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Friedenserziehung für alle

Von Sabine Zelger

Gastkommentare
Sabine Zelger ist Literaturwissenschafterin und Deutschdidaktikerin an der KPH Wien/Krems.
© SZ

In der medialen Berichterstattung steht Kriegsbildung im Vordergrund - im Lehrplan wurde das Gegenteil verankert.


Vor kurzem wurden in Österreich neue Lehrpläne verordnet - RIS BGBLA_2023_II_1, Bundesgesetzblatt authentisch ab 2004 (bka.gv.at) - und Themenbereiche stark gemacht, die nach den Logiken der Fächer Handlungsfähigkeiten fördern sollen. In einem Rahmenlehrplan ist wenig festgeschrieben, Eckpunkte jedoch sind fixiert. So ist etwa gesetzlich verankert, dass eines der vielen durchgängigen Ziele die Friedenserziehung sein muss. Im Fach Geschichte und politische Bildung wird auch die Auseinandersetzung mit Kriegen und ihren Ursachen und Folgen, auch mit Kriegsspielzeug beleuchtet, die Friedensbildung jedoch geht in den neuen Lehrplänen quer durch alle Fächer.

Dabei wäre Kriegsbildung so viel einfacher zu realisieren, sowohl die Materialiensuche als auch die Vermittlungskonzepte betreffend. Wie Barbara Putz-Plecko, Vizerektorin der Wiener Universität für angewandte Kunst, argumentiert, liefert uns die Herrschaftsgeschichte eine schillernde Kriegskunstgeschichte und unzählige Inszenierungen "als heroisches Menschheitsspektakel" - Frieden dagegen erscheine oft klischeehaft und als "kraftlose Harmonie". Bilder und Sprache zu jenen Kriegen, in denen in den vergangenen Jahrzehnten Waffen für Frieden und Freiheitsrechte ihre Angriffsfeuer eröffneten, wurden lange Zeit kaum spektakulär inszeniert, für Kriegsbildung eignen sich diese authentischen Materialien aber ebenso wie die medialen Berichte der Panzerlieferungen in die Ukraine.

Wie gebildet werden wir in Sachen Krieg!

Hut ab für die Autorinnen und Autoren des Lehrplans, die, statt den breit gewalzten Weg der Kriegsbildung zu beschreiten, auf Friedenserziehung setzen. Die trauen sich was! Denn mit welchen Materialien soll diese realisiert werden? In meinem Masterseminar zum Thema Frieden und Krieg haben zukünftige Deutschlehrerinnen und -lehrer nicht nur trügerische Friedensszenarien in Videospielen nach ihrer Gewalthaltigkeit abgefragt, sondern auch in klassischen Kriegserzählungen wie "Die Tribute von Panem" oder "Im Westen nichts Neues" nach Bildern des spontanen, labilen Friedens geforscht. Und sie sind fündig geworden. In der medialen Berichterstattung zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine wäre dies schwieriger. Angesichts der Vermaskulierung der Gesprächspartner, oft in Camouflage herausgeputzt, werden wir ins Kriegslernen eingeübt, wie in den Schulszenen von "Im Westen nichts Neues", nur dass wir nicht einrücken müssen, sondern lediglich der Strategielust frönen können.

Ein Höhepunkt, der mich zu diesem Kommentar veranlasst hat, war die Antwort von Franz-Stefan Gady, Politikberater und Analyst am Institute for International Strategic Studies, im Ö1-"Mittagsjournal" am 25. Jänner auf die Frage, ob 80 Panzer besser seien als nichts. Besser für den Krieg oder für den Frieden? Der Militärexperte bewertete die Waffenlieferungen als "Schritt in die richtige Richtung", präzisierte den Begriff Panzer als "Kampfpanzer" und sprach anschaulich von einer "Formel 1 der militärischen Disziplinen" und "einer Art tödlichem Ballett".Wir lernen die Kategorie "Abnützungskrieg" und seinen Verlauf, "beide Seiten machen Fortschritte" - wie gebildet werden wir in Sachen Krieg! Wir erfahren, dass der Ukraine-Krieg "eine enorme Summe an Menschen und an Material verschlingt" und der Westen deshalb für "einen stetigen Waffen- und Munitionsfluss" sorgen müsse. So lernen wir, logische Schlüsse zu ziehen. "Die westliche Lust, diesen Krieg weiterhin zu unterstützen", dürfe nicht sinken, und mögliche Friedensaussichten - "jeder, der jetzt denkt, uuh, jetzt ist vielleicht der Zeitpunkt für Verhandlungen" - werden punziert. Eine lange Dauer für "Formel 1" und "Ballett" wird in Aussicht gestellt.

Auch die Perspektiven von Friedensmenschen hören

Im Sinn der Kriegsbildung ist dagegen nun wirklich nichts einzuwenden. Aber vielleicht könnten auch Perspektiven von Friedensmenschen gehört werden? Diese sitzen, das kann ich bezeugen, studierend, denkend und diskutierend auch an den Universitäten und in den Schulen - und analysieren und deuten Experteninterviews: Wer spricht? Über wen? Mit welchem Interesse? Und was lernen wir daraus über den Krieg, über den Frieden, für den Frieden? Der neue Lehrplan lässt je nach Fachperspektiven die Argumentation analysieren, Sprachbilder visualisieren, "Formel 1" und "Ballett" intonieren, Friedensbewegungen recherchieren und aller Kriegsbildung zum Trotz Friedensbilder aufspüren, auch wenn die Medien dafür kaum Materialien beisteuern. Vielleicht sollte ab Herbst 2023 nicht nur an den Schulen, sondern auch in den Medien die Friedenserziehung in Kraft treten?