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Feministin, Afghanin, radikal

Von Veronika Eschbacher aus Kabul

Frauentag

Bahar Soheili ist alles, was man als Frau in Afghanistan eigentlich nicht sein sollte: Sie widersetzte sich dem Willen ihres Vaters, ist geschieden und arbeitet als Stewardess. Sie ist die wohl extremste Vorkämpferin des Landes für mehr Frauenrechte.


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Kabul. Bahar Soheili erinnert sich bis heute mit Schaudern. Noch nie zuvor hatte sie so eine Leiche gesehen. "Sie war unglaublich zugerichtet, total verkohlt, ihr linkes Auge war offen", erinnert sich die 30-jährige Afghanin. Sie konnte aber gar nicht anders. Sie wollte, als der Sarg vor dem Begräbnis aus der Gerichtsmedizin in das Elternhaus gebracht wurde, unbedingt die Leiche von Farkhunda sehen. Die 22-jährige Farkhunda war vor fast genau einem Jahr am helllichten Tag in Kabul von einer Meute von 400 Männern gelyncht worden, weil sie - wie sich später herausstellte zu Unrecht - beschuldigt worden war, den Koran verbrannt zu haben. "Ich musste hinschauen, als der Deckel geöffnet wurde, um mir so die Kraft dafür zu holen, ihren Sarg zu Grabe zu tragen", sagt Soheili.

Gewalt gegen Frauen ist alltäglich

Der historische Tag, an dem erstmals in der Geschichte Afghanistans Frauen den Männern einen Sarg entrissen und selbst einen Menschen zu Grabe trugen, wurde auch für Soheili zu einer Zäsur. "Der Tod der unschuldigen Farkhunda war der Beginn von allem", erinnert sie sich. "In Afghanistan ist Gewalt gegen Frauen leider alltäglich. Hier aber hörte sich für mich jeder Spaß auf. Denn es waren nicht religiöse Fanatiker, die sie qualvoll umbrachten, sondern normale Menschen auf der Straße, junge, modern gekleidete Männer, während die Polizei tatenlos zusah."

Auch Soheilis Freunde bestätigen, dass die junge, lebhafte Frau mit dem markerschütternden und mitreisssenden Lachen seither eine andere ist. Zwar habe sie sich früher schon für Frauenrechte eingesetzt und den engen Konventionen, die für Frauen in Afghanistan gelten, widersetzt. All das aber mehr im privaten Bereich. Sie weigerte sich, den Mann zu heiraten, den ihr Vater für sie gewählt hatte, und ehelichte einen anderen Mann, den sie später verließ; und sie arbeitet als Flugbegleiterin, was viele ihrer Landsmänner und -frauen mit dem Beruf einer Prostituierten gleichsetzen. Seit einem Jahr kämpft Soheili öffentlich aktiv für Frauen ein, die Opfer von Gewalt wurden. "Ich greife die Fälle auf, die keiner anfassen will", sagt sie. Sie setzte sich etwa für eine schwangere Frau aus der nordöstlichen Provinz Badachschan ein, die die Taliban gemeinsam mit ihrer Mutter erschießen wollten. Die Mutter starb, die Frau aber überlebte, da sie nur ins Bein getroffen wurde. Angegriffen wurden die beiden Frauen, weil ihre Ehemänner für die Regierung arbeiteten. Soheili half, dass die Frau in ein besseres Krankenhaus verlegt wurde, und sammelte Geld für sie, damit sie an einem anderen Ort ein neues Leben beginnen konnte. Sie setzte sich auch für Setareh ein, eine Frau mit vier Kindern aus der westlichen Stadt Herat, deren Mann ihr die Nase und die Lippen abschnitt.

Der jüngste Fall ist jener von Resa Gul, einem Mädchen, dem auch die Nase von ihrem Mann in einem Wutanfall abgeschnitten wurde. Neben finanzieller Unterstützung prangert Soheili öffentlich den Umgang der Regierung mit den Opfern an. "Sie werden oft nur angerufen, wenn es eine Konferenz zum Thema Frauenrechte gibt, bei der sie auftreten sollen", sagt Soheili. Auf konkrete staatliche Hilfe würden sie oft lange warten. Generell lässt sie kaum ein gutes Haar an der politischen Führung ihres Landes. "Alles, was im Bereich Frauenrechte gemacht wird, ist rein symbolisch, reine Show", sagt sie. Die Regierung veröffentliche regelmäßig "Erfolgszahlen", etwa dass der Anteil der Frauen in der Flughafenpolizei nun 20 Prozent beträgt, oder betone, dass es drei Ministerinnen im Kabinett gibt. "Sieht man aber genauer hin: Frauen bei der Polizei haben nicht das Recht, selbst zu entscheiden, ob sie Kopftuch tragen wollen oder nicht. Und bei den Ministerinnen muss man sich fragen, ob sie wirklich dazu autorisiert sind, zu sprechen", sagt Soheili. Es würden nur Frauen für diese Posten gewählt, die man unter Kontrolle halten könne. "Frauen wie ich würden nie so eine Chance bekommen."

