"Frauen sind verletzlicher als Männer"

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Die irakische First Lady Ahmed im Gespräch: Soziale Medien sind eine Gefahr für Frauen.


"Salam Palast"? Der Taxifahrer schaut misstrauisch. "Wo der Präsident sitzt?" Er nickt und fährt über die Tigris-Brücke, eine Hängebrücke, die zur Grünen Zone in Bagdad führt. Inzwischen ist das lange Jahre hermetisch abgeriegelte Regierungsviertel weitgehend für den Verkehr freigegeben. Nur einzelne Gebäude sind wie Festungen gesichert: Ministerien, der Sitz des Premierministers, die amerikanische Botschaft, die UNO.

Gleich nach der Brücke auf der rechten Seite erhebt sich ein riesiges Tor aus gelbem Sandstein. Davor Polizisten, Soldaten und Geheimdienstler, die es bewachen und niemand reinlassen, der nicht angemeldet ist. Eine First Lady gäbe es hier nicht, sagt der Offizier mit der Liste in der Hand, der die Besucherinnen und Besucher identifiziert. "Salam Palast?" Der Palast hier heiße Gumhurija - Republik.

Schloss wie im Bilderbuch

Ein Anruf bei der Pressesprecherin bringt Aufklärung. Das Büro der First Lady sei nicht in dem Palast, in dem ihr Mann arbeite, sondern auf der anderen Seite des Tigris. Dort führt eine kleine Straße direkt neben einer Überführung zu einem Gebäude, das die Geschichten von 1001 Nacht geprägt haben. Ein Palast wie im Bilderbuch, mit goldenen Kuppeln, riesigen Kronleuchtern, majestätischen Säulen und üppigen Antiquitäten. Die Kronleuchter sollen während des verheerenden Erdbebens in der Türkei und Syrien ordentlich gewackelt haben, berichten Palastangestellte.

"Der Palast ist ein Symbol für diese Gesellschaft", sagt Shanaz Ibrahim Ahmed im Empfangszimmer. "Ich musste ihn erst einmal aufräumen, als ich hierherkam. Er war völlig vernachlässigt." Sie sei auch noch nicht fertig mit den Aufräumarbeiten, habe ihren Platz noch nicht gefunden, noch kein richtiges Arbeitszimmer eingerichtet, pendle beständig zwischen Suleimanija in Irak-Kurdistan, wo sie herkommt, und Bagdad hin und her. Doch sei sie entschlossen diesen Palast den Menschen, den Irakerinnen und Irakern zugänglich zu machen. "Es soll ihr Haus werden."

Es ist das erste Interview, das die neue First Lady Iraks einem ausländischen Medium gibt, seitdem sie Ende Oktober ihre Rolle annahm, als ihr Mann Abdul Latif Raschid Präsident Iraks wurde.

Der ehemalige irakische Diktator Saddam Hussein hat in seiner mehr als 20-jährigen Amtszeit dutzende von Palästen in allen Teilen Iraks bauen lassen, von zum Teil gigantischen Ausmaßen. Allein in Bagdad gibt es acht solcher Paläste, die weiträumig mit Mauern, Wachtürmen und elektronischen Überwachungssystemen gesichert waren. Im Inneren der Mauern fanden sich zum Teil künstliche Seen und komplizierte Wasserspiele. Im Salam Palast, in dem einer der beiden Söhne Saddams, Udai, residierte, gibt es 200 Zimmer, zwei große Ballräume und im Keller einen Zugang zum Tunnel, der durch den Untergrund von Bagdad führt, mit den anderen Palästen Saddams verbunden ist und einen direkten Zugang zum Flughafen gewährleistet. 2003 übernahmen die amerikanischen Truppen den Palast, nachdem er erhebliche Schäden durch einen Luftangriff während der Einnahme Bagdads durch die damalige Kriegsallianz bekam.

Salam heißt Frieden

Nach dem offiziellen Rückzug der US-Truppen aus dem Irak wurde er 2012 der irakischen Regierung überlassen. Salam heißt Frieden. Shanaz Ibrahim Ahmed zündet sich eine Zigarette an und beginnt zu erzählen. Rauchen würde sie beruhigen, gesteht die hagere Frau, würde ihr irgendwie helfen, mit den Schwierigkeiten überall in diesem Land fertig zu werden.

Ihre rauchige Stimme verrät, dass es davon reichlich gibt. Sie sei immer in die Politik involviert gewesen, habe Parteiarbeit für die Patriotische Union Kurdistans (PUK) gemacht, habe sich für Menschenrechte eingesetzt und sei auch - und das sagt sie sehr leise - auf Demonstrationen gegangen.

Ihr Vater, Ibrahim Ahmed, war der Gründer der PUK, ihr Schwager, Jalal Talabani, wurde der erste kurdische Präsident nach dem Sturz Saddam Husseins, ihre Schwester Hero First Lady von 2005 bis 2014. Im Oktober 2017 ist Talabani, den die Iraker liebevoll Mam Jalal - Onkel Jalal - nannten, in Berlin gestorben.

