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Frischekur für verrottete Klassiker

Von Inge Santner

Wissen

Briefe, Bücher, Zeitungen - Abertausende wertvolle Dokumente siechen weltweit in Bibliotheken dahin. Doch die Rettung naht. Wiener Forscher haben eine geniale Methode entwickelt.


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Wie rettet man 20 km verschlissene, scheinbar von Mäusen angenagte Zeitungsbände vor dem endgültigen Papiertod? Eine Antwort auf diese Frage hat die Österreichische Nationalbibliothek dreißig Jahre lang unermüdlich gesucht. "Dafür ist sie jetzt erstaunlich einfach", erzählt Projektleiter Walter Ruhm.

Der Wiener Bücherpalast, der mit seinen 6,5 Millionen Druck- und Handschriften zu den Top-Bibliotheken Europas zählt, forschte nicht bloß für sich selbst. Mit Kummer registrieren auch die Schwesterinstitute in aller Welt: Ihre Schätze verrotten mit unerbittlicher Konsequenz. Ob Bücher, Dokumente, Notenblätter, Zeitschriften oder Zeitungen, alles Bedruckte altert vom Tag seiner Geburt an, wird allmählich gelb und mürb. Nach 150 bis 200 Jahren zerfällt es gänzlich.

50 Prozent sind akut bedroht

Bereits elf Prozent sämtlicher weltweit archivierter Bücher, so die Bilanz des Wissenschaftsjournalisten Dieter E. Zimmer, sind unbenützbar geworden. Dreißig Prozent stehen knapp vor der Vernichtung, fünfzig Prozent gelten als akut bedroht. "Viel Kulturgut wird verloren gehen", wertet Zimmer das Ergebnis seiner globalen Umschau. "Das Gedächtnis der Menschheit wird so löchrig werden wie ein Alzheimer-Gehirn."

Am besten konservieren sich just die Altbestände der Bibliotheken. Dies deshalb, weil das vorindustriell erzeugte "handgeschöpfte" Papier aus Stofflumpen erzeugt wurde, deren lange, beständige Cellulosefasern sich unregelmäßig im Blatt verteilten und einander vielfach überkreuzten. Die Katastrophe begann mit der heftig bejubelten Konstruktion einer Papiermaschine am Ende des 18. Jahrhunderts. Denn für die damit möglich gewordene Massenproduktion fehlte es an den bisher üblichen Rohmaterialien. Es gab einfach zu wenig Lumpen und Stoffe. Seit 1844, als Gottlob Friedrich Keller den Holzschliff erfand, entstehen nahezu alle Druckpapiere aus zerriebenem Holz und enthalten nicht nur weniger, sondern auch kürzere Fasern als ihre Vorgänger. Um trotzdem die nötige Festigkeit zu gewinnen, müssen sie ausgiebig geleimt werden, und zwar mit Harzen in einem sauren Milieu. Ebendiese Säuren aber zerreißen die ohnehin kurzen Celluloseketten in immer noch kleinere Stückchen. Es kommt zum "sauren Fluch", der das Papier systematisch schädigt und letztlich brechen lässt.

Ersten Alarm schlugen die Bibliothekare schon vor rund hundert Jahren. Besonders erschreckte sie der schlechte Zustand der gehorteten Zeitungen: Bloß für den nächsten Tag gedacht, waren sie auf besonders billigem Papier gedruckt, zählten aber längst zu den wichtigsten historischen Informationsquellen.

Ein Wettrennen um Lösungsvorschläge begann. Der durchschlagende Erfolg blieb zunächst freilich aus. Viele Testreihen erbrachten etwa gleich viele Enttäuschungen. Die Amerikaner versuchten es z.B. mit Diethyl-Zink-Gas, das sich unerwartet als hochexplosiv herausstellte. Die Kanadier erfanden eine kompliziert gemixte alkalische Alkohollösung, die fatalerweise den Druck ausblutete. Die Deutschen wiederum wählten die teils manuell, teils maschinell betriebene Spaltmethode, eine wahrhaft mühsame Prozedur: Zunächst gilt es, jedes einzelne Buchblatt zwischen zwei gelatinegetränkte "Trägerpapiere" zu pressen, die den Leim aus der beiderseitigen Oberschicht des zu rettenden Blattes aufsaugen, wodurch die Mittelschicht austrocknet, an Festigkeit verliert und spaltbar wird. Ein kurzer Ruck, ein zartes Ziehen lassen zwei Blatthälften entstehen. Letztere klebt man mit äußerster Präzision auf ein dazwischengelegtes Kernpapier. Am Schluss landet das Ganze in einem Tauchbad, das die unnötig gewordenen Trägerpapiere samt Gelatine ablöst. Das Buchblatt präsentiert sich nun tatsächlich bestens restauriert, man kann es in die Hand nehmen, beliebig wenden und gemeinsam mit den übrigen sanierten Blättern frisch binden. Das Bibliotheksbudget freilich würgt schwer an diesem Rettungswerk. Die Spaltung eines einzigen Blattes kostet bei maschineller Arbeitsweise gegen 40 Schilling, bei manueller sogar über 160 Schilling.

