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Frisches Blut für Wiens Börse

Von Karl Leban

Wirtschaft
Dem Aktienmarkt in Wien winken heuer zumindest zwei Neuzugänge.
© Wiener Börse AG

Mit Austriacard und der Funkmastensparte der Telekom Austria wird der Kurszettel heuer wieder etwas länger.


Börsengänge sind in Österreich eher selten. Die letzten vier vor Ausbruch der Pandemie waren 2017 die Bawag und 2019 die Biotechfirma Marinomed, das Kreditinstitut Addiko (mit dem Balkangeschäft der früheren Hypo Alpe Adria) sowie der Tech-Konzern Frequentis, ein Anbieter von Flugsicherungssystemen und Software für Sicherheitsbehörden. Danach folgte eine dreijährige Durststrecke ohne neue Listings für den Kurszettel der Wiener Börse. Doch mittlerweile winken dem heimischen Aktienmarkt wieder Neuzugänge. So sind für heuer vorerst zumindest zwei in Sicht: die einstige Nationalbank-Tochter Austria Card sowie der Handy-Funkmastenbetrieb der teilstaatlichen Telekom Austria.

Läuft alles nach Plan, sollen die Aktien der Austriacard Holdings AG am 27. März erstmals an der Wiener Börse gehandelt werden. Ein öffentliches Kaufangebot (IPO) wird es vorher jedoch nicht geben. Voraussetzung für die Handelsnotierung ist nämlich der Vollzug einer gesellschaftsrechtlichen Verschmelzung der Austriacard mit der griechischen Tochter Inform Lykos. Da diese Tochter an der Börse in Athen gelistet ist, kommen im Zuge der Fusion automatisch "mehr als 2.000 Aktionäre" aus dem Börsenpublikum an Bord, wie Austriacard-Finanzchef Markus Kirchmayr erklärt. Austriacard dockt somit direkt an die Wiener Börse an und notiert künftig statt Inform auch in Athen. Die Zulassung zum Handel hat das Unternehmen bereits in der Tasche.

Gelistet im "Prime Market"

Auch die Verschmelzung ist schon besiegelt. Was noch fehlt, ist die Eintragung im Firmenbuch. Die jedenfalls sollte laut Kirchmayr bis Mitte März erfolgen. Damit sollte es dann auch mit der voraussichtlichen Erstnotierung am 27. März klappen.

Gehandelt werden soll der neue Titel im "Prime Market", dem obersten Handelssegment in Wien. Auf Basis externer Unternehmensbewertungen bringt Austriacard Kirchmayr zufolge "240 bis 250 Millionen Euro" auf die Waage, woraus sich mit Blick auf die Gesamtzahl der Aktien zur Orientierung der Anleger ein Referenzpreis von 13,40 Euro errechnet.

Austriacard sieht sich als "führenden Anbieter digitaler Sicherheitstechnologie". Das in Wien ansässige Unternehmen beschäftigt mehr als 1.500 Mitarbeiter und ist vor allem in Europa, aber auch in den USA tätig. Es entwickelt, produziert und personalisiert Bankomat- und Kreditkarten, Ausweise und Zugangskarten und bietet zudem innovative digitale Lösungen an. Die E-Card ist eines von vielen Prestigeprojekten. Zum Kundenkreis gehören Fintechs, Banken, Industrie-, Retail- und Transportunternehmen sowie öffentliche Institutionen.

Das Geschäft hat sich zuletzt vielversprechend entwickelt. 2021 schrieb Austriacard bei 178,0 Millionen Euro Konzernumsatz einen operativen Gewinn (Ebitda) in der Höhe von 26,8 Millionen. Gesamtzahlen für 2022 liegen noch nicht vor, aber im ersten Halbjahr stieg der Umsatz im Jahresabstand um 69 Prozent auf 137,1 Millionen Euro und das Ebitda um 137 Prozent auf 19,8 Millionen Euro.

Mehrheitsaktionär und Vorstandschef der Austriacard ist Nikolaos Lykos, der die vierte Generation der griechischen Familie Lykos repräsentiert. Die Lykos-Gruppe hatte 2008 zunächst die Mehrheit an der ehemaligen Tochter der Österreichischen Nationalbank (OeNB) erworben und drei Jahre später die restlichen Anteile.

