Feiern im moralischen Dilemma

Von WZ-Korrespondent Denis Trubetskoy

Politik

Kiew war für sein Nachtleben bekannt - und das existiert auch im Krieg. Doch ins Tanzen mischt sich nun Unwohlsein.


"Die Menschen müssen auch abschalten, doch sie fühlen sich beim Tanzen oder Singen unwohl." Nadija ist Barfrau eines Techno-Klubs im historischen Kiewer Bezirk Podil, der als Party-Viertel gilt. Seit rund sechs Jahren arbeitet sie dort. In der Zeit ist das Nachtleben der ukrainischen Hauptstadt immer schillernder geworden. Es existiert auch jetzt, im Krieg. Jedoch sei es nun "ein moralisches Dilemma, ob man sich das Feiern erlauben darf, während deine Landsleute in Awdijiwka oder Bachmut sterben", erzählt Nadija.

Immerhin gibt es für den Sonntag etwas Positives zu vermelden. Dieser wird nicht nur einen gewöhnlichen Tag Ende März markieren, an dem die Uhr wieder umgestellt wird. Darüber hinaus bekommen die Kiewer nämlich ein kleines Stückchen, genauer gesagt, eine Stunde, ihrer Bewegungsfreiheit zurück. Denn die nächtliche Sperrstunde, die seit Mai ab 23 Uhr beginnt, wird dann erst um 0 Uhr losgehen. Das mag auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen. Doch das Leben der Bewohner Kiews wird alleine dadurch stark erleichtert, dass der öffentliche Verkehr, der bisher höchstens bis 22 Uhr in Betrieb war, eine zusätzliche Stunde anbieten wird.

Eine in diesen Tagen sehr seltene gute Nachricht ist das nicht nur für die Bürger, die sich nun ein bisschen länger bewegen können und vermutlich an Taxikosten sparen werden. Etwas freuen dürfen sich ebenso Besitzer und Mitarbeiter der Nachtklubs oder Karaoke-Bars, die seit Beginn der russischen Invasion eine schwere Krise erleben.

Durch den Hintereingang

Dabei ist die Hauptstadt der Ukraine für ihr Nachtleben bekannt. Spätestens mit dem Jahr 2017, als Billigfluganbieter in Folge der erteilten Visafreiheit ihre Präsenz in der Ukraine stark erhöht haben, wurde Kiew auch für internationale Party-Touristen mehr als lediglich ein Geheimtipp. Eine Tendenz, die sich während der Corona-Pandemie noch verstärkte. Zwar waren die Covid-Maßnahmen in der Ukraine ähnlich streng wie woanders in Europa. Nicht immer haben die Behörden jedoch ganz genau hingesehen, was einen Teil der ausländischen Besucher zusätzlich lockte.

Selbst während der härtesten Lockdowns war es keine Seltenheit, dass Bars und Klubs in Kiew ihre Gäste durch Küchen und Hintereingänge durchgelassen haben. Was aber in Covid-Zeiten ging, geht während des russischen Krieges nicht. Im vergangenen Sommer haben es etliche, vor allem teurere Veranstaltungsorte mit einem überdurchschnittlich verdienenden Klientel versucht, während der Sperrstunde weiterzuarbeiten und die Gäste erst nach deren Ablauf um 5 Uhr morgens aus dem Gebäude zu lassen. Die Reaktion der Polizei und anderer Behörden war jedoch so hart, dass sich das kaum jemand noch traut. Hohe Geldstrafen waren alles andere als nur ein Symbolakt: Kiew mag seit April des Vorjahres nicht mehr direkt an der Front liegen, doch dass die meisten früher üblichen Nachteinsätze, oft aus Anlass spontaner betrunkener Konflikte, wegen der Sperrstunde wegfallen, entlastet die Polizei enorm, die in Kriegszeiten ihre Kräfte woanders einsetzen muss.

Trotzdem geht eine Art Nachtleben in Kiew weiter, auch wenn es nicht unbedingt so bezeichnet werden kann - selbst nicht ab kommender Woche, wenn die Öffnungszeiten um eine Stunde verlängert sind. Die meisten Bars und Klubs hatten zuletzt freitags und samstags durchschnittlich zwischen 15 und 22 Uhr geöffnet - viel Nacht blieb also nicht übrig. Auch fällt es auf, dass die Anzahl der Besucher zwar nicht mehr so niedrig wie im vergangenen Jahr ist, sich jedoch dramatisch von der Vorkriegszeit unterscheidet. Der Grund dafür ist aber nicht nur, dass viele Menschen geflohen sind; in Cafés sind oft genauso viele Gäste zu sehen wie vor dem Krieg.

Vielmehr fällt das Dilemma ins Gewicht, das Barfrau Nadija anspricht. "In regulären Cafés oder Restaurants existiert dieses Dilemma so nicht, da haben die Menschen weniger Hintergedanken", meint sie. Dennoch sieht sie im Klub immer öfter bekannte Gesichter: "Frühere Stammgäste verhalten sich vorerst sehr zurückhaltend, öffnen sich aber recht schnell. Es ist trotz allem schön, das zu beobachten."

