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Flirtet Treichl mit der Commerzbank?

Von Karl Leban

Wirtschaft

Beide Banken als Bräute begehrt. | Erste braucht für Ostexpansion zusätzliches Kapital. | Wien. Ein heißes Gerücht macht derzeit in Wiener Finanzkreisen die Runde: Der Erste Bank, dem Spitzeninstitut der österreichischen Sparkassen, und der Commerzbank, der zweitgrößten deutschen Privatbank, wird nachgesagt, heftig miteinander zu flirten. "Ob daraus mehr wird, bleibt abzuwarten", heißt es. Die Rede ist von einer losen Kooperation bis hin zu einer möglichen Fusion beider Häuser.


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Wer bei einer Fusion wen schlucken würde, wird im Rahmen der jüngsten Spekulationen allerdings nicht näher spezifiziert.

Gemessen an ihrem Börsewert ist die Commerzbank um eine Spur größer als die Erste Bank. Das Frankfurter Kreditinstitut bringt aktuell 22,6 Mrd. Euro auf die Waage, während die Erste an der Börse eine Marktkapitalisierung von 18,1 Mrd. Euro hat.

Pikanterweise gelten beide Geldinstitute in der Finanzbranche seit längerem als begehrte Bräute. Erst vorige Woche stand die Commerzbank einmal mehr im Fokus von Übernahmespekulationen. Gerüchteweise war der US-Bankenriese Citigroup, der weltgrößte Finanzkonzern, als Kaufinteressent gehandelt worden, Gespräche wurden aber dementiert.

Keine Hochzeitspläne?

Dass nun Erste und Commerzbank eigene Hochzeitspläne schmieden und sich hier etwas anbahnen könnte, wird von beiden Seiten in Abrede gestellt. "Es gibt keine Gespräche über eine Fusion, eine Übernahme, einen Aktientausch oder sonstige Deals", so ein Sprecher der Erste Bank. Und in der Frankfurter Commerzbank-Zentrale heißt es: "An dem Gerücht ist nichts dran."

Für Andreas Treichl, den Konzernchef der Ersten, hat - wie er immer wieder betont - der Marktausbau in Zentral- und Osteuropa, wo auch die Commerbank präsent ist (neben Tschechien, der Slowakei und Russland vor allem in Polen), höchste Priorität. Analysten verweisen hier auf gute Ergänzungen mit der Commerzbank, die im Osten ebenfalls weiter expandieren will.

Einig sind sie sich darin, dass der Ersten ein Partner keineswegs schaden würde. Insbesondere wegen der rumänischen Großbank BCR, die im vergangenen Jahr für fast vier Mrd. Euro gekauft wurde, müsse das rasante Wachstum im Osten ausreichend mit Eigenkapital unterlegt werden. "Die Erste Bank kann nicht ständig und nach Belieben den Kapitalmarkt anzapfen", wird in Analystenkreisen argumentiert. Erst vor eineinhalb Jahren hat die zweitgrößte heimische Bank eine milliardenschwere Kapitalerhöhung abgewickelt - für die BCR-Übernahme.

Treichl selbst hätte es in der Hand zu bestimmen, wohin die Reise führt, wenn es um Eigentümerfragen geht. Als Bankchef sitzt er nämlich auch im Vorstand des Haupteigentümers. Und das ist die "Erste österreichische Spar-Casse Privatstiftung", die frühere AVS, die 30,6 Prozent der Anteile hält. Zudem sind die Sparkassen, die mit 6,7 Prozent beteiligt sind, über den Haftungsverbund mit der Erste Bank assoziiert. Treichl hat auch hier weitgehend Einfluss auf Entscheidungen.

Neben den Mitarbeitern des Bankkonzerns - sie halten rund 3 Prozent - sind der "befreundete" Austria Verein (Uniqa) mit 4,9 Prozent und der US-Fonds Capital Research and Management mit knapp mehr als 5 Prozent beteiligt. Knapp die Hälfte der Anteile ist breit gestreut. Die Commerzbank selbst hatte bis 2003 eine kleine Beteiligung von 1,7 Prozent gehalten.

Die Eigenständigkeit der Erste Bank würde Treichl, wie er unlängst in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Presse" betonte, freilich nur dann aufgeben, "wenn wir zum Schluss kommen, dass wir für unsere Eigentümer damit einen höheren Wert erzielen".

Blick nach Deutschland

Dass neben den osteuropäischen Märkten, wo die Erste stark verankert ist, eines Tages auch Deutschland ein Thema werden könnte, hat Treichl vor wenigen Monaten erstmals angedeutet, als er die Bank als Interessent für die zum Verkauf stehenden Landesbank Berlin ins Spiel brachte. Ein Angebot wurde nicht gelegt, über die Verkaufsunterlagen konnte sich Treichl aber einen größeren Einblick in den deutschen Banksektor verschaffen.

Begründet hatte er das so: "Wir sind dort sehr interessiert an den Geschehnissen." Es sei abwegig zu meinen, alles, was sich westlich von Wien oder Prag abspiele, spiele für ein großes Finanzinstitut keine Rolle.