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Franziskus - das ist ein Programm

Von Heiner Boberski

Analysen

Mit dieser Papstwahl wurde große Geschichte geschrieben. Eine Analyse.


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Wien. Die römisch-katholische Kirche ist in eine neue Ära eingetreten. An ihrer Spitze steht seit gestern erstmals ein Mann, der zwar europäische Wurzeln hat, der aber einen anderen Kontinent repräsentiert: Südamerika, den Erdteil mit den meisten Katholiken. Jorge Mario Bergoglio, der bisherige Erzbischof der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, hatte auch gleich die Courage, einen bisher nicht verwendeten Heiligennamen als Papstnamen zu wählen: Franziskus. Franz von Assisi, gestorben 1226, lebte ein Leben in Armut getreu dem Evangelium und gründete den Orden der Minderen Brüder, die dann nach ihm Franziskaner genannt wurden.

Dieser Name ist ein Programm, ist ein deutlicher Hinweis, wo der neue Papst die Hauptaufgabe der Christen sieht - an der Seite der Armen zu stehen, die Natur als Schöpfung Gottes zu sehen und für ihre Bewahrung einzutreten. Bemerkenswert ist, dass kein Franziskaner, sondern der erste Jesuit der Kirchengeschichte auf der Cathedra Petri dieses markante Zeichen setzt. Wie sehr Papst Franziskus ein tief spiritueller Mann des Gebetes ist, wurde schon bei seinem ersten Auftritt auf der Mittelloggia des Petersdoms offenbar: Er bat die Menschenmenge, für ihn den Segen Gottes zu erbitten, und betete mit den vielen auf dem Petersplatz Versammelten das Vaterunser und das Ave Maria.

Sie bewegt sich doch

Mit dem Papstwechsel dieses Jahres wurde tatsächlich große Geschichte geschrieben: zuerst ein Rücktritt, wie es ihn seit Jahrhunderten nicht gegeben hat, und nun seit grauer Vorzeit der erste nichteuropäische Papst, was der bisher so eurozentrisch agierenden römisch-katholischen Kirche eine neue globale Perspektive eröffnet, wie 1978 die Wahl des Polen Karol Wojtyla eine neue Entwicklung in Europa eingeleitet hat. Die Wahl eines Lateinamerikaners lässt vermutlich einen Ruck durch die Bevölkerung Lateinamerikas, aber vielleicht auch durch andere außereuropäische Regionen gehen - unter dem Motto: Sie bewegt sich doch, die römisch-katholische Kirche, sie beginnt dem Umstand Rechnung zu tragen, dass die Mehrheit ihrer Mitglieder auf der Südhalbkugel lebt. Die europäische Dominanz ist Geschichte, der Traum vom Papst aus dem Süden hat sich erfüllt.

Für Insider ist die Wahl Bergoglios keine Sensation, er gehörte noch zum erweiterten Favoritenkreis, aber doch eine Überraschung. In allen Spekulationen, und auch bei den britischen Buchmachern, lagen andere Kandidaten ganz vorne: Angelo Scola (Italien), Peter Turkson (Ghana), Odilo Pedro Scherer (Brasilien), Marc Ouellet (Kanada) und Christoph Schönborn (Österreich). Der französische Kardinal Philippe Barbarin hat überzeugend erklärt, dass Ratzinger vor acht Jahren ein alle anderen Papst-Anwärter haushoch überragender Kandidat war, diesmal gebe es keinen solchen. Warum sich die Kardinäle dann fast so rasch wie 2005 auf Joseph Ratzinger (im vierten Wahlgang) auf Jorge Mario Bergoglio (im fünften Wahlgang) einigten, ist vielleicht zu erklären, wenn man weiß, was - trotz aller Geheimhaltungsversprechen -aus dem Konklave von 2005 durchsickerte.

