Zum Hauptinhalt springen

Fatale Verbindung, die in Darfur begann

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Die sudanesischen Generäle Al-Burhan und Daglo waren einst Alliierte. Jetzt bekämpfen sie einander mit allen Mitteln.


Sie kennen sich schon lange. Bereits seit 2003 haben Militärgeneral Abdel Fattah al-Burhan und Milizenchef Mohammed Hamdan Daglo zusammen einen blutigen und äußerst brutalen Krieg gegen Rebellengruppen in Darfur, der südlichsten Region Sudans geführt. Burhan in der sudanesischen Armee, der er auch heute noch angehört. Daglos Milizen nannten sich damals Dschandschawid. Inzwischen hat er sie in "Rapid Support Forces" (RSF) - was so viel heißt wie "schnelle Eingreiftruppe" - umbenannt.

Klingt besser. Denn mit Dschandschawid verbinden die Sudanesen viel Schlimmes. "Sie rochen nach Arak und Marisa", einer Biersorte, als sie das Dorf Hudjeirat al-Wadi überfielen und ein Gemetzel anrichteten. Der sudanesische Schriftsteller Abdelaziz Baraka Sakin, der zurzeit Stadtschreiber in Graz ist, hat in seinem Roman "Der Messias von Darfur" (Edition Orient) die Gräueltaten der Dschandschawid und der sudanesischen Armee an der Zivilbevölkerung in Darfur verarbeitet. "Einer wandte sich mir zu und schnitt mir mit einem Messer die Kleider vom Leib, andere halfen ihm, mein Bein an den Baum zu binden und das andere an einen Pflock, den sie in die Erde rammten. Die Vergewaltigungen begannen."

Einigung nicht möglich

Es ist ein schonungsloser Roman, eine Anklage, ein Aufschrei. Sakins Heldin ist eine Frau mit männlichem Vornamen. Abdarrahman will sich rächen für das, was die Milizionäre ihr und ihrer Familie angetan haben, für die Vergewaltigungen, die Demütigungen, die Misshandlungen. Dabei wird sie selbst zur Mörderin. Zehn tote Dschandschawid müssen es sein. Die junge Frau tut alles, um dieses Ziel zu erreichen, und landet schließlich im Lager der Rebellen, die gegen Burhan und Daglo kämpfen und die nicht weniger brutal sind.

Der Roman lässt nur unschwer erahnen, dass es zwischen Militärs, Milizen und der Zivilbevölkerung kaum zu einer Einigung kommen kann. Nun stehen Burhan und Daglo gemeinsam an der Spitze des Staates und bekämpfen sich gegenseitig. Zwei Alphatiere, die blutig um die Macht streiten.

Seit einem Militärputsch im Jahr 2021 wird der Sudan von dem sogenannten Unabhängigen Rat unter Vorsitz von General al-Burhan regiert. Sein Stellvertreter ist der RSF-Kommandeur Daglo. Beide sind Zöglinge des Langzeitautokraten Omar al-Bashir, den die Protestbewegung 2018 mit ihrer Revolution für Demokratie und gegen Militärherrschaft weggefegt hatte. Man kann also sagen, dass mit Burhan und Daglos eine Konterrevolution stattfand.

Eigentlich war vereinbart worden, dass dieser Unabhängige Rat, der seinem Namen in keinster Weise gerecht wird, Wahlen vorbereitet und eine Regierung mit Zivilisten zulässt. So jedenfalls verhandelte es Volker Perthes, Sudan-Sonderbeauftragter der UNO und früherer Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Doch von Anfang an war Skepsis geboten. In einer im November 2022 veröffentlichten Studie zum Verhalten des Militärs nach dem Putsch kamen Forscher des GIGA Instituts für Nahost-Studien in Hamburg zu einem teils ernüchternden Schluss: Das Militär behaupte zwar, es strebe die Demokratie an. Tatsächlich aber nehme dessen Führung schrittweise Änderungen vor, die der Armee weiterhin die Vorherrschaft sicherten. "Selbst scheinbar moderate politische Veränderungen könnten die Militärherrschaft gegen zivile Herausforderungen stärken", mahnten die Forscher.

Volker Perthes muss sich nun vorwerfen lassen, den Generälen auf den Leim gegangen zu sein. Drei UNO-Mitarbeiter sind bereits getötet worden. Überhaupt werden die Vereinten Nationen im Sudan kritisch gesehen, und diese Haltung geht zurück auf den Konflikt in Darfur, wo sie als Friedentruppen ohne "hartes Mandat" eingesetzt waren. Das heißt überspitzt gesagt, die UN-Mitarbeiter schauten zu, wie Dschandschawid und sudanesische Armee die Zivilbevölkerung abschlachteten.

Die Bevölkerung leidet

Die Kämpfe sind mittlerweile fast flächendeckend. Beide Generäle sind fest entschlossen, so lange gegeneinander zu kämpfen, bis einer aufgibt. Auch in Darfur wird wieder gekämpft, nachdem es nach dem Sturz Bashirs ruhiger geworden war. Dabei geht es nicht nur um die politische und militärische Macht in Khartum, es geht auch um die Bodenschätze, über die der Sudan verfügt: Eisen, Chrom, Mangan, Gold und das jetzt heiß begehrte Silizium, dazu noch Uran für Atomkraftwerke.

Trotzdem müssen die beiden Kontrahenten schnellstens zur Raison gebracht werden, denn ihr Zwist wird auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen. Die UNO und die Amerikaner sind nicht die geeigneten Vermittler. Ägyptens Präsident al-Sisi muss seinen Namensvetter Abdel Fattah in Khartum, zu dem er traditionell die besten Beziehungen pflegt, überreden, den Kampf mit seinem Kontrahenten einzustellen. Und Salva Kiir, ehemaliger Rebellenführer und jetziger Präsident des Südsudan muss dasselbe mit Daglo tun. Nur dann wird es gelingen, die beiden Kampfhähne einzudämmen.