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Fresst ein wenig Gras

Von David Ignatius

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Die Republikaner haben sich auf eine nicht zu gewinnende Kampagne eingelassen und die Doomsday-Maschine angeworfen.


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In den späten 1950er Jahren schlug der berühmte Atomstratege Hermann Kahn vor, eine Doomsday-Maschine zu bauen, eine Weltuntergangsmaschine: Ein Computer sollte eine gewaltige Phalanx von Atombomben explodieren lassen, falls die Sowjetunion unannehmbare Schritte unternähme. Kahn scherzte. Sein schwarzer Humor sollte aufzeigen, dass die Atomstrategie der USA so verrückt wie seine Doomsday-Maschine war. Die Alternative, schrieb Fred Kaplan in seinem Buch "The Wizards of Armageddon", sind Strategien ohne Totalvernichtung.

Diese alten Bücher erweisen sich diese Woche kurioserweise als nützlich - in Anbetracht der sich ankündigenden politischen Katastrophe in Washington. Finden beide Seiten keinen Weg aus der Eskalation, werden sie auf den globalen Finanzmärkten bald Kahns Punkt der "sicheren Zerstörung" erreichen. Die Tatsache, dass die Republikaner schuld sind, wird für die Demokraten dabei wenig Trost sein.

Dieser drohende Zusammenbruch im Streit um die Schuldenobergrenze scheint endlich die Aufmerksamkeit beider erregt zu haben, sodass sie jetzt zumindest über Verhandlungen sprechen. Das ist ein Unterschied zur ersten Woche der Stilllegung, als die Republikaner im Repräsentantenhaus noch immer schwindlig vor selbstzerstörerischer Macht waren und die Demokraten glücklich, diese politischen Selbstmord begehen zu lassen.

Eines meiner liebsten Bücher über Strategien ist ein dünner Band von Fred Ikle mit dem Titel "Every War Must End", erschienen 1971, als die USA noch immer versuchten, den Vietnamkrieg zu annehmbaren Bedingungen zu beenden. Politische Führer beginnen oft Kriege, ohne klare Vorstellung, wie sie zu beenden sind, so Ikles. So war der Erste Weltkrieg grundsätzlich ein Fehler. "Die großen europäischen Mächte unterschätzten, wie ihre Mobilisierungspläne aufeinander einwirkten", schrieb Ikle.

Aber zurück zum politischen Krieg in Washington. John Boehner, Vorsitzender des Repräsentantenhauses, sprang auf eine nicht zu gewinnende Kampagne ohne klares Endkonzept auf. Das stellte Präsident Barack Obama und die Demokraten vor das Dilemma zuzulassen, dass die Tea-Party-Republikaner die USA über die Klippen des Zahlungsverzugs drängen - und damit sich selbst diskreditieren. Das ist eine Strategie für einen totalen Sieg.

Aber ein derart epochaler Triumph wird nur selten wahr. Eine bescheidenere Strategie für die Demokraten wäre, den Republikanern zu erlauben, das Gesicht genug zu wahren, um einen Kompromiss zu erreichen.

Traditionelle Gesellschaften, die häufig Krieg führen, haben gesichtswahrende Rituale, um diese zu beenden. Verlierer nehmen zum Beispiel Gras in den Mund (wie Tiere) und gehen zum Gegner, der für eine Aussöhnung zu Gastfreundschaft und Respekt verpflichtet ist.

Obama scheint den politischen Streit gewonnen zu haben: Das ganze Land sieht, dass sich die Tea Party irrational verhält. Aber nun muss er Boehner helfen, die Doomsday-Maschine abzustellen. Besser, beide fressen ein bisschen Gras, als die Zahlungsunfähigkeit.

Übersetzung: Redaktion