Telekom wird zweigeteilt

An der fusionierten Gesellschaft (Inform Lykos wird auf die Mutter Austriacard verschmolzen) wird Nikolaos Lykos 77,25 Prozent der Anteile halten, Vorstandsmitglied Panagiotis Spyropoulos 1,48 Prozent. Mehr als ein Fünftel (21,27 Prozent) wird breit im Börsenpublikum gestreut sein. Geplant ist, den Streubesitz in Zukunft noch zu vergrößern.

Kein IPO, kein Börsengang mit einem öffentlichen Kaufangebot an Investoren, wird auch die Funkmastengesellschaft der bereits börsennotierten Telekom Austria sein. Wie berichtet will sich die Telekom aufspalten, indem sie ihre rund 15.000 Mobilfunkmasten in Österreich sowie Ost- und Südosteuropa in eine eigene Gesellschaft auslagert. Mit dem Spin-off soll das neue Unternehmen, das dann eine Schwestergesellschaft der Telekom sein wird, automatisch an der Wiener Börse notieren - ebenfalls im "Prime Market", wie zu hören ist.

Notierung wohl im Sommer

Diese Pläne sollen jedenfalls "relativ zügig umgesetzt werden - noch im heurigen Jahresverlauf", so Telekom-Sprecher Michael Höfler. Dem Vernehmen nach arbeitet das Telekom-Management mit Hochdruck an dem Projekt. Mit Hinweis auf das Börsenlisting heißt es in Finanzkreisen: "Im Sommer soll das durch sein."

Die beiden Hauptaktionäre der Telekom, der mexikanische Mobilfunkkonzern América Móvil und die österreichische Staatsholding Öbag, hatten Anfang Februar vereinbart, die Funkmasten abzuspalten. Der Grund: Deren Betrieb gehört nicht zum Kerngeschäft von Mobilfunkfirmen. Und daher soll eine eigene Gesellschaft ihren Fokus auf das Geschäft mit Vermietungen an andere Mobilfunkanbieter richten können. Die jeweiligen Aufsichtsratsgremien der Öbag und der Telekom haben für die Pläne vor kurzem bereits grünes Licht gegeben. Die Telekom-Hauptversammlung wird das am 7. Juni tun.

In Zukunft halten die heutigen Aktionäre der Telekom Austria ihre Aktien an zwei getrennt voneinander agierenden Unternehmen. An den Eigentumsverhältnissen ändert sich dabei nichts. Auch bei der neuen Mastengesellschaft werden auf América Móvil 51,00 Prozent, auf die Öbag 28,42 Prozent und auf den Streubesitz 20,58 Prozent entfallen.

Kommunalkredit an die Börse?

Neben Austriacard und der Funkmastenfirma, die als fixe Kandidaten für Wiens Börse gelten, ist in der Finanzbranche noch von anderen möglichen Kandidaten die Rede - beispielsweise von der Kommunalkredit Austria und dem Verpackungshersteller Constantia Flexibles. Zudem ist beim Baukonzern Strabag ein zweiter Börsengang in Form eines zweiten öffentlichen Kaufangebots (SPO) denkbar, um den Streubesitz zu vergrößern.

Christoph Boschan, Chef der Wiener Börse AG, sieht für 2023 "Lichtblicke" im Bereich Börsengänge. "Unser IPO-Workshop am 14. März ist bereits gut gebucht", sagt er. "Nachdem es in den vergangenen drei Jahren nur diverse Zugänge im Einstiegssegment gab - etwa VAS, Kostad, Voquz Labs und Biogena Invest -, legt nun auch der Hauptmarkt zu. In Österreich gibt es spannende Börsenkandidaten", betont Boschan.

Florian Beckermann, Chef des Interessenverbandes für Anleger, glaubt ebenfalls, dass Wien heuer den einen oder anderen Börsengang sehen könnte. "Die Zinswende bedeutet auch ein Wiederauferstehen der Kapitalmärkte. Das springt jetzt wieder an."