Zum Hauptinhalt springen

"Fairness für alle" als Deckmantel

Von Christian Verschueren

Gastkommentare

Europa sollte seine Landwirte schützen, nicht große multinationale Lebensmittelkonzerne.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 5 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Sollte man Nestlé, Unilever oder die CocaCola Company vor Carrefour, Tesco oder Metro schützen? Das EU-Parlament hat kürzlich für solch einen Schutz gestimmt, indem es einen EU-Gesetzentwurf über die gegenseitigen Beziehungen der Akteure in der Lieferkette grundlegend geändert hat. Der ursprüngliche Vorschlag der EU-Kommission bezüglich "unfairer Handelspraktiken" zielte darauf ab, schwächere Akteure in der Lebensmittelkette - also Landwirte und kleine Lebensmittelverarbeiter -, zu schützen, wenn sie an größere Genossenschaften, große multinationale Lebensmittelhersteller und Einzelhändler verkaufen. Er legte strenge Vorschriften fest, beispielsweise kürzere Zahlungsfristen für verderbliche Lebensmittel oder ein Verbot, Bestellungen in letzter Minute zu stornieren.

Lebensmittelkonzerne teilen nicht Gewinne mit Lieferanten

Alles ziemlich logisch und akzeptabel, und etwas, das alle Unternehmen, einschließlich der Einzelhändler, ohnehin einhalten sollten. Aber unter dem Deckmantel der "Fairness für alle" haben die großen multinationalen Lebensmittelkonzerne das EU-Parlament überzeugt, diese Beschränkungen auszudehnen - und viele weitere hinzuzufügen, die keinem Landwirt helfen, sondern diese Konzerne vor robusten - aber im Wettbewerb notwendigen - Verhandlungen mit dem Einzelhandel zu schützen. Ihr Argument lautet wie folgt: Wenn wir die Verhandlungsposition der großen Hersteller in der Lebensmittelversorgungskette gegenüber den großen Einzelhändlern per Gesetz stärken, dann können die großen Hersteller höhere Preise verlangen, von denen dann auch ihre Lieferanten, insbesondere die Landwirte, profitieren werden. Würde es wirklich so kommen? Professor Tommaso Valletti, einer der Chefvolkswirte der EU-Kommission, bezweifelt dies ernsthaft: Er argumentiert, dass ein großer Hersteller, der eine Regulierung von unfairen Handelspraktiken dazu nutzen würde, die Einzelhändler unter Druck zu setzen und die Preise zu erhöhen, zu denen Einzelhändler vom Hersteller kaufen, "keine Verpflichtung oder Anreize hat, die zusätzlichen Vorteile, die er aus einer solchen Regelung ziehen würde, mit seinen eigenen Lieferanten zu teilen, was sogar unwahrscheinlich ist".

An diesem sogenannten Trickle-down-Effekt erhebt Valletti grundsätzliche Zweifel: "Wenn die Handelsbeziehungen zwischen großen Lebensmittelherstellern und großen Lebensmitteleinzelhändlern durch EU-Recht geregelt werden, werden wahrscheinlich nur die ohnehin schon hohen Margen der großen Hersteller weiter wachsen." Es steht schlicht und ergreifend nicht auf der Agenda der Lebensmittelkonzerne, ihre Gewinne mit ihren Lieferanten zu teilen. Das haben die Lebensmittelunternehmen sogar selbst zugegeben.

Der Druck der aktivistischen Aktionäre hat dazu geführt, dass sie sich Ziele für noch höhere Margen gesetzt haben. Nestlé hat öffentlich angekündigt, dass die Betriebsgewinnmarge von 16,5 Prozent im Jahr 2017 auf 17,5 bis 18,5 Prozent im Jahr 2020 steigen soll. Auch Unilever erzielte im vergangenen Jahr eine operative Gewinnmarge von 16,5 Prozent und will bis 2020 rund 20 Prozent erreichen. Kraft-Heinz meldete sogar eine Nettomarge von 26 Prozent.

Also, wo werden diese Gewinne in Zukunft landen? Politiker, die gerade laut für "Fairness für alle" trommeln, werden es vielleicht noch bereuen und miterleben müssen, dass höheren Gewinne einfach in die Taschen der Aktionäre der großen multinationalen Lebensmittelkonzerne fließen und die europäischen Landwirte, die angeblich davon profitieren sollen, leer ausgehen.

Vergleicht man einige Zahlen für große multinationale Lebensmittelkonzerne und Europas größte Einzelhändler, so sieht man Folgendes: Die Nettomargen liegen hier bei 22 Prozent und dort bei 1 bis 3 Prozent; die Marktkapitalisierung der Hersteller ist etwa 8 bis 10 Mal höher als jene der Einzelhändler. Kein Einzelhändler in Europa verzeichnet mehr als
2 Prozent des weltweiten Umsatzes eines multinationalen Lebensmittelherstellers, dessen Produkte er in den Regalen haben muss, um keine Kunden zu verlieren.

Am Ende werden die Kunden an der Kassa mehr bezahlen

Wer muss also vor wem geschützt werden? Einzelhändler sind bereits täglich mit der Forderung nach ungerechtfertigten Preiserhöhungen durch große multinationale Unternehmen konfrontiert. Die Position dieser Hersteller gegenüber dem Einzelhandel zu stärken, wird nur die Aktionäre der multinationalen Konzerne erfreuen. Die Verbraucher hingegen werden bestürzt sein. Wenn Einzelhändler höhere Preise akzeptieren müssen, werden sie diese nicht auffangen können, und am Ende werden die Verbraucher höhere Preise für eine breite Palette bekannter Produkte an der Kasse zahlen müssen.

Dazu meint Valletti: "Die Regulierung von Handelsgeschäften zwischen großen Marktteilnehmern könnte den Druck der Großkunden auf große Hersteller reduzieren, deren Margen zu verringern, und aufgrund ihrer breiten Auswirkungen auf den Markt und letztlich auf die Verbraucherpreise erhebliche Marktstörungen mit sich bringen." Das klingt nicht gerade nach "Fairness für alle". Vielmehr führt es zu einer gefährlichen Verschiebung hin zu einem angebotsbestimmten Markt.

Statt sich darauf zu verlassen, dass die Einzelhändler die Verbraucher und Bürger versorgen und in deren Interesse in den Verhandlungen mit ihren Lieferanten daran arbeiten, niedrige Preise zu erzielen sowie Bioprodukte und Produkte aus der lokalen Landwirtschaft zu fördern, werden die Verbraucher das nehmen müssen, was die Landwirte und Hersteller ihnen vorsetzen - zu dem Preis und unter den Bedingungen, die die Landwirte und Hersteller selbst festgelegt haben. Die Landwirte werden weiterhin das liefern, was sie produzieren wollen, und nicht das, was die Verbraucher nachfragen.

Die EU sollte sich bei der Regulierung der Lieferkette im Lebensmittelhandel wirklich ernsthaft damit befassen, wen sie so schützen möchte - und wer eigentlich keinen Schutz benötigt.