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"Früher gab es den Hausmeister"

Von Bernd Vasari

Politik
Der Karl-Marx-Hof am Vormittag: Manche Einheimischen leiden unter Isolation.
© © Stanislav Jenis

"Das Aggressionspotenzial ist sehr hoch", beklagt der Mieterbeirat.


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Wien. "Wir haben probiert, mit den Leuten zu reden. Nur das Aggressionspotenzial ist sehr hoch. Oft wurde uns Gewalt angedroht, wir konnten uns anhören, dass wir etwa eine aufs Maul bekommen würden", erzählt Andreas Wolf über die Bewohner des Wiener Karl-Marx-Hofes. Seit 2011 ist er hier Vorstand des Mieterbeirates. Die Stimmung sei sehr aufgeheizt und die Intoleranz gegenüber Mitbewohnern dementsprechend hoch, vor allem wenn es um die "Ausländer" im längsten Gemeindebau der Welt (Gesamtlänge: 1,1 Kilometer) gehe. Hatte der Mieterbeirat anfangs noch versucht, die Konflikte zu schlichten, übergibt er die Probleme mittlerweile an die Wohnpartner und an Wiener Wohnen weiter.

Die meisten Bewohner kommen mit Beschwerden zu ihm, sechs bis acht sind es etwa, die ihn in der montäglichen Sprechstunde zwischen 18 und 19 Uhr aufsuchen. Die häufigsten Probleme drehen sich um Lärm und Verschmutzungen. Nicht immer geht es um Migranten. Zurzeit ist etwa die Generalsanierung, die bis 2015 abgeschlossen werden soll, ein großes Thema. Da der Karl-Marx-Hof denkmalgeschützt ist, dürfen seine Bewohner keine baulichen Veränderungen vornehmen. Trotzdem tauschten viele ihre Holzfenster in Kunststofffenster um, die nun wieder durch Holzfenster ersetzt werden müssen. Das sorgt für böses Blut.

Das Hauptproblem im alltäglichen Leben ist aber das Zusammenleben zwischen Migranten und Nicht-Migranten. Beschwerden kommen fast ausschließlich von Nicht-Migranten. Nur um die zehn Migranten seien dieses Jahr in seine Sprechstunde gekommen, erzählt Andreas Wolf, und die seien nicht gekommen, um sich zu beschweren; meistens hätten sie um Einfahrtsbewilligungen angesucht. Dass die Migranten zufrieden sind, bestätigt ein Lokalaugenschein.

Die Teppichrestaurateurin Dasimir Melahat etwa findet, dass das Zusammenleben gut funktioniert. Sie wohnt seit 13 Jahren im Karl-Marx-Hof, auf Stiege 42 und hat keine Probleme mit ihren Nachbarn. Auch eine andere Frau mit türkischer Herkunft fühlt sich wohl im Gemeindebau. "Ja klar, es ist schon laut. Aber das ist halt so, wenn viele Kinder da sind. Für mich ist das normal", sagt sie. Befragte Personen ohne Migrationshintergrund sind da ganz anderer Meinung.

Bernhard Zuser, der nicht im Karl-Marx-Hof wohnt, aber häufig seinen Sohn dort besucht, meint: Es gebe große Unterschiede zwischen den einzelnen Stiegen, und die seien auf den jeweiligen Migrantenanteil zurückzuführen. "Je mehr Ausländer in einer Stiege leben, desto schlechter ist die Stimmung. In manchen Stiegen geht es sogar sehr gewalttätig zu."

Migranten brachten wieder Kinder in den Gemeindebau

Erna Mörixbauer wurde 1929 im Karl-Marx-Hof geboren und wohnt noch immer dort. Auch in ihrer Kindheit war es oft sehr laut im Hof. "Es waren immer so viele Kinder zum Spielen da, dass man selten in einen anderen Hof gegangen ist. Von anderen Höfen des Karl-Marx-Hofes kam ebenfalls nur selten wer hinüber", erinnert sie sich. Migranten gab es kaum. Nach und nach sind die Kinder ausgezogen und im Hof wurde es ruhig. Dies änderte sich in den 1990er Jahren, als die ersten Migrantenfamilien einzogen.

