwölf Monaten auf den Markt werfen? Gehen die schnellen Produktionszyklen auf Kosten der Sicherheit? Wie lange muss ein Smartphone eigentlich halten und gibt es gesetzliche Möglichkeiten, der geplanten Obsoleszenz einen Riegel vorzuschieben? Und zu guter Letzt: Selbst wenn ein Gerät ewig hält, die Hersteller dann aber keine neuen Betriebssystem-Updates ausliefern, was bringt das dann? Auch die Konsumenten müssen sich nun möglicherweise mit veränderten Realitäten konfrontieren.

Wie so oft im Leben, so auch hier: Des einen Schaden ist die Freude der anderen. Im Samsung-Fall verdeutlich sich dies an den Aktienkursen des Mitbewerbs. Apples Aktienhöhenflug setzte mit dem Ende des Galaxy Note 7 ein. Und auch Google hat sich unerwartet mit seiner Ankündigung, nun eigene Smartphones in den Handel zu bringen, von null weg als potenzieller Marktführer (auch im Hardware-Bereich) im Android-Segment ins Spiel gebracht. Das Weihnachtsgeschäft scheint für Samsung gelaufen, Experten rechnen daher mit erhöhten iPhone- und Google Pixel-Verkäufen. Auch Sony, LG oder Huawei scheinen in den Startlöchern zu scharren, um sich die Samsung-Anteile zu holen.

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Problemfall Akku

Es gibt kaum ein elektronisches Gerät, in dem sie nicht verbaut werden. Sie stecken in Smartphones, Laptops, Digitalkameras und Akkubohrern und treiben E-Bikes an. Lithium-Akkus zeichnen sich durch kurze Ladedauer, relativ lange Laufzeit und geringes Gewicht aus. Und außerdem sind sie recht sensibel. Fachleute aus der Abfallwirtschaft mahnen schon seit geraumer Zeit zu einem sorgsamen Umgang mit Lithium-Akkus, um unkontrollierte Reaktionen zu vermeiden. Doch viele Anwender wissen gar nicht, dass sich in ihren Geräten solche Akkus finden. Und auch die bisherigen Empfehlungen - keine Temperaturschwankungen, keine mechanischen Beschädigungen und Originalteile zu verwenden - scheinen nicht der Weisheit letzter Schluss.

Moderne Smartphones sind mit den unzähligen verbauten Teilen und vor allem mit den installierten Anwendungen wahre Stromfresser. Doch ein Handy, dem nach drei Stunden die Energie ausgeht, will niemand. Daher wurden in den letzten Jahren immer stärkere Akkus gebaut. Diese weisen eine unglaubliche Energiedichte auf und reagieren immer sensibler auf unliebsame Einflüsse von außen. Der neueste Innovationsschritt sind biegsame, flexible Lithium-Ionen-Zellen, die ein ebenso biegsames Smartphone ermöglichen sollen.

Jeden Monat ein neues Handy

Der Faktor Zeit spielt in der IT-Branche generell eine wesentliche Rolle. Die Anwender haben sich daran gewöhnt, dass Software nur mehr als Beta-Version ausgeliefert wird. Was früher jahrelang in den Entwicklungsabteilungen ausgetestet wurde, muss nun möglichst rasch auf den Markt kommen. Ständige Updates schließen Sicherheitslücken und suggerieren Innovation. Der Kunde muss sich mit Problemen herumschlagen und stets die neuen Versionen installieren. Und ein Fernseher oder auch ein Smartphone ist eigentlich ohnehin schon bei der Ankündigung, nicht mehr nur beim Verkaufsstart veraltet. Dies zeigte sich etwa bei Apples iPhone 7. Kaum war die Produktvorstellung erfolgt, monatelanger Hype und PR inklusive, wurden schon die ersten Stimmen laut, was das iPhone 8 denn bringen wird. Kaum ist ein neues Modell da, ist das zwei Jahre alte Smartphone schon wieder Elektroschrott. Und sollte ein Handy oder Notebook doch einige Jahre problemlos laufen, dann kann man spätestens mit dem dritten Software-Update nur mehr eingeschränkte Funktionalität genießen. Festverbaute Akkus tun hier ihr Übriges. Apropos Akkus: Die Lebenszeit eines Handys wird eigentlich in Akkuladezyklen gemessen. Analog dazu bei modernen Fernseher in der maximal möglichen Haltbarkeit der Displays je nach Nutzungsdauer. Interessant ist dabei aber, dass wenige Hersteller die Ladezyklen ihrer Endgeräte auch veröffentlichen. Eine Ausnahme stellt hier das Fairphone dar, bei dem die Lebensdauer mit 10.000 Ladezyklen angegeben wird. Gerade anhand dieses Beispiels zeigt sich auch, dass man als Anwender Kompromisse eingehen muss. Immer auf dem neuesten technischen Stand zu sein, dabei aber alle Komponenten auswechseln zu können und dies auch noch über Jahre hinweg, ist in der Realität nicht gegeben. Zu schnell sind die Entwicklungszyklen, zu offensiv die Werbung und die Austauschfrequenz. Eine Trendwende ist hier allerdings auch erkennbar. Immer mehr Kunden wollen nicht jedes Jahr viel Geld in ein Smartphone investieren. Ein vernünftiger Preis für eine längerfristige Nutzungsdauer wird verstärkt Thema, zumindest suggerieren dies aktuelle Studien und Umfragen.

Wie lange ist lange?

In einigen Ländern werden auch schon rechtliche Rahmenbedingungen gegen eine geplante Obsoleszenz, also eine - schon im Design mitbedachte - kalkulierte Lebenszeit der Elektrogeräte, angedacht. Das Problem dabei ist jedoch, dass niemand sagen kann, wie lange ein Gerät eigentlich halten muss. Sind zwei Jahre schon genug? Oder 20? Müssen der Verkäufer, der Hersteller oder die Lieferanten der einzelnen Bauteile diese Lebenszeit garantieren können? Und dann wäre man wieder beim Thema der einheitlichen Standards, die seit Jahrzehnten gefordert und angedacht werden und dann doch nie kommen.

Je mehr Elektronik, desto geringer die Lebenszeit, oder desto höher die möglichen Fehlerquellen. Ganz zu schwiegen davon, dass Reparaturen anstatt der üblichen Praxis des einfachen Austausches - defekt gegen neu - zu erschwinglichen Preisen möglich sein müssten.

Alle Shareholder in diesem Markt sind gefordert. Ein Umdenken längst dringend notwendig. Dass von Nokia nur noch der Rest eines Gummistiefel-Herstellers übrig ist und Ericsson schon gar niemand mehr kennt, hätte vielleicht schon die Augen öffnen können. Fraglich ist, ob und wie sich Samsung erfangen wird.

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