Seriösen Informationen zufolge soll Bergoglio bereits 2005 neben Ratzinger der stimmenreichste Kardinal gewesen sein und erst durch seinen Rückzug die rasche Wahl des deutschen Papstes ermöglicht haben. Unabhängig davon, dass der argentinische Erzbischof das Charisma einer sehr authentischen Frömmigkeit und Nächstenliebe ausstrahlt, fiel es den Kardinälen vielleicht auch leichter, sich auf einen Kandidaten zu einigen, der bereits 76 Jahre alt ist, nur zwei Jahre jünger als es Ratzinger bei seiner Wahl war. Den Italienern kam sicher entgegen, dass Bergoglio italienische Wurzeln hat und auch noch die italienische Staatsbürgerschaft besitzt. Franziskus wird mutmaßlich in nicht allzu ferner Zukunft den Platz für einen Nachfolger räumen. Aber davor könnte er - wie schon andere betagte Päpste - durchaus noch für Überraschungen sorgen.

Diskussionen, welchem Lager der neue Papst zuzuordnen ist, sind verständlich, stoßen aber bei dieser Persönlichkeit an Grenzen. Man weiß, dass Bergoglio - wie übrigens auch der italienische Favorit Angelo Scola - der konservativen Bewegung "Communione e liberazione" nahesteht und traditionelle Positionen zum Zölibat oder Fragen der Sexualmoral einnimmt. Was diesen Mann aber am meisten beschäftigt, ist die Linderung von Not, ist die Sorge für die Armen. Er wohnt nicht im Erzbischöflichen Palais von Buenos Aires, sondern in einer bescheidenen Wohnung, kocht sich selbst und besucht regelmäßig Armenviertel, Krankenhäuser und Gefängnisse.

Anwalt der Armen

Einen Schatten wirft die Zeit der Militärdiktatur in Argentinien (1976-1983) auf ihn, damals soll er als Provinzial seines Ordens Mitbrüdern, die in Foltergefängnissen litten, nicht genug Rückendeckung gegeben haben. Dafür führte Bergoglio im Jahr 2000 eine Initiative an, mit der sich die Kirche für ihr Schweigen in dieser dunklen Zeit entschuldigte. Seit damals ist Bergoglio immer wieder mit scharfer Kritik an der argentinischen Politik und Vorstößen für soziale Maßnahmen aufgefallen und hat viel Sympathie beim einfachen Volk erworben.

Dieser Sohn einfacher Einwanderer ist ein glaubwürdiger Anwalt der Armen, aber ist er auch der Mann dazu, im Vatikan aufzuräumen, die skandalösen Zustände im Bereich der Kurie und der Vatikanbank zu beenden? Ein Papst hat auch noch viele andere Aufgaben, mit denen Bergoglio nicht vertraut sein dürfte - bis hin zum interreligiösen Dialog und zum Auftreten auf der Weltbühne. Bekanntlich schrieb eine kirchenkritische Gruppe, die "Discepoli di Verità" (Jünger der Wahrheit) vor einigen Jahren in einem Buch, dass sich im Vatikan längst die Freimaurer und das Opus Dei die Machtfülle teilen, "wobei der Pontifex maximus nur als klerikales Aushängeschild dient". Will Franziskus diesem Schicksal entgegehen, wird er rasch einen Stab starker vertrauenswürdiger Mitarbeiter aufbauen müssen.

Vor 35 Jahren, im August 1978, wurde ein ähnlich bescheiden und sympathisch auftretender Kardinal namens Albino Luciani, der den Papstnamen Johannes Paul I. annahm, im Konklave gewählt. Wenige Wochen später war er tot - ermordet, wie manche munkelten, einem Herzleiden erlegen, wie es offiziell hieß. Sehr wahrscheinlich ist, dass dieser Mann länger gelebt hätte, wenn er nicht Papst geworden wäre und nicht, wie er einmal sagte, folgende Erfahrung gemacht hätte: "Im Vatikan sind zwei Dinge schwer zu bekommen - Aufrichtigkeit und eine Schale guten Kaffees."