Die Zerstörung, die allenthalben im Irak herrscht, tut Shanaz weh. Sie möchte bewahren, was möglich ist. "Bewahren ist mein Anliegen." Wenn man die Vergangenheit zerstöre, falle die Zukunft schwer. Und dabei hätte sie mit 68 Jahren und all den Kriegen, Leiden, Verfolgungen und Morden, denen die Kurden ausgesetzt wurden allen Grund, zu verdrängen und beiseitezuschieben.

Getötet im Namen der Ehre

"Es gibt zwei unterschiedliche Hintergründe in unserer Gesellschaft. Die Iraker haben sehr viel gelitten, speziell die Frauen. Inzwischen hat sich die Gesellschaft auch hier verändert. Jetzt sieht man mehr Frauen in Top-Jobs und die Zahl nimmt zu. Man sieht mehr Business-Frauen als jemals zuvor. Mehr Frauen als jemals gründen eigene Organisationen, eigene Firmen. Aber natürlich gibt es noch immer einen großen Unterschied zwischen den Frauen in der Stadt und auf dem Land. In Kurdistan hat die Zerstörung der Dörfer durch Saddam Hussein, was wir Anfal nennen, nicht nur die Häuser zerstört, sondern auch das Leben der Frauen. Sie sind dann in die Städte geflohen mit dem Hintergrund einer dörflichen Mentalität. Sie wurden entwurzelt. Wir spüren in Kurdistan noch immer die Folgen von damals. Diese Frauen sind Fremde geblieben."

In den letzten zehn Jahren kämen die Frauen mehr in die Öffentlichkeit, versammelten sich, drückten ihre Ideen aus. Aber noch immer dominiere die Unterdrückung, das Leiden und das Erlebte die Literatur, die Poesie, die die Frauen schreiben. "Das bedrückt mich sehr." Es werde noch Jahre dauern, bis sich das ändert. Schreiben helfe, das Ganze zu verarbeiten. Sonst säßen die Frauen oft zuhause, ohne sich artikulieren zu können. "Wir müssen vor allem den jungen Irakerinnen eine Stimme geben."

Am letzten Tag im Jänner sorgte der Tod einer jungen Frau im Irak für Aufsehen. Tiba al-Ali wurde in der südirakischen Provinz Diwanija von ihrem Vater getötet. Die 22-jährige YouTube-Influencerin war zu Besuch bei ihren Eltern, um den Familienstreit beizulegen, der seit 2017 tobte, als sie sich entschied, von einer Reise in die Türkei nicht mehr in den Irak zurückzukehren. Sie postete Videos über ihr neues Leben und zeigte sich auch offen mit ihrem Verlobten. Im Namen der Ehre sei sie deshalb getötet worden, sagte der Vater in einem ersten Geständnis der Polizei.

Tiba al-Ali ist kein Einzelfall im Irak. Je mehr Frauen ihre Unabhängigkeit fordern und leben, desto mehr sieht sich die patriarchalische Gesellschaft herausgefordert. Nicht nur Ehrenmorde nehmen als Reaktion darauf zu, sondern auch die Verheiratung junger Mädchen ab 14 Jahren. Diese Kinderbräute könne man dann besser in die Normen der Gesellschaft integrieren, sagen konservative islamische Geistliche, die die Trauungen vornehmen und ihren Segen dazu geben.

"Ja, die Situation der Frauen hat sich in den letzten Jahren in unserem Land verschlechtert" gibt die First Lady Iraks zu. "Und es war nicht nur der IS, die extremistischen Dschihadisten, die dies bewirkt haben. Es sind auch die Sozialen Medien, die die Frauen zum Rückzug zwingen."

Kein Platz für Frauen

Siehe Tiba al-Ali. Jeder könne sein Smartphone nehmen und irgendetwas verbreiten. "Frauen zu attackieren, ist sehr einfach, Frauen sind verletzlicher als Männer."

Und da die soziale Medienwelt keine Regeln und Gesetze kenne, gäbe es keinen Schutz. "Als ich neu hierherkam als First Lady, habe ich festgestellt, dass es für Frauen keinen Platz gibt, nicht mal hier im Salam-Palast, wo wir jetzt sitzen. Zunächst waren hier nur Männer. Ich arbeite in einer männlichen Atmosphäre. Dabei habe ich meine eigenen Ideen, meine eigene Atmosphäre, andere Worte in meinem Mund und andere Schmerzen in meinem Herzen, als Männer - und große Träume." Als sie die Besucherin hinausbegleitet, sagt Shanaz Ibrahim Ahmed: "Wenn Sie nächstes Mal wiederkommen, wird der Taxifahrer den Salam Palast finden. Das verspreche ich Ihnen."