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Faszination Verbrechen

Von Brigitte Suchan

Wissen

Menschen morden, stehlen und rauben. In der Realität findet man das abgesehen vom gesetzlichen Standpunkt moralisch abstoßend und verabscheuungswürdig. In der Literatur finden auch noch die grausigsten Mordtaten eine begeisterte Leserschaft. Warum das so ist, versucht "Das Wiener Journal" mit dem Autor Georg Haderer zu ergründen.


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Georg Haderer geht es in seinen Krimis auch um Gerechtigkeit.
© Foto: Ricardo Herrgott

"Das Böse ist immer und überall" lautet der Refrain eines Songs der österreichischen Pop-Rock-Band EAV (Erste Allgemeine Verunsicherung) und wenn man das tägliche Fernsehprogramm durchsieht, lässt sich dieser Eindruck nur bestätigen. Eine unüberschaubare Reihe von Soko- und CSI-Folgen,  "Tatort"-Wiederholungen in Endlosschleife – und doch sorgt selbst die x-te Wiederholung eines Serials bei den privaten Sendern noch für Quote. "In jedem von uns schlummert ein Psychopath", raunt eine Stimme bedrohlich in einem Trailer für eine US-Krimiserie, die durch besonders grausame Morde hervorsticht. Unwillkürlich ist man versucht, nachzuschauen, ob man wirklich die Tür und alle Fenster gut verschlossen hat, ehe man sich dem fiktiven Morden und Quälen hingibt.

Mit dem realen Bösen wollen wir alle nichts zu tun haben. Eher beschäftigt uns die Frage, warum es böse Menschen, die quälen, foltern und morden, überhaupt gibt. Der deutsche Psychiater und Angstforscher Borwin Bandelow vermutet in seinem neuen Buch "Wer hat Angst vorm bösen Mann?" den Ursprung des Bösen in der menschlichen Hirnchemie. Bandelow beschreibt Täter und Fälle, die er selbst behandelt hat, darunter auch den Fall Kampusch und Josef Fritzl. Seine These ist einfach: Böse Menschen leiden an einem Mangel an Endorphinen und suchen stets nach dem ausgleichenden Schub. Sie verstoßen gegen alle Regeln der Gesellschaft und trachten nach Macht. Denn Macht (über Opfer) produziert viele Endorphine.

Die Kompensation der realen Gewalt in der literarischen Form des Kriminalromans, ist eine Entwicklung des frühen 19. Jahrhunderts und ist in Zusammenhang mit dem Entstehen einer bürgerlichen Gesellschaft zu sehen. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in keiner Kultur einen Polizeiapparat, der sich überhaupt um die Aufklärung von Verbrechen bemühte. In Frankreich wurde 1810 die erste ermittelnde Polizei gegründet – bezeichnenderweise von einem früheren Berufsverbrecher, der über eine gute Kenntnis der Szene verfügte. In England wurde ab 1829 Scotland Yard aufgebaut. Erst in einer Gesellschaft, die Verbrechen mithilfe einer staatlichen Behörde aufzuklären versuchte, konnte der Kriminalroman entstehen. Der im April verstorbene Krimiforscher und Buchhändler Manfred Sarrazin belegte diese Theorie damit, dass in Staaten mit geringem Rechtsbewusstsein und wenig Demokratie auch keine Krimis geschrieben oder gelesen wurden.

Einige Literaturwissenschafter bezeichnen Friedrich Schillers "Verbrecher aus Infamie – eine wahre Geschichte" von 1786 als ersten Krimi. Anderen gelten "Die Frau in Weiß" (1860) von Colin Wilkie oder Edgar Allen Poes Kurzgeschichte "Der Doppelmord in der Rue Morgue" aus 1841 als Initialzündung des Genres, das sich ungebrochener Beliebtheit erfreut. In Deutschland ist nach Angaben des Börsenvereins des deutschen Buchhandels jedes fünfte Buch, das gelesen wird, ein Krimi.

