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Form siegt über Inhalt

Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

Politik

Das TV-Duell der US-Vizepräsidentschaftskandidaten hat einen eindeutigen Sieger: Mike Pence, den Trump-Stellvertreter.


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Washington/Farmville. Freuen durfte sich am Ende nur einer und der hieß Donald Trump. Anders als die erste Fernsehdebatte zwischen Hillary Clinton und dem New Yorker Immobilien-Magnaten brachte die ihrer Stellvertreter in der öffentlichen Wahrnehmung einen klaren Sieger hervor. Nachdem die neunzig Minuten auf der Bühne der Longwood University zu Farmville, Virginia, vorbei waren, mussten sogar Trumps eingefleischteste Gegner einräumen, dass Mike Pence, der republikanische Gouverneur von Indiana, im Treffen mit Clintons Vize Tim Kaine das bessere Ende eindeutig für sich hatte.

Den Sukkus fasste am Tag danach vielleicht niemand besser zusammen als das "Wall Street Journal": "Wenn Trump so gut für Trump sprechen könnte, wie Mike Pence für Trump spricht, wäre der auf dem Weg ins Weiße Haus."

Die Gründe, warum Pence das Duell der Vizepräsidentschaftskandidaten so eindeutig gewann, sind so mannigfaltig wie problematisch - was nichts daran ändert, dass die Hauptschuld daran sein Kontrahent trug. Vom ersten Satz an ließ Tim Kaine keinen Zweifel daran, dass er an diesem Abend nur einen einzigen Auftrag hatte: Mit allen Mitteln Zweifel an der Eignung Donald Trumps für das Amt des amerikanischen Präsidenten zu sähen. Gebetsmühlenartig trug der Senator von Virginia die schlimmsten - und mittlerweile sattsam bekannten - Trump-Zitate über Mexikaner, Frauen, Muslime, Kriegsveteranen und Afroamerikaner vor und versuchte Pence damit in die Enge zu treiben.

"Überdrehter" Kaine

Angesichts der offensichtlichen Absurdität der Trump’schen Ergüsse tat der indessen das Einzige, was Sinn machte: Er stritt entweder deren Existenz ab oder ignorierte sie einfach. Was ihm die Sache dabei extrem leicht machte, war Kaines Verhalten in der ersten Hälfte der Debatte, die bei den wenigen verbliebenen neutralen Beobachtern mehr als Kopfschütteln verursachte: In seinem Unterfangen, seine Botschaft mit allen Mitteln unter die Leute zu bringen, erweckte der 58-Jährige einen völlig überdrehten Eindruck. Er unterbrach nicht nur Pence bei jeder, aber auch wirklich jeder sich bietenden Gelegenheit, sondern ließ sich gar dazu hinreißen, mehrmals die Moderatorin zu belehren, was die "wirklich wichtigen Themen" seien, sprich nicht die, über die sie sprechen wollte.

Der Eindruck, den er dabei hinterließ, war fatal. Es schien, als wollte Kaine, dem nicht wirklich zu Unrecht das Image eines moderaten Pragmatikers anhängt - weshalb ihn nicht zuletzt die Anhänger von Bernie Sanders äußerst skeptisch betrachten - mit allen Mitteln beweisen, dass er auch den aggressiven Verteidiger liberaler Werte darstellen kann. Eine Strategie, die an diesem Abend nach hinten losging, ganz einfach, weil er in dieser Rolle nicht glaubwürdig erscheint. Nachdem Kaine zudem keinerlei Antwort auf Pences schlichte Weigerung fand, Trumps Ausfälle zu kommentieren, stand er am Ende als genau jene Art von Politiker da, die Anfang des 21. Jahrhunderts in den USA wie anderswo zunehmend unbeliebter werden: die, die den Eindruck erwecken, nicht für sich selbst sprechen zu können, sondern ohne jedes Gespür für die Stimmung des Publikums einfach Roboter-artig ihre Botschaften verbreiten, ohne Rücksicht auf Verluste.

Wie erleichtert das von Trump schwer durchgebeutelte Establishment der Republikaner den Ausgang der Debatte aufnahm, drückte sich allem voran in der Reaktion von Paul Ryan aus: "Ich könnte heute nicht stolzer auf meinen Freund Mike Pence sein. Er hat sehr klar artikuliert, warum wir Republikaner die besseren Lösungen für Amerikas Probleme haben. Mike hat eine starke Präsentation jener konservativer Prinzipien gegeben, die unsere Partei antreiben und einen klaren Kontrast zwischen der Politik einer Trump-Pence-Administration und der von vier weiteren Jahren verfehlter Obama-Politik dargelegt", ließ der Sprecher der Mehrheitsfraktion im Abgeordnetenhaus mitteilen.

Inhaltlich ergaben sich bei der Diskussion der Stellvertreter derweil keine Überraschungen. Beide Kandidaten beteten die Orthodoxie ihrer jeweiligen Parteien herab, vom Thema Steuern über die Rolle der Polizei bis zu ihrer Haltung zum Thema Todesstrafe. Aufhorchen ließ Pence lediglich da und dort, wenn er Dinge sagte, die dem Weltbild von Donald Trump diametral entgegenzustehen scheinen: Unter anderem stellte er in Aussicht, unter gewissen, nicht näher erläuterten Umständen Bashar al-Assads Truppen in Syrien bombardieren zu lassen. Mit Kaine einig war er sich in der Forderung nach einer Schutzzone für Flüchtlinge bei Aleppo. Präsident Wladimir Putin und die Rolle Russlands in der Welt halte Pence im Gegensatz zu seinem Quasi-Vorgesetzten, der den Präsidenten für einen "starken Führer" hält, für hochproblematisch.

Pence schafft das Wunder

Fazit des ersten - und einzigen - Fernsehduells der Vizepräsidentschaftskandidaten: Ihren Auftrag haben beide insofern erfüllt, wenn es ihnen einzig und allein darum ging, ihre jeweilige Basis bei der Stange zu halten. Aber nur Pence ist es gelungen, darüber hinaus Brücken zu schlagen. Mit seiner Weigerung, sich zu hundert Prozent hinter die Positionen Donald Trumps zu stellen, hat er ein kleines, freilich äußerst fragwürdiges Wunder vollbracht: den republikanischen Spitzenkandidaten mit seiner eigenen Person zu legitimieren, ohne sich dabei selber anzupatzen.

Tim Kaine indes hat mit seinem Auftritt das Vertrauen in die Urteilsfähigkeit seiner Chefin nicht wirklich gestärkt. So unbestritten seine Verdienste um die Demokratische Partei sind, muss er sich von jetzt an die Frage gefallen lassen, ob er für das Amt des Vizepräsidenten wirklich das nötige Format hat. Immerhin stellte das Fernsehduell mit Mike Pence in diesem Wahlkampf seine einzige Chance dar, sich auf großer Bühne zu profilieren und den Skeptikern zu beweisen, dass er nicht nur ein Mann für die zweite Politikreihe ist.

Eine Chance, die er objektiv gesehen schlimm vergeben hat. Inwiefern sich das auf die Entscheidung am 8. November auswirkt, wer am Ende ins Weiße Haus einzieht und wer nicht, steht zum jetzigen Zeitpunkt freilich noch in den Sternen.

Mehr Klarheit wird vielleicht schon an diesem Sonntagabend geschaffen. Dann sind wieder die Chefs dran. Hillary Clinton und Donald Trump treffen sich in der Washington University in St. Louis zur zweiten ihrer insgesamt drei Fernsehdebatten. Moderieren werden Anderson Cooper von CNN und Martha Raddatz von ABC.