"Viele Familien haben mindestens vier Kinder, da wundert es nicht, wenn die Wohnungen zu klein werden. Viel spielt sich halt dann am Gang ab, wo es sehr hallt." Die Mentalität sei sehr anstrengend, das Verhalten sehr laut. Man könne deswegen nicht am Balkon sitzen, um zu lesen. Ein Problem sei auch das Nichteinhalten der Nachtruhe. Dies bestätigt auch Andreas Wolf vom Mietsbeirat: "Bei manchen Migrantenfamilien geht es erst um zwölf Uhr in der Nacht los." Beschwerden helfen auch nur noch kurzfristig. Darüber hinaus gebe es eine "neue Masche", erzählt er: "Die Migranten drohen mit Klagen oder fragen dich, ob du ausländerfeindlich bist."

Doch Bernhard Zuser ist überzeugt, dass der Konflikt lösbar ist: "Die Ausländerthematik ist ja nichts Neues, nur früher gab es den Hausmeister, der sich um die Bewohner gekümmert hat." Man bräuchte wieder eine Instanz, die den Schiedsrichter stellt. Die heutigen Objektleiter seien gestresst und grantig. "Von denen bleibt keiner auf einen Kaffee", sagt Zuser. Erna Mörixbauer kritisiert die Entfernung der Hausmeister ebenfalls. "Der Hausmeister war immer erreichbar und hat geholfen. Wenn es wo laut war, dann hat er an die Türe geklopft. Heute gibt es eine Vielzahl an Personen; der eine ist zuständig, dass die Hunde nicht in die Wiese machen, der Nächste für Lärm, und so weiter." Aber keiner von ihnen wohnt im Karl-Marx-Hof und alle sind auch nur ein paar Stunden in der Woche vor Ort. Der frühere Hausbesorger hatte auch eine höhere Stellung, da man bei ihm die Miete zu bezahlen hatte.

Ein weiterer Konfliktpunkt ist die wachsende Verschmutzung der Anlage, für die hauptsächlich Migranten verantwortlich gemacht werden. Für Mörixbauer sind aber beide Seiten schuld: "Die Mistkübel werden kaum verwendet. Das gilt aber auch für Nicht-Migranten." Sie kritisiert die Größe der Mistkübel, die nur für Erwachsene geeignet sei. Viele schicken ihre Kinder, um den Müll hinunter zu tragen. "Diese kommen aber nicht rauf und stellen den Mist dann am Boden ab. Eh logisch."

"Niemand weist neue Mieter auf die Hausordnung hin"

Mittlerweile ist die Situation so festgefahren, dass alle Migranten über einen Kamm geschoren werden, erzählt Wolf. Verstärkt werde dies durch das Auflauern von Verfehlungen des Einzelnen. "Wenn dann was passiert, wird mit dem Finger drauf gezeigt." Den Gewaltanstieg führt er auf das immer niedriger werdende Bildungsniveau im Gemeindebau zurück. Viele Migranten würden auch wieder wegziehen, weil sie sich für ihre Landsleute genieren. "Man hat vergessen, die neuen Mieter von Anfang an zu betreuen und auf die Hausordnung hinzuweisen", meint Mörixbauer.

Die Sozialarbeiterin Christa Preining kennt die Konflikte zwischen Migranten und Nicht-Migranten in Wiens Gemeindebauten. Oftmals liegen die Ursachen in Existenzängsten, fehlenden Perspektiven oder der eigenen Isolation, erzählt sie. Nicht-Migranten sind oft sehr einsam und haben keine Communities um sich. "Man sitzt am Fenster und draußen ist die laute türkische Gang, die Spaß hat. Man kann nicht einmal mitlachen, weil man die Sprache nicht versteht. Man fühlt sich ausgeschlossen. Die haben’s lustig und ich sitz einsam da."

Frühere Kommunikationsorte im Karl-Marx-Hof wie der Waschsalon sind heute Orte der Stille. Obwohl mehr als die Hälfte der Waschkabinen belegt sind, hört man nur das leise Surren der Waschmaschinen. Die Rahmenbedingungen erschweren heute den gegenseitigen Austausch: Die Waschkabinen sind von außen nicht einsehbar. Es gibt keine Bänke mehr zum Verweilen.