Suche nach neuen Wegen

Der Österreichischen Nationalbibliothek jedenfalls genügten die andernorts erdachten Kuren nicht: "Zu unausgegoren, zu mühsam, zu teuer", urteilten ihre Restauratoren und machten sich 1970 selber ans Experimentieren. Vorrangig dachten sie an ein vergleichsweise simples Penetrationsverfahren mittels Methylcellulose, Wasser und Calciumhydroxid.

Ganz so einfach ging es dann zwar nicht. Doch das Prinzip der so genannten Wiener Methode stimmte. Es bedurfte lediglich einer Optimierung. Als entscheidender Schritt erwies sich der Wechsel von Calciumhydroxid zum effektiveren Boratpuffer, der auch künftigen umweltbedingten Säureattacken entgegenwirkt.

1999 hatten es die Österreicher geschafft. Stolz präsentierten sie die "Optimierte Wiener Methode", die sich zu Recht mit mehreren Pluspunkten brüstet: Sie entsäuert, reinigt und festigt das angegriffene Zeitungspapier in ein und demselben Prozess. Außerdem vereint sie relativ niedrige Spesen mit absoluter Umweltverträglichkeit. Konkret besteht das wienerische Modell aus folgenden Arbeitsgängen:

Erstens müssen die meist dicken Einbanddeckel der zu behandelnden Zeitungsblöcke entfernt werden. Sie würden das gleichmäßige Eindringen der Tränkflüssigkeit behindern.

Zweitens taucht man die entblößten Zeitungsblöcke in ein Wannenbad mit einer Lösung, die aus Methylcellulose zur Festigung des Papiers, aus dem Boratpuffer zur Neutralisation und aus Wasser als Lösungsmittel besteht. Die Wannen bleiben für etwa zwei Stunden in einer Vakuumkammer - der Unterdruck ist nötig, um die einheitliche Durchnässung des Papiers mit der leicht zähflüssigen Methylcellulose zu sichern. Drittens landen die nassen Zeitungsbände auf Trockenregalen, wo sie gut abtropfen sollen. Viertens erfolgt die eigentliche Trocknung in einem Tiefkühlschrank. Dort werden die papierenen Patienten bei dreißig Minusgraden schockgefroren und anschließend gefriergetrocknet. Ohne die Schockfrierung geht es nicht. Es kommt nämlich darauf an, die Eiskristalle - ungefähr sieben Kilo pro Band! - so winzig klein zu halten, dass sie bei vorsichtiger Erwärmung allsogleich in Wasserdampf übergehen und das Papier nicht verletzen. Nebenbei unterbindet der Kälteschock das gefürchtete "Verblocken" (=Zusammenkleben). Nach etwa acht Tagen sind die dicken Bündel wieder trocken. Fünftens steckt man die behandelten Zeitungsbände in den alten, gleichfalls gereinigten Deckel. Ihr Überleben ist nach derzeitiger Schätzung für mindestens 300 Jahre sichergestellt.

Ende gut, alles gut? Im Wesentlichen ja. Während der nun abgelaufenen zweijährigen Probezeit hat sich die wienerische Nassmethode voll bewährt. "Besseres ist nirgendwo in Sicht", zeigt sich Chef-Restaurator Walter Ruhm "grundsätzlich hochzufrieden". Als verbesserungsbedürftig galt einzig der achttägige Trocknungsvorgang. Ruhm: "Er nahm bis dato zu viel Zeit in Anspruch, erforderte zu viele Gefrierschränke. Da musste uns etwas einfallen. Und da ist uns auch etwas eingefallen."

Der Erfolg steht fest

Was den findigen Österreichern einfiel, war die Zwischenschaltung einer Zentrifuge. Fortan wollen sie die nassen Papiermassen so weit vortrocknen, dass im Gefrierschrank nur eine kurze Resttrocknung stattfinden muss. Obwohl das Forschungsprogramm noch bis 2002 läuft, steht der Erfolg bereits heute zweifelsfrei fest. Die Tests in der Laborzentrifuge der Technischen Universität erbringen ausnahmslos derart gute Ergebnisse, dass im Juli dieses Jahres bereits die richtige Zentrifuge angeschafft wurde.

Fazit: Nach dreißig Jahren des Hoffens und Bangens sind die Wiener Restauratoren nun fein heraus. Sie brauchen den typischen Säuregeruch von Bibliothekslagerräumen nicht länger ohnmächtig einzuatmen. Vielmehr können sie zügig darangehen, Kilometer um Kilometer ihrer maroden Drucke für die nächsten Jahrhunderte fit zu machen.