Soheili will auch nicht viel Verbesserung im Bereich der Frauenrechte unter dem neuen Präsidenten Ashraf Ghani ausmachen. Immerhin habe Ghani ein Büro für seine Frau installiert, in dem sie arbeitet - im Gegensatz zu seinem Vorgänger Hamid Karzai, der seine Frau weder arbeiten, noch öffentlich sprechen haben lasse. "Ghani aber zwang dafür seine Frau dazu, sich zu verschleiern, und änderte ihren Namen in Bibi Gul, damit die Afghanen sie als First Lady akzeptieren", sagt Soheili ("Bibi" ist für Afghanen religiös konnotiert, Gul heißt "Blume"). Dabei sei Rula Ghani gar nicht Muslimin. "Wenn eine Frau dazu gezwungen wird, ihre Identität zu ändern und sich zu verschleiern zugunsten der Politik ihres Mannes - wie kann sie für Frauenrechte kämpfen?", fragt Soheili. Dabei wäre der Einsatz des Präsidenten und seiner Frau überaus wichtig für das Land und die Frauenbewegung, ist die Aktivistin überzeugt. "Sie sollten die Debatten darüber anstoßen. Der Präsident aber hat Angst vor den Mullahs, und so bleibt er still."

Soheili betreibt auch eine öffentliche Facebook-Page, auf der sie täglich gegen die Diskriminierung von Frauen anschreibt. Sie hat rund 40.000 Follower. "Wenn ich mich dort über ein bestimmtes Thema äußere, dann zieht sich die Debatte praktisch durch die gesamte afghanische Online-Community", sagt sie. Und die Debatten, die Soheili anstößt, sind nicht ohne für ein Land, in dem sehr viele Menschen sehr religiös und konservativ sind. "Ich versuche, die religiösen Vorstellungen zu ändern. Jeder weiß, dass man im Koran Stellen findet, die Frauen benachteiligen. Wenn eine Frau all diese Stellen kennt, wie könnte sie sie annehmen? Denn wie kann man Regeln, die gegen dich sind, akzeptieren?", sagt sie. Aber auch kulturelle Traditionen kritisiert sie. Frauen würden in der afghanischen Kultur als Kriminelle gelten, die man in einer Zelle halten muss. Der Mann, der sie nicht unter Kontrolle habe und seiner Frau oder Schwester mehr Freiheit gebe, gelte als benamus, als ehrlos, sagt Soheili und schüttelt den Kopf.

Courage und ein mutiges Herz

Für ihre Beiträge erhält sie Zustimmung, wird aber immer auch wieder angegriffen. Die Attacken kommen aber nicht nur von Konservativen. "In diesem Land sind sogar die modernen und gebildeten Männer gegen Frauenrechte. Denn wenn es um ihre Vorteile geht, stehen plötzlich alle wieder auf der Seite der Religion und Tradition", sagt die Aktivistin. Aber auch von unerwarteter Seite hagelt es Kritik. Ihre so radikale und offene Art würde der Frauensache nicht zuträglich sein, heißt es von Frauenrechtsaktivistinnen im Land in Soheilis Richtung. "Sie wiederholen immer, dass wir in diesem Land sehr vorsichtig sein sollen, einen Schritt nach dem anderen machen sollen, immer langsam. Aber ich glaube nicht daran. Wir haben das zuvor schon versucht - und nichts hat sich geändert", sagt die Aktivistin. Immer wieder werde sie gebremst, TV-Sendungen mit ihr nicht wiederholt oder sie gebeten, Gastbeiträge in Zeitungen mehrmals zu überarbeiten, da sie "zu extrem" seien und sie sich doch bitte selbst nicht noch mehr in Gefahr bringen solle.

Von der Gefahr für ihr Leben will Soheili nichts wissen. "Wir wurden an einem Tag geboren, genauso, wie wir an einem Tag sterben werden. Also lasst uns lieber mit Courage und einem mutigen Herzen sterben", sagt sie. "Wieso sollte ich den Mund halten und so jeden Tag sterben? Da erhebe ich lieber meine Stimme und sterbe in Frieden."