Zum Hauptinhalt springen

Fleckchen Erde als Heiligtum: Serbien zwischen 19. Jahrhundert und der EU

Von Michael Schmölzer

Analysen

Mit einer an Fanatismus grenzenden Hartnäckigkeit unterstreicht Serbien seinen Anspruch auf die kleine Provinz Kosovo. Was im Europa des beginnenden 21. Jahrhunderts, wo Grenzen verschwinden oder doch abgebaut werden, ein wenig merkwürdig und anachronistisch anmutet.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 16 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Solange Serbien existiere, werde es niemals einen unabhängigen Kosovo geben, meinte Premier Vojislav Kostunica. Die serbisch-orthodoxe Kirche nennt die Unabhängigkeit ein Geschwür, alle maßgeblichen politischen Kräfte in Belgrad weigern sich, die Unabhängigkeit überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.

Das erinnert ein wenig an jenes nationalistische Denken, das in Europa im 19. Jahrhundert üblich war; vor dem Deutsche, Franzosen und Briten nicht gefeit waren - und auch die Serben nicht.

Ein Fleckchen Erde zum Heiligtum zu erklären, wie dies im Fall des Kosovo in Serbien geschieht, und seinen Erhalt im Staatsverband zur Existenzfrage hochzustilisieren, stellt in diesem konkreten Fall ein Relikt des Panslawismus des 19. Jahrhunderts dar. Allerdings ist von dieser Idee nicht mehr viel übrig geblieben. Zuletzt hat sich Montenegro von Belgrad losgesagt, zuvor schon Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Das von Tito geschaffene und über weite Teile durch politischen Druck zusammengehalten Jugoslawien hat mit dem jetzigen Zeitpunkt endgültig aufgehört zu existieren, auch die alten Tito-Eliten sind nicht mehr am Ruder. Das, was in Belgrad derzeit geschieht, erinnert an ein Nachweinen an längst vergangene Zustände. Denn Faktum ist - und darauf weisen auch Völkerrechtler hin, dass der Kosovo mehrheitlich muslimisch-albanisch und eben nicht slawisch-christlich ist, die Loslösung vom serbischen Mutterland trägt dem nur Rechnung. Außerdem fragen sich Kritiker, warum der Kosovo, wenn er angeblich so wichtig ist, bereits in den 70er-Jahren von Belgrad so stiefmütterlich behandelt wurde.

Serbien kann jetzt mit der faktisch vollzogenen Kosovo-Unabhängigkeit auf zwei Arten umgehen. Entweder man verstrickt sich in nationalistischem Selbstmitleid und wählt damit den Weg der Selbstisolation. Oder man versucht nach angemessener Trauerperiode die alten nationalistischen Kategorien zu überwinden, was dann einem Modernisierungsschub gleichkäme. Zugleich würde man sich einer Vorstellungswelt annähern, die EU-kompatibel wäre. In Brüssel ist man interessiert, Serbien einzubinden und in Belgrad liefern sich EU-Gegner und -Befürworter einen heftigen Kampf um die Vorherrschaft.

Was den Kosovo selbst betrifft, so wird es spannend zu beobachten sein, wie sich der frisch gebackene und mit neuem Selbstbewusstsein ausgestattet Staat entwickeln wird. Optimisten sprechen trotz serbischer Sanktionen von einem zu erwartenden Aufwärtstrend.