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Friedensoasen statt Massenlager

Von Erich Bramhas

Gastkommentare

Migranten könnten die Ränder der Wüsten kolonisieren.


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Migrationsströme nach Europa können nicht endgültig abgedreht werden, denn sie werden vom Wohlstandsgefälle ausgelöst und sind eine Begleiterscheinung der Globalisierung. Doch die Kraft arbeitswilliger Menschen ist wertvoll und kann genützt werden. Wir würden überschwemmt werden, wenn wir nicht Abwehrmaßnahmen und den potenziell tödlichen Filter namens Mittelmeer hätten.

Die Leute mit Geld heißen Touristen, werden willkommen geheißen und kommen überall durch, 670 Millionen Ankünfte innerhalb Europas und nach Europa im Jahr 2017 bedeuteten 1,34 Milliarden (klimaschädigende) Reisebewegungen hin und her. Jene ohne Geld (weil man es ihnen schon abgeknöpft hat) heißen Migranten, von denen es nach Abzug der Ertrunkenen gerade einmal 2,5 Millionen legal und illegal zu uns, den 500 Millionen Europäern, geschafft haben. Das ist nur ein ganz kleiner Teil der weltweit schon 70 Millionen Vertriebenen. Aber die, die mit Zahlungen und der Überwindung vieler Gefahren und Hindernisse endlich bei uns gelandet sind, wollen unbedingt und endgültig bleiben. Das ist verständlich. Aber das ist es, was uns so schreckt.

Wir können noch stärker drosseln, aber der Druck wird nur zu unseren viel ärmeren und schwächeren Nachbarn verlagert, wo er sich mit dem Neuzuzug zusammen ins Gigantische steigert. Zu viele Menschen. Das Aggressionspotenzial nimmt zu. Bandenkämpfe und Staatskrisen sind programmiert, viele Migranten sterben dann schon im Trockenen. Unsere Nachbarländer drohen ins Chaos zu kippen. Wir schauen weg.

Neue Agrarsiedlungen schaffen

Eine schnelle Lösung gibt es nicht. Aber die kleinen Anfänge in die richtige Richtung, die sich schnell aufschaukeln lassen, sollten schon längst gemacht worden sein. Als Planer sagen wir: Rückhaltebecken, Auffangbecken. So, wie wir sie für unsere afrikanische und nahöstliche Nachbarschaft vorschlagen, sind es neue, moderne Agrarsiedlungen für anfangs je 2000 bis 3000 Familien (10.000 Menschen), die als kooperativ organisierte Pioniere ihre eigenen Häuser bauen, Bäume pflanzen und das Land urbar machen sollten, um von der Landwirtschaft leben zu können. Wir nennen das Friedensoasen.

Ein hartes, aber menschenwürdiges Leben an einem neuen Ort: Menschenrechte, technische, soziale, organisatorische und kulturelle Infrastruktur mit Straßen, Markt/Basar, Wasser, Abwasser, Sonnenfarm, Maschinenpark, Gewerbe/Werkstätten, Schulen (Stichwort Bildungspflicht und Familienplanung), Kindergärten, Klinik, Andachtsraum, Administration, Musik, Fußball. Schutz durch Militär. Ohne Luxus. Aber kein Lager! Lager können leicht Brutstätten von Terrorismus werden: Das Massaker von Sabra und Schatila in Beirut im September 1982 mit bis zu 3000 Todesopfern war ein unerhörter Tiefschlag, der die Welt aufgerüttelt hat.

Historisch betrachtet hat jede erfolgreich geplante Besiedlung mit der friedlichen Inbesitznahme und Kultivierung von Brachland und dem Bau fester Unterkünfte begonnen. Die hundert deutschen Siedlungsflecken in den Ostgebieten des Habsburger-Reiches gingen auf eine strategische Planung unter der Ägide Kaiserin Maria Theresias zurück, Theresienfeld bei Wiener Neustadt ist ein Überbleibsel davon. Der Oberfaschist Italo Balbo, hat 1934 bis 1940 in Libyen erfolgreich eine ganze Reihe von Agrarsiedlungen anlegen lassen, die unseren Friedensoasen ähnlich waren. Das sollte man dem radikalen Matteo Salvini sagen, der jetzt italienischer Innenminister ist.

