Flachbrüstig durchs Leben?

Von Alexandra Grass

Wissen
Brustkrebspatientin stilsicher in Pose.
© www.the-grace-project.org

Plastische Chirurgie steht nicht bei allen Überlebenden von Brustkrebs auf der Prioritätenliste.


Die Entscheidung, nach einer Brustkrebsoperation den gesellschaftlichen Vorstellungen von Weiblichkeit wieder zu entsprechen und damit die ursprünglichen Rundungen, wie sie üblicherweise als Voraussetzung für das Frau-Sein gesehen werden, wieder herstellen zu lassen, fällt scheinbar immer weniger zugunsten einer Brustrekonstruktion aus - zumindest im angloamerikanischen Raum, wie es diverse Plattformen präsentieren.

Vor allem sind es dabei die Sozialen Medien, die es Frauen heute viel leichter ermöglichen, ihren eingeschlagenen Weg nach einer Mastektomie (Brustentfernung) aufgrund einer Krebserkrankung an die Öffentlichkeit zu tragen. Und so präsentieren sich immer mehr Frauen auf unterschiedlichste Art und Weise - manche kunstvoll tätowiert, andere kunstvoll fotografiert - vernarbt und "flachbrüstig".

Frauenporträts spiegeln Zahl der Neuerkrankungen wider

"Going flat" heißt der Trend, wie ihn zuletzt die "New York Times" auch aufgegriffen hat. Die beiden Amerikanerinnen Debbie Bowers und Marianne DuQuette Cuozzo präsentierten ihre Körper via Videobotschaft über die Social-Media-Plattform wisdo.com. Ihre Landsfrau Paulette Leaphart marschierte letzten Sommer mit nacktem Oberkörper - und damit in zweifachem Sinn oben ohne - von Mississippi nach Washington, um auf die finanziellen Probleme von Krebspatienten in den Vereinigten Staaten aufmerksam zu machen. Sie ist der Ansicht: "Brüste sind nicht das, was uns zu Frauen macht." Wobei, sie scheint ihren Weg nicht freiwillig gewählt zu haben: Aufgrund einer Blutgerinnungsstörung wäre, wie die "New York Times" berichtete, eine Wiederherstellung der zwei entfernten Brüste zu gefährlich gewesen.

Die New York Foundation for the Arts wiederum hat die amerikanische Fotokünstlerin Isis Charise für ein ganz spezielles Projekt engagiert - "The Grace Project". Für eine Porträtserie fotografiert sie Brustkrebsüberlebende, die sich aufgrund ihrer Erkrankung einer Mastektomie unterziehen mussten, mit der Würde und Schönheit griechischer Göttinnen. "Die Narben werden zu Zeichen ihrer endlosen Courage", heißt es auf der Homepage www.the-grace-project.org. Bisher hat Charise rund 250 Betroffene abgelichtet. Das Ziel liegt bei 800 Frauen - das ist jene Anzahl an Neuerkrankungen, die täglich in den USA auftreten.

In Österreich liegt die jährliche Zahl der Brustkrebs-Neuerkrankungen laut Statistik Austria bei 5500 Frauen und rund 70 Männern. Den Trend "Going Flat" scheint es hierzulande nicht zu geben, wie Werner Haslik von der Abteilung für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie an der Wiener Universitätsklinik im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" aus seiner Alltagserfahrung berichtet. Die Wiederherstellung der Brust ist heutzutage auch schon Teil der Standardbehandlung und wird von den heimischen Krankenkassen bis zur letzten nötigen Operation übernommen. Ein Automatismus steht dennoch nicht dahinter, wie der Experte betont. Die Mediziner stehen den Betroffenen beratend zur Seite, doch die Entscheidung liege alleine bei der Patientin. "Überreden ist bei uns kein Thema." Die Kunst liege darin, herauszufinden, was man für die Patientin "machen kann, machen soll oder machen darf". Bis auf ein paar Ausnahmen können sich die Frauen das Prozedere der Rekonstruktion nach ausführlicher, mitunter auch zeitlich versetzter wiederholter Aufklärung und Bedenkzeit selbst aussuchen. "Manche Patientinnen kommen vier Mal zum Gespräch, bis der Weg klar ist und auch der Arzt das Gefühl hat, dass sich die Patientin damit identifizieren kann", so Haslik.

Die operative Brustkrebsbehandlung ist heute zwar nicht mehr so radikal wie noch vor einem guten Jahrzehnt, das Ergebnis für Frauen, die sich einer Mastektomie unterziehen müssen, dennoch furchteinflößend. Was meist übrig bleibt, sind Narben und Deformierungen. In vielen Fällen ist es auch nötig, die Brustwarze zu entfernen. Damit sieht die Brust einerseits nicht mehr aus, wie sie einmal war, andererseits fühlt sie sich auch nicht mehr so an wie die eigene. Legt man abends die Kleidung ab, schockiert der Griff ins Leere - einen großen Teil der Frauen.