Fiktion vs Realität

Doch was fasziniert uns so am Verbrechen? Diese Frage stellte das "Wiener Journal" dem Autor Georg Haderer, dessen neuer Krimi "Es wird Tote geben" vor kurzem erschienen ist. Der sympathische Tiroler aus Kitzbühel lacht und macht sich über die Flut von "Sokos" im Fernsehen lustig. "Letzte Folge von Soko-Kitzbühel, alle Einwohner ermordet", witzelt er zur Begrüßung. Seit 2008 schreibt Haderer Krimis mit dem raubeinigen Major Johannes Schäfer von der Wiener Kriminalpolizei als Hauptfigur. "Es geht um den Kick und den Rätselcharakter bei Krimis", ist er überzeugt. "Man muss nur mit einem Rätsel beginnen, und schon ist der Leser gefangen, weil er wissen will, wer’s war. Der Kopf sucht nach einer Erklärung, ist süchtig nach einer Auflösung. Vor allem, wenn es sich um Ereignisse außerhalb der Norm handelt." Das erklärt auch, warum man absurd schlechte Krimis zu Ende liest, grinst er.

Er hätte sich im Vorfeld einige Gedanken gemacht über diese Faszination, die Verbrechen offenbar ausübt, holt Haderer aus. Man müsse erst einmal unterscheiden zwischen Verbrechen, die in einem zumutbaren Ausmaß passieren, und inakzeptablen Gewaltverbrechen.  "Es fasziniert mich überhaupt nicht, wenn der Nachbar seine Frau umbringt, aber Raub hat schon etwas Ambivalentes. Denken Sie nur an Robin Hood. So ein Outlaw-Charakter fasziniert, er symbolisiert die Auflehnung gegen etwas Starres, setzt ein eigenes Lebenskonzept durch. Können Sie sich erinnern an den ‚Pumpgun-Ronny‘? (1) Er hat mit einer Ronald-Reagan-Maske mehrere Banken überfallen, ohne dass ihn die Not dazu getrieben hätte. Eigentlich war er Marathon-Läufer. Er wollte nur Marathon laufen und Banken ausrauben." Haderer erzählt, dass ihn als Kind das vermeintlich freie Leben der Zigeuner besonders fasziniert hätte. "Es ist nicht so, dass Ordnung nur etwas Gutes ist. Gesetz knechtet auch."

Wir philosophieren über den "Reiz des anderen Wegs", des anderen Milieus, der Subkultur. Georg Haderer, der sich selbst als "ziemlich spießig" beschreibt, will sich nicht damit beschäftigen, dass in jedem von uns möglicherweise ein Psychopath schläft, auch nicht, dass das Böse immer und überall sein könnte. Er ist froh, dass wir in einem Land leben, in dem sich alle an den Gesellschaftsvertrag halten. "Trotzdem ernten die, die sich darüber hinwegsetzen, Bewunderung, ja sogar Respekt", grübelt er.

Mit Haderer zu diskutieren, ist äußerst anregend. Für jedes Argument hält der knapp 40-Jährige im gleichen Satz auch das Gegenargument bereit. Finden wir Verbrechen im wahren Leben wirklich faszinierend, oder doch nur in der Fiktion eines Romans oder Films – als kalkulierbaren Nervenkitzel, den man jederzeit unterbrechen und zeitlich begrenzen kann? "Es ist ja interessant, dass diejenigen Serien und Bücher am wenigsten Erfolg haben, die Charaktere und Ereignisse möglichst realistisch und analytisch entwickeln. Das geht einem zu nahe,  da bricht die Distanz weg. Es erhebt sich die Frage: Wie viel an Grausamkeit kann man lesen, bis man es nicht mehr aushält?" Für ihn sei zum Beispiel Primo Levis autobiographischer Bericht "Ist das ein Mensch?" über seine Internierung im KZ Auschwitz so ein Buch gewesen, das er nicht mehr ausgehalten hätte. Auch die Recherchen zu seinem Buch "Der bessere Mensch", in dem er sich mit dem Themenkomplex des Human Enhancement (2) und in weiterer Folge mit den Geschehnissen am Spiegelgrund während der Nazizeit beschäftigte, hätten ihn an persönliche Grenzen geführt.

