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Freudig in eine ungewisse Zukunft

Von Eva Krafczyk

Politik

Teilung der Einnahmen aus dem Ölgeschäft immer noch ungeklärt. | Ethnische Gruppen kämpfen um Einfluss. | Juba. (dpa) Am 9. Juli gibt es einen neuen Staat in Afrika: Der Südsudan wird unabhängig, das bisher größte Land Afrikas wird geteilt.


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Die Unabhängigkeit kommt nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg, sie stellt eine große Herausforderung dar. So viel Hoffnung und Optimismus hatte es im Südsudan lange nicht gegeben wie während der Volksabstimmung im Jänner. Stundenlang standen die Wähler in Juba und Yei, in Malakal und Wau vor den Wahllokalen, oft in glühender Sonne und im Staub. Manche hatten einen stundenlangen Fußmarsch hinter sich. Nun wollten sie, dass ihre Stimme zählte. Und deutlicher hätte die Entscheidung kaum ausfallen können: Fast 99 Prozent der Südsudanesen entschieden sich für einen eigenen Staat, gegen den Verbleib mit dem Norden.

Der 54. Staat Afrikasvor seiner Geburt

Jetzt ist es bald so weit: Am 9. Juli wird der Südsudan als 54. Staat Afrikas, als jüngster Staat der Welt, seine Unabhängigkeit erleben. Es war eine lange, schwere und blutige Geburt - und viele Beobachter fürchten trotz des Optimismus der Südsudanesen, dass ein Scheitern nur allzu leicht droht. Erst vor wenigen Wochen führte die Besetzung der von Nord und Süd beanspruchten ölreichen Region Abyei zu einer der schwersten Krisen seit dem Ende des Bürgerkriegs vor sechs Jahren.

Das Jahr 2011 dürfte das Schicksalsjahr sein für das bisher größte Land Afrikas. Der schwarzafrikanisch geprägte Süden wird nach dem blutigen Bürgerkrieg seinen eigenen Weg gehen. Der arabisch-muslimisch geprägte Norden, umgeben von heftigen Machtkonflikten in den Nachbarstaaten, hat zunehmend mit Unzufriedenheit und Enttäuschung zu kämpfen. Der blutige Konflikt in Darfur bleibt bislang ungelöst. Es gärt zwischen den ethnischen Gruppen auf beiden Seiten der künftigen Staatsgrenze, die in weiten Bereichen noch umstritten ist.

Nicht nur der Konflikt um Abyei, wo mehr als

100.000 Menschen geflohen sind, droht den Friedensprozess zu vergiften. Vor allem in den Grenzregionen zum Norden kämpfen verschiedene Milizen, seit dem Referendum gab es bereits hunderte Tote. Einstige verbündete Milizen und örtliche Warlords wollen der Regierung in Juba Macht und Posten abtrotzen.

Klärungsbedarf besteht bei der Teilung der Einnahmen aus den überwiegend im Süden liegenden Ölquellen. Beim Transport des Öls ist der Süden weiterhin auf den Norden angewiesen - einen eigenen Ölhafen hat der künftige Staat ebenso wenig wie eigene Pipelines. Und während es in den südlichen Bundesstaaten einige, wenn auch schlechte Straßenverbindungen nach Uganda, Kenia oder in den Kongo gibt, ist der Norden des Südsudans auf die traditionellen Handelswege der arabischen Händler des Nordens angewiesen.

Wer in diesen Tagen mit Südsudanesen spricht, bekommt allerdings den Eindruck, dass diese Probleme derzeit ganz weit zurückgedrängt werden. "Wir werden ein eigener Staat, wir sind endgültig frei!", strahlt etwa David Akol aus Juba. Für den 32-Jährigen, der seine Kindheit in einem ugandischen Flüchtlingslager verbrachte und seit vier Jahren in Juba lebt, gibt es derzeit nur Grund zur Freude. "Meine Kinder werden nicht wissen, was es heißt, ein Flüchtling zu sein. Sie werden in ihrem eigenen Land aufwachsen." Als Wachmann hat er nur ein geringes Einkommen - aber immerhin hat er regelmäßige Arbeit.

Fragezeichen nach20 Jahren Krieg

Auch der 18-jährige Manasseh Jowakmo, der als Rückkehrer aus dem Norden vor wenigen Wochen eine Ausbildung als Mechaniker in einer Lehrwerkstatt der GIZ und des UNHCR begonnen hat, sieht seine Zukunft vorerst in rosaroten Farben. "Eines Tages will ich meine eigene Werkstatt haben", sagt er. "Autos müssen schließlich immer repariert werden. Alles wird gut werden, wenn wir erst einmal unseren eigenen Staat haben." Ausländische Experten sind da skeptischer. Sie fürchten, dass die Geburtswehen des neuen Staates noch nicht vorbei sind nach dem Ende des mehr als 20-jährigen Bürgerkriegs. In dem neuen Staat, in dem noch so viele Waffen im Umlauf sind und viele junge Männer nie eine gewaltfreie Lösung von Konflikten gelernt haben, kämpfen noch immer Milizen um ihren Anteil an der Macht. Ethnische Gruppen kämpfen um Land und Wasser, Polizei und Justiz sind unterentwickelt.