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Fräulein Luises Gespür für Schnee

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Vor zehn Jahren verstarb die weltweit bekannteste Mitarbeiterin der niedersächsischen Polizei an Altersschwäche. Zu Lebzeiten war sie zwar talentiert, aber eine richtige Wildsau.


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Luise war wegen ihres ungewöhnlichen Aussehens und ihrer ganzen schweinischen Art heftig umstritten, ja, man wollte sie sogar aus dem Polizeidienst rausmobben. Doch da setzte sich der niedersächsische Ministerpräsident höchst persönlich für sie ein und sorgte dafür, dass extra ihretwegen ein neuer Budgetansatz geschaffen wurde und sie ihren Dienst bis zur Pension weiter ausüben durfte.

Und den leistete sie überaus erfolgreich, insbesondere auf den Gebieten der Rauschgift- und Sprengstoff-Kriminalität. Ihre Triumphe und ihr Renommee überzeugten sogar die Grünen im niedersächsischen Landtag, die der Polizei ansonsten eher kritisch-distanziert gegenüberstehen. Sie brachten sogar einen Antrag zum Erhalt ihres Dienstpostens ein.

Für eine Polizei-Mitarbeiterin war es ja keineswegs selbstverständlich, mit ihrer Arbeit und ihrem Auftreten ein weltweites Medienfeuer zu entfachen. Die Hildesheimer Polizei, der Luise zugeteilt war, tauchte ihretwegen zum ersten Mal in ihrer Geschichte in den internationalen Sendern und Gazetten von Australien bis USA auf, ja ging sogar in das Guiness-Buch der Rekorde ein. Luise wurde im Lauf ihrer Karriere zum Aushängeschild und zur Image-Ikone der Polizei.

Diese Karriere begann in eher bescheidenen Verhältnissen. Luise erblickte am 5. Juli 1984 das Licht der Welt und verbrachte die ersten drei Monate ihres Lebens bei ihren Eltern in Sottrum (nahe Hildesheim). Dort wurde sie in frühester Jugend von Werner Franke entdeckt, der sie gleich in Obhut nahm und ihr bis zu ihrem Ende die Treue hielt. Franke war "Erster Polizeihauptkommissar" und hatte das Diensthundewesen der Polizei Niedersachsen aufgebaut. Gemeinsam mit Luises Ziehvater, dem Betreiber eines Freizeitparks, entdeckten sie die einzigartigen Talente der jungen Dame. Franke übernahm daraufhin die Ausbildung der Hochbegabten.

Im Vordergrund von Luises Talenten stand ihre kriminalistische Spürnase. Schon im ersten Lehrjahr konnte sie die raffiniertesten Verstecke für Marihuana, Kokain oder Heroin ausfindig machen. Später entwickelte sie auch ein untrügliches Gespür für Sprengstoffe aller Art.

Im Gegensatz zu Frankes übrigen Schülern, meist Schäferhunden, Airedales oder Riesenschnauzern, blieb Luise, das Wildschwein-Mädchen, stets bei der Sache und ließ beim Schnüffeln und Graben nicht eher locker, bis sie fündig wurde - und sei es ein Säckchen Marihuana, einen Meter tief in einem Misthaufen bei 35 Grad im Schatten. Wo die Spürhunde längst aufgaben, blieb Luise, das erste ministeriell anerkannte Polizei-Spürwildschwein der Welt, hartnäckig am Ball - ihrem natürlichen Instinkt zum Wühlen in Erde und Schlamm folgend.

Das Schwein im Polizeidienst sprach sich herum. Presseleute und TV-Teams von London bis Taiwan und von New York bis New Delhi rissen sich um die Dame, die in ihrem grauen Outfit glatt 150 Kilogramm auf die Waage brachte. Fernsehmoderatoren von Alfred Biolek bis Günter Jauch standen Schlange, um sie für ihre Sendungen zu gewinnen. Luises Berühmtheit gipfelte darin, dass Sigmar Polke ein Porträt von ihr auf der ehrwürdigen Biennale Venedig 1986 präsentierte.

So besserte eine Wildsau das Image der Polizei auf. Diese bedankte sich mit der Verleihung des Titels "Ehrensau" durch die International Police Association.

Die letzten elf Jahre ihres erfüllten Lebens verbrachte Luise in ihrer Heimat Sottrum. Dort sind noch die Kinder und Enkel der erfolgreichsten Wildsau der Welt zu sehen.

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