Diesmal ist jeder betroffen

Abgesehen von der kleineren Besucheranzahl und doch etwas gebremsten Stimmung erinnert hier äußerlich vieles an die Zeit vor Februar 2022. Jedoch ist der Krieg gerade bei Rauchpausen vor dem Klub ständig ein Thema - und das nicht als etwas, das trotz andauernder Drohnen- und Raketenangriffe auf die Hauptstadt grundsätzlich weit weg stattfindet. So stehen Aljona und Hanna, beide Mitte 20, vor dem Eingang. Früher haben sie gemeinsam in einer Pizzeria gearbeitet. Nun ist der Kontakt seltener, aber gleichzeitig auch tiefer geworden. "Mein Freund kämpft im Bezirk Saporischschja nahe der Front. Aljonas Bruder wurde vor kurzem auch eingezogen, bleibt aber vorerst im Hinterland", berichtet Hanna. "Wir versuchen, einander zu unterstützen. Ich gebe Aljona aus meiner Erfahrung Ratschläge, wie sie mit diesem Stress umgehen kann. Dafür zwingt sie mich quasi, öfter rauszugehen und abzuschalten. Das hilft mir sehr, aber ohne sie würde ich dies wohl gar nicht machen."

Ähnliche Geschichten kann nahezu jeder Klubbesucher erzählen. Darin liegt der große Unterschied zwischen der heutigen Realität und etwa 2014/2015, als der Krieg im Osten des Landes ausbrach. Manch ein Außenstehender könnte in Kiew denken, das Leben in der Stadt unterscheide sich abgesehen von Luftalarmsirenen, der Sperrstunde und ein paar Raketeneinschlägen kaum von der Normalität. Die Restaurants sind voll, die Menschen mühen sich, ihrem Alltag nachzugehen. Doch während 2014 und 2015 das Leben trotz des Krieges im Osten tatsächlich regulär weiterging, ist das nun deutlich anders, was man selbst in einem Nachtklub spürt.

Diesmal ist jeder auf eine oder andere Weise betroffen, auch durch die verstärkt laufende Mobilmachung, weil die Russen ebenfalls mobilisieren. 2014 war die Wahrscheinlichkeit, eingezogen zu werden, ausgesprochen gering. Je länger der aktuelle Krieg aber dauert, desto absehbarer wird für jeden Einzelnen, bald dienen zu müssen. "Das ist halt die Realität", sagt etwa der langhaarige Software-Entwickler Pawlo, ebenfalls Mitte 20, mit einem Gin Tonic in der Hand: "Deswegen versuche ich, schlicht jetzt und heute zu leben."

Aus für russische Pop-Lieder

Techno-Klubs und schicke Bars repräsentieren aber nur einen Teil des Kiewer Nachtlebens. Sie werden meist von jungen Vertretern der Zivilgesellschaft besucht, die sich überdurchschnittlich stark für die Politik interessieren und 2014 nicht nur politisch, sondern auch bei moderner Pop-Kultur mit Russland abgeschlossen haben. Die gefühlte Mehrheit der Menschen hatte nach 2014 zwar keine Sympathien für Russlands Präsident Wladimir Putin mehr, lebte aber noch im gemeinsamen Kulturraum mit dem Nachbarland. Russischer Pop und Rap hat ukrainische Charts dominiert, russische Stand-up-Sendungen waren in den YouTube-Trends ganz vorne. Entsprechend oft waren russische Pop-Lieder in Tanzklubs allgemeiner Ausrichtung oder auch in den in Kiew sehr beliebten Karaoke-Bars zu hören.

Etwas mehr als ein Jahr nach dem 24. Februar 2022 ist all das größtenteils weg. Die ukrainische Stand-up-Comedy hat sich zum Beispiel völlig gegen die russische Konkurrenz durchgesetzt. Die Views auf YouTube sind um das Zehnfache gestiegen, die Live-Auftritte in den Untergrundbars sind sehr beliebt geworden. Nicht nur, weil Satire sehr aktuell ist, sondern auch, weil Auftritte in solchen Bars von Luftalarmen nicht gestört werden. Die russischsprachige Musik ist zwar nicht völlig verschwunden: Es werden durchaus auch russischsprachige Lieder der ukrainischen Künstler wie Monatik oder Switlana Loboda gespielt, die auch in Russland Erfolg hatten. Aktuelle Hits direkt aus Russland sind aber meist Fehlanzeige - auch deswegen, weil das öffentliche Abspielen der Lieder der russischen Künstler, die den Krieg nicht öffentlich verurteilt haben, nun gesetzlich untersagt ist. Völlig verschwunden ist die russische Musik trotz des Verbots aber nicht.

Karaoke in Uniform

Es ist eine Szene aus einer Karaoke-Bar im nordwestlichen Kiewer Bezirk Obolon, die im März 2023 surreal aussieht und trotzdem echt ist: Ein Soldat in ukrainischer Uniform singt ausgerechnet Lieder von Michail Krug, des 2002 verstorbenen bekanntesten Vertreters des sogenannten russischen Chansons, der Musik mit kriminellem Unterton, die unter russischen Kriminellen und Häftlingen besonders beliebt ist. Andere Besucher sind erstaunt, sagen aber nichts dazu.

"Wir erlauben so etwas normalerweise nicht, das führt nur zu Konflikten. Und wenn das gefilmt und ins Netz gestellt wird, kann es einen großen Shitstorm mit Konsequenzen für unser Geschäft geben", erklärt Natalija, die Managerin der Bar. "Doch was sage ich jemandem, der unser Land verteidigt und trotzdem Krug singen möchte?" Eine eindeutige Antwort hat sie nicht parat - so wie sich viele andere moralische Dilemmata der Kriegszeit kaum mit einem Satz beantworten lassen.