"Going flat" kommt für viele nicht in Frage. Obwohl die Operationen - im Durchschnitt sind zwei Eingriffe nötig - auch mit Risiken verbunden sind, gehen viele Frauen bewusst diesen Schritt zur "Wiederherstellung" des Frau-Seins, wie es die Patientinnen mitunter selbst so definieren, erklärt Haslik. Die Motive für eine Brustrekonstruktion seien vielschichtig, oft geäußerte Wünsche sind, dass die Mastektomie im angezogenen Zustand nicht erkannt werden soll und dass die Kleidung nicht verrutscht, gibt der Mediziner die Wünsche seiner Patientinnen wieder.

Die Qual der Wahl bei den Methoden

Hierzulande scheint der Trend also eher in Richtung Wiederherstellung zu gehen. Dabei kommen im Anschluss an die Mastektomie grundsätzlich zwei Methoden zur Anwendung: die Eigengewebe- oder die Implantatsrekonstruktion. Welche Methode verwendet wird, hängt von mehreren Faktoren ab - in vielen Fällen können die Patientinnen aber selbst wählen.

Neue Techniken bei der Entfernung der Brust ermöglichen heutzutage auch einen besseren Wiederaufbau. Während früher beim Mammakarzinom die Haut mit der Brustdrüse entfernt wurde, wird heute bei der Sofortrekonstruktion nur noch die Brustdrüse entfernt, in einigen Fällen kann sogar die Brustwarze geschont werden. Der dabei erhaltene Hautmantel kann verwendet werden, um darunter entweder ein Implantat oder Eigengewebe zu platzieren. Damit bleibt die äußere Haut die eigene, wodurch einerseits eine bessere Optik erzielt werden kann, andererseits auch das Gespür viel weniger eingeschränkt ist. Verwendet man nämlich Haut von einer anderen Stelle des Körpers - etwa vom Bauch oder den Oberschenkeln - bleibt eine Taubheit an der wiederhergestellten Körperrundung.

Der Vorteil eines Implantats liege drin, "dass man es einfach aus dem Kasten nehmen kann", so der Chirurg. Damit verkürzen sich sowohl die Operationszeit als auch die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus. Der Nachteil im Vergleich zum Eigengewebe besteht darin, dass man das Implantat im Laufe des weiteren Lebens tauschen muss. Vor der Rekonstruktion muss auch abgeklärt werden, ob und welche weiteren Therapien auf die Patientin zukommen. Erfolgt im Anschluss an die Mastektomie nämlich eine Strahlentherapie, sei es manchmal besser, den Wiederaufbau der Brust nicht sofort durchzuführen, sondern erst nach Abschluss der Bestrahlung, erklärt Haslik.

Die Gesundheit ist allem anderen vorangestellt

Die Verarbeitung der Erkrankung erfolgt je nach Patientin individuell. Manche Frauen wenden sich etwa auch über Homestorys in Sozialen Medien an die Öffentlichkeit. Die an Brustkrebs erkrankte US-amerikanische Schauspielerin Shannen Doherty etwa lässt die Öffentlichkeit regelmäßig via Instagram an den Beschwerlichkeiten ihrer Krebserkrankung teilhaben. Vielfach erfolgen Darstellungen wie diese unter dem Vorwand, anderen Menschen Mut machen zu wollen. Inwieweit dies der Normalbürgerin tatsächlich nützt, bleibt hintangestellt. Vielmehr scheint es sich wohl um eine mögliche Variante des Weges zu handeln, das eigene Leid selbst besser verarbeiten zu können.

Die vielen Frauen abseits der öffentlichen Präsenz schleppen sich häufig unerkannt durch das Prozedere, das eine solche Erkrankung mit sich bringt. In den Therapiezonen der Krankenhäuser treffen sie aufeinander und tauschen sich auch aus. Sie werden - manche mehr, manche weniger - von ihren Familien und Freunden unterstützt. Das gesellschaftlich verordnete Wieder-Frau-Sein steht dann häufig nicht an erster Stelle der Prioritätenliste. "Die Gesundheit ist allem anderen vorangestellt", betont auch Werner Haslik aus Erfahrung. "Für das Aussehen lässt man keine Therapie unter den Tisch fallen."

Inwieweit Frauen nach einer Erkrankung wieder zurück ins Leben finden, wieder aufblühen und glücklich sind, hängt auf jeden Fall von vielen unterschiedlichen Komponenten ab. Welche Rolle die Brust dabei spielt, ist genauso individuell wie das Leben selbst. Wobei die endlose Courage dabei nicht allein in Bildern zum Vorschein kommt. Manche Frauen wählen den Weg der Öffentlichkeit, andere halten ihre Erkrankung, soweit das möglich ist, unter Verschluss. Und jeder Weg ist richtig.

"The Grace Project"