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Freud und Leid im Zinstal

Von Clemens Neuhold, Lukas Muttenthaler, Karl Leban

Politik

Von Profiteuren und Opfern: Auch das jüngste Kapitel im Draghi-Drama geht an den Österreichern nicht spurlos vorüber.


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Wien. "Für mich ist es super, weil unser Zinssatz am 3-Monats-Euribor hängt. Wir zahlen in Summe nicht einmal zwei Prozent Zinsen für unseren Kredit. So niedrig werden sie wohl in 20 Jahren Laufzeit nicht mehr", sagt Familienvater und Häuslbauer Harald Z.

Er gehört zu den Gewinnern des Draghi-Dramas vom Donnerstag. Der Chef der Europäischen Zentralbank hat den Leitzins von 0,15 auf 0,05 Prozent gesenkt. Mario Draghi will die Konjunktur ankurbeln und eine Deflation verhindern. Schafft er das?

Dafür müssten Konsumenten mehr kaufen, Firmen mehr investieren und exportieren.

Der Häuslbauer

Bei Manfred Z. könnte der Plan aufgehen. Die Kreditsumme macht ein Drittel seines Monatsnettogehalts aus. Ein Euro weniger für den Kredit ist ein Euro mehr für Qualitätswindeln.

Damit neue Konsumkredite oder Häuslbauerkredite billiger werden, müssten die Banken die Zinssenkung allerdings erst weitergeben. Ob das geschieht, lassen die Institute auf Nachfrage offen. Dass Häuslbauer generell zu den Gewinnern im Zinstal zählen, zeigt sich an der steigenden Nachfrage bei der Wohnbaufinanzierung. Franz Piribauer, Vermögens- und Finanzberater, zählt auch Wohnungskäufer zu den Profiteuren. Er rät zum Umstieg von Miete auf Kauf - "nicht nur der Oberschicht". Piribauer: "Momentan ist die beste Möglichkeit für Normalverbraucher, Kredite aufzunehmen, da der Zinssatz auf einem Rekordtief ist, das wir so nicht mehr sehen werden. Zumal die Mieten so hoch sind wie noch nie, ist es eindeutig zielführend in Immobilien zu investieren." Die Erste Bank rät generell, bei Krediten fixe Zinssätze zu überlegen, um den Vorteil abzusichern.

Der Exporteur

Ob der Plan Draghis aufgeht, darüber entscheiden die Exporteure. Niedrige Zinsen drücken den Euro tendenziell, was die Waren der Eurozone im Ausland attraktiver macht. Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung erwarten zwar einen positiven Effekt, der aber neutralisiert werden könnte, etwa durch die Russland-Sanktionen.

Binder+Co, Spezialist für Maschinenbau, schöpft den Großteil des Umsatzes aus Exporten. "Wir begrüßen die Zinssenkung. Ich glaube aber nicht, dass sie Exporte wesentlich steigert, da der Innovationsvorsprung, den man in unserer Branche braucht, ein größerer Indikator im Hinblick auf die Höhe der Exportrate ist als die Zinssenkung", sagt Karl Grabner.

Auch die Voestalpine erwartet keine unmittelbare Auswirkung und nur wenig Einfluss auf Investitionen. Draghi gehe es wohl auch eher darum, das Deflationsgespenst zu bändigen, heißt es hier. Deflation bedeutet fallende Preise und eine Lähmung der Wirtschaft, weil die Leute - in Erwartung niedrigerer Preise - ihre nicht alltäglichen Einkäufe aufschieben. "Ein höherer Erdölpreis sollte die Inflation antreiben", sagt Marcus Scheiblecker vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo. Öl notiert in Dollar, ein niedrigerer Euro verteuert das Öl.

Der Autofahrer

Bezahlt also der Autofahrer die Zeche? Für den Arbö ist der Dollarpreis zwar wichtig für den Spritpreis. Aber derzeit sieht er kein Indiz für steigende Preise.

Sparer und Aktionär

Ganz sicher die Zeche zahlen die Sparer. Nicht nur jene, die wegen der Mikrozinsen nach Abzug der Inflation sogar Geld verlieren, sondern auch jene, die langfristig und risikoarm fürs Alter vorsorgen. Wer hingegen auf Aktien setzt, profitiert tendenziell. Denn der Defacto-Nullzins macht Aktien attraktiver. "Mir ist die Zinssenkung egal", sagt der Wiener Angestellte Herbert K. Er hat im Herbst 2013 sein Spargeld gebunden und bekommt zwei Prozent Zinsen.

Der Finanzminister

Und noch einer profitiert. Der Finanzminister. Er zahlt weniger für die Staatsschulden. Doch wehe, die Zinsen steigen wieder: Dann weint sein Nachfolger und mit ihm der Steuerzahler.