Das Spannungsfeld zwischen Fiktion und Realität gilt es nun auszuloten. Warum kommen gerade aus den skandinavischen Ländern mit ihrem hohen sozialen Niveau die brutalsten und grausamsten Krimis der letzten Jahre? "Als Kompensation?", überlegt der Autor, "oder dient die inszenierte Brutalität der Triebabfuhr?" Kriminalromane bilden jedenfalls kaum die Wirklichkeit ab, darüber sind wir uns rasch einig. Sie befriedigen in erster Linie ein Unterhaltungsbedürfnis einer Gesellschaft, für die Gewalt und Verbrechen eben nicht zum Alltag gehören.

Georg Haderer, der sich am liebsten mit Büchern von Peter Handke, Ingeborg Bachmann und Franz Kafka umgibt, ist kein Schnellschreiber. Der aktuelle Band ist der fünfte in seiner Mayor-Schäfer-Reihe, den er als "langjährigen Begleiter" bezeichnet, der ihm ab und zu auch auf die Nerven geht. "‚Der Alte‘ und ich, wir sind ein seltsames Paar", meint er augenzwinkernd. Mayor Schäfer könnte man nach dem Gespräch mit seinem Erfinder als literarischen Ausgleich für ein bestehendes Ohnmachtsgefühl herrschenden Verhältnissen gegenüber bezeichnen. "Gerechtigkeit gibt’s nur im Buch", stellt Haderer fest, relativiert Gesagtes aber gleich und fügt hinzu, dass er sich als Privatperson nicht als Kämpfer für Gerechtigkeit sehe. Er wolle in seinen Romanen lediglich Ordnung bringen in instabile Zustände, aber sein Hauptanliegen sei die Sprache.

Die Inspiration zu seinen komplexen Handlungssträngen bezieht er aus alltäglichen Geschehnissen – obwohl "das alltäglich Böse fasziniert mich nicht." Vielmehr sei er literarisch daran  interessiert, aus kurzen Szenen komplexe Zusammenhänge herauszuarbeiten, die durch reale Ereignisse inspiriert seien. "Das setzt eigene Maßstäbe für das Böse", stellt er fest. "Die wahren Abgründe der menschlichen Seele zeigen sich in den Kommentaren bei Foren und Postings", meint Haderer, "in denen die Menschen unreflektiert ihre Bosheiten öffentlich äußern." Manchmal erhält er selbst böse und respektlose Mails, über die er sich "sehr ärgert", wie er zugibt. Ein neuer Stoff?

Print-Artikel erschienen am 13. September 2013 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", Seite 4 bis 7

Wissen
(1) Der gebürtige Niederösterreicher Johann Kastenberger hielt in den Achtzigerjahren als "Pumpgun-Ronny" das Land in Atem. Mit einer Pumpgun und einer Ronald-Reagan-Maske verkleidet, verübte er zwischen 1984 und 1988 mehrere Banküberfälle. Kastenberger war überdies erfolgreicher Marathon-Läufer. Bis heute hält er bei einem steirischen Berglauf-Marathon den Rekord.

(2) Mit Body bzw. Human Enhancement wird die Leistungssteigerung des Menschen bezeichnet. Dabei soll mithilfe von Technologien wie zum Beispiel der Biotechnologie, Gentechnik oder Nanotechnologie das Potenzial, das im menschlichen Körper steckt, ausgeschöpft werden.

Buchtipp
Georg Haderer: Es wird Tote geben, Verlag Haymon, Hardcover, 324 Seiten (August 2013)