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Firmen profitieren von Älteren

Von Andrea Möchel

Wirtschaft
Ältere Mitarbeiter konzentrieren sich nicht mehr auf ihre Karriere und geben daher ihr Wissen großzügiger an jüngere Kollegen weiter, wie eine Studie der Universität Münster ergeben hat.
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Ältere halten Krisen und Stress besser aus als Junge und sind teamorientierter.


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Wien. Werden wir künftig erst mit 70 Jahren in Rente gehen?

Warum nicht, meint die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und fordert angesichts der steigenden Lebenserwartung in den Industrienationen dringend eine schrittweise Anhebung des Rentenalters. Warum nicht, sagt auch Guido Hertel, Wirtschaftspsychologe an der Universität Münster und plädiert dafür, die Potenziale älterer Arbeitnehmer endlich besser zu nutzen.

Hertel untermauert seine Forderung mit einer umfangreichen Studie, bei der 40.000 Datensätze, sprich Interviews, Fragebögen und Tagebuchaufzeichnungen ausgewertet wurden. Das zentrale Ergebnis: Ältere Arbeitnehmer sind nicht nur stressresistenter und erfahrener, sondern auch teamorientierter. Der Grund: Da sich Ältere nicht mehr auf ihre Karriere konzentrieren, geben sie ihr Wissen großzügiger an jüngere Kollegen weiter. "Das sind oft Mitarbeiter, die nicht mehr nur auf den eigenen Profit schauen, sondern das Große und Ganze im Blick haben und deshalb besonders wertvoll für ein Team sind", ist der Wirtschaftspsychologe überzeugt. Vor diesem Hintergrund sei eine Ausweitung der Lebensarbeitszeit deutlich über 67 Jahre denkbar, wenn die Gesundheit das zulässt. "Verglichen mit unseren Vorfahren vor hundert Jahren haben wir im Durchschnitt zwanzig Lebensjahre geschenkt bekommen, noch dazu in deutlich besserer Gesundheit und Fitness. Aber was machen wir damit?", fragt Hertel. Statt einfach nur die Rentenzeit zu verlängern, sollten diese zusätzlichen Jahre produktiv genutzt werden, wovon auch die jüngeren Generationen profitieren würden.

Flexible Alte

"Der Einsatz älterer Arbeitnehmer kommt jenen Berufstätigen entgegen, die sich mehr Flexibilität in der Mitte ihrer Karriere wünschen, beispielsweise für eine längere Elternzeit oder eine zusätzliche Ausbildung", betont Hertel. Außerdem sind ältere Arbeitnehmer, deren Kinder meist schon erwachsen sind, flexibler und könnten bei Auslandseinsätzen besser eingesetzt werden als junge Eltern. Die Münsteraner Studie belegt auch, dass Arbeitnehmer über 50 Jahre motivierter und leistungsfähiger sind als gemeinhin angenommen.

Ein indirekter Zusammenhang zwischen Lebensalter und Motivation besteht allerdings doch: Wenn ältere Arbeitnehmer immer wieder erleben, dass sie nur wegen ihres Alters geringgeschätzt werden, verfestigt sich bei ihnen der Eindruck, dass die Chefetage ihrer Arbeit wenig Rückhalt entgegenbringt. "Man beginnt zunehmend die Misserfolge eigener Initiativen zu fürchten, was den leistungsorientierten Einsatz für das Unternehmen schwächen kann", lautet das Ergebnis einer Studie der Wirtschaftswissenschafterin Tanja Rabl von der Universität Bayreuth. "Je seltener ältere Mitarbeiter mit dem Vorurteil konfrontiert werden, dass sie weniger leisten können und wollen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich mit unverminderter Leistungsorientierung für ihr Unternehmen einsetzen", glaubt Rabl.

Steigende Akzeptanz

Nachhaltige Maßnahmen gegen Altersdiskriminierung in den Unternehmen sollten daher nicht unterschätzt werden. Eine Botschaft, die vielerorts leider noch nicht angekommen ist, bedauert Hertel: "Dabei sind Gewinnmaximierung und eine humane und gesunde Arbeitswelt keine Gegensätze, sondern die zwei Seiten einer Medaille." Allerdings habe die Akzeptanz älterer Berufstätiger in den vergangenen Jahren durch die öffentliche Diskussion des demografischen Wandels und des wachsenden Fachkräftemangels zugenommen, konstatiert Hertel. "Das wirkt sich auf die Unternehmen oft positiv aus, auch weil ältere Menschen sich selbst besser kennen und mit Emotionen bei der Arbeit besser umgehen können als jüngere Berufstätige." Hertels Studie widerlegt aber noch weitere Vorurteile. Zum Beispiel jenes, dass ältere Arbeitnehmer sich gegen Veränderungen wehren.

"Widerstände gegen Veränderungen hängen nicht mit dem Lebensalter an sich, sondern vielmehr mit dem Zeitraum zusammen, den ein Mitarbeiter an ein und demselben Arbeitsplatz zugebracht hat", erklärt der Psychologe. Auch das "Standing" der Älteren in Krisen und schwierigen Verhandlungen sei durch ihre längere Berufserfahrung besser. "Gerade im Sinne einer Humanisierung der Arbeitswelt sollten wir die Chancen nutzen, die uns der demografische Wandel gibt", ist Hertel überzeugt "Das dient nicht nur einer besseren und gesünderen Lebensplanung des Einzelnen, sondern auch der nachhaltigen Entwicklung der Unternehmen und des Wirtschaftsstandorts."