Ein Strom ungebildeter junger Menschen, die bessere Existenzgrundlagen suchen, ist nicht nichts. Es ist geballte Arbeitskraft. Wir sollten diesen Menschen beide Hände entgegenstrecken - die rechte ökonomische und die linke solidarische - und ihnen sagen: Ihr müsst arbeiten, ihr müsst lernen, so wie wir Europäer es gemacht haben, als es uns dreckig ging, und von Jahr zu Jahr wird es euch ein bisschen besser gehen, genauso wie es bei uns gewesen ist. Als Planer rechnen wir damit, dass 300 bis 450 Millionen Euro in stark abnehmender Verteilung über zweieinhalb Jahre nötig sind, um die ersten 2000 bis 3000 Familien anzusiedeln und in Arbeit zu bringen. Dann werden die 10.000 Bewohner autark und beginnen Überschüsse für die Märkte zu produzieren. Es folgt der langsame Ausbau auf 50.000 Bewohner. Aus den Friedensoasen kann sich Europa den Zuzug organisieren, den es gerne aufnimmt, weil es ihn braucht.

Vergleichsweise geringe Kosten

Die Kosten sind gering, verglichen mit jenen, die entstehen würden, wenn wir die Migranten in unsere europäischen Industriegesellschaften eingliedern wollten, sie sind sehr gering im Vergleich zu den 10 Milliarden Euro jährlich, die schon jetzt von internationalen Organisationen, Staaten und NGOs gießkannenmäßig verspritzt werden oder folgenlos versickern, und sie sind ein Pappenstiel angesichts der 100 Milliarden Euro jährlich, die der Wirtschaftsprofessor und Querdenker Karl Aiginger für nötig erachtet, um unsere Nachbarn zu vollwertigen Handelspartnern zu machen.

Das ist das strategische Angebot, das die EU unseren Nachbarn machen muss: Wir Europäer bringen eine große Zahl herumvagabundierender Migranten und viele eurer eigenen chancenlosen Menschen auf dem Land schnell in Arbeit, indem wir sie durch Planung und Anschubfinanzierung zu Pionieren der Aufforstung und einer modernen Landwirtschaft machen, die sich bald selbst ernähren können, schließlich verarbeitete Produkte für den Markt produzieren und zu einer Ökologisierung der Erdoberfläche beitragen. Ihr stellt das Land bei, das in der Folge den Pionierfamilien und ihren Nachkommen zur gesicherten Nutzung zur Verfügung steht. Das muss zur vertraglich gesicherten Matrix zwischen EU und Partnerstaaten werden.

Vorbild "Kinderdörfer"

Viele EU-Staaten können dann viele der klein portionierten Friedensoasen hineinsetzen, nach dem österreichischen Grundrezept, abgewandelt nach eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten und Interessen. Ähnliche Ansätze gibt es viele, positive und negative. Die "grüne Mauer" im Sahel ist bekannt. Die Aktionen von Wangari Maathai, Friedensnobelpreisträgerin im Jahr 2004, sind schon Geschichte. Von Chinas "großer grüner Mauer" gegen die nördlichen Wüsten können wir viel lernen, ebenso von der Macht und Wirkung seiner neuen, völkerverbindenden Idee der Seidenstraße. Österreich und Deutschland arbeiten seit langem gemeinsam sehr erfolgreich an der Verbesserung landwirtschaftlicher Strukturen in Äthiopien. Andererseits gibt es das "Landgrabbing" internationaler Agrarkonzerne und Investmentvehikel zur Ausbeutung von Böden und Menschen.

Mit ein paar hundert Friedensoasen in Nordafrika und im Nahen Osten können wir die ökologische Wende herbeiführen, also die Desertifikation stoppen, und der Zuwachs an begrünten Wüstenflächen wird zur messbaren Größe. Das kleine, neutrale, reiche Österreich kann anfangen. Nach Schweizer Muster haben wir schon einmal etwas Großes klein begonnen. Die 567 "Kinderdörfer" in weltweit 133 Ländern, die 1,5 Millionen Kinder betreuen, sind richtig dimensionierte, genau geplante, winzige Friedensorte, Generatoren menschlicher Wärme, deren Anzahl unaufhörlich weiter wächst. Wahrscheinlich ist das "Kinderdorf" die wichtigste soziale Erfindung der Nachkriegszeit.

Migration ist eine positive Kraft. 40.000 Migranten sind schon an Europas Orientierungslosigkeit gestorben. Bald gibt es EU-Wahlen. Es ist Zeit - wann fängt Österreich an?