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"Frühgeburt" und "Jahrhundertentscheidung"

Von Ronald Schönhuber

Politik

Vor 20 Jahren wurde der Euro in 11 der damals 15 EU-Staaten als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt.


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Frankfurt/Wien. Wie so vieles in Europa begann auch die gemeinsame Währung mit einem in den frühen Morgenstunden ausgehandelten Kompromiss. Erst nach zwölfstündigem Gefeilsche konnten sich der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl, der der französische Staatspräsident Jacques Chirac, Großbritanniens Premierminister Tony Blair und die übrigen EU-Chefs in der Nacht auf den 3. Mai 1998 auf den Niederländer Wim Duisenberg als ersten Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) einigen. Auf Drängen Frankreichs durfte Duisenberg allerdings nicht die volle Amtszeit von acht Jahren ausschöpfen, sondern musste sich verpflichten, nach fünf Jahren Platz für den späteren "Mr. Euro" Jean-Claude Trichet zu machen.

Duisenbergs Bestellung war der letzte noch fehlende Puzzle-Stein für die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Währung gewesen. Der Euro konnte damit am 1. Jänner 1999 in 11 der damals 15 EU-Mitgliedstaaten als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt werden - zunächst elektronisch, ab 2002 dann als Bargeld. Dass die Einführung des Euro richtig war, stand dabei vor allem für Kohl außer Zweifel. "Die Verwirklichung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion ist (...) für uns Deutsche wie auch für die Europäer die wichtigste und bedeutendste Entscheidung seit der Wiedervereinigung Deutschlands", erklärte der damalige deutsche Kanzler bereits im April 1998 im Bundestag. "Ich glaube, dass sie - auf lange Sicht - eine der wichtigsten Entscheidungen des ganzen Jahrhunderts ist."

Exporteure als Profiteure

Derart optimistisch wie Kohl waren freilich nicht alle. Gerhard Schröder, der Kohl noch 1998 ins Kanzleramt nachfolgte, hatte den Euro noch vor seiner Einführung als "kränkelnde Frühgeburt" verspottet und selbst in der eben erst gegründeten EZB war vielen das von der Politik vorgegebene Tempo zu hoch. "Schon 1999 zu beginnen mit so vielen Ländern, hielt ich für ein riskantes Unterfangen", erinnert sich Otmar Issing, damals Chefvolkswirt der EZB, im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. "Der Euro wurde mit größter Skepsis begleitet."

Die tatsächliche Einführung der neuen Währung verlief allerdings erstaunlich glatt. So galt für tausende Banker rund um den Jahreswechsel eine Urlaubssperre, um sicherzustellen, dass bei der technischen Umstellung von nationalen Währungen wie deutscher Mark, französischem Franc und österreichischem Schilling nur ja nichts schiefging. "Das ist so reibungslos vor sich gegangen, wie sich das niemand vorstellen konnte", sagt Issing.

Profitiert von der Einführung der Euro haben vor allem Exportnationen wie Deutschland und Österreich, denn mit der gemeinsamen Währung entfielen auch die Kosten für Währungsumtausch und die Absicherung von Wechselkursschwankungen. Doch auch insgesamt hat der Euro der europäischen Wirtschaft einiges gebracht. So wuchs der Handel in der Eurozone in den ersten zehn Jahren um zehn Prozent. Gleichzeitig entstanden 16 Millionen Jobs - fünf Mal so viel wie im Schnitt der Jahre zuvor.

Für die meisten Menschen greifbar wurde der Euro aber dennoch erst, als die gemeinsame Währung zum Jahreswechsel 2001/2002 in der größten Geldumtauschaktion der Geschichte auch als Bargeld eingeführt wurde. Noch als die Böller in der Silvesternacht knallten, bildeten sich in den Staaten der Eurozone Schlangen an den Geldautomaten. Doch die Ernüchterung kam trotz offensichtlicher Vorteile wie dem bequemen Reisen ohne Geldwechseln schnell: Viele hielten den Euro für einen "Teuro". Statistiker konnten noch so sehr argumentieren - beim Einkaufen, im Kaffeehaus oder beim Friseur wurden zahllose Verbraucher das Gefühl nicht los, dass hier auf ihre Kosten die Preise erhöht wurden. Das Wortspiel wurde so populär, dass "Teuro" gleich im Jahr der Einführung des Euro-Bargeldes in Deutschland zum "Wort des Jahres" wurde.

Dass der Euro ein Teuro ist, lässt sich heute auch auf lange Sicht widerlegen. So lag die durchschnittliche Inflationsrate im Währungsraum in den vergangenen 20 Jahren bei 1,7 Prozent. In den 50 Jahren, in denen die Deutschen mit der als Inbegriff der Hartwährung geltenden D-Mark bezahlten, stiegen die Preise dagegen durchschnittlich um 2,8 Prozent. Die Anti-Euro-Stimmung ist allerdings dennoch bis heute populär. So sind in Österreich und Deutschland zwar 76 beziehungsweise 70 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass der Euro eine gute Sache sei, gleichzeitig verzeichnen euro-skeptischen Parteien aber hohe Zustimmungswerte. So liegt die FPÖ in Österreich in den Umfragen konstant über 22 Prozent und in Deutschland ist die AfD mittlerweile nicht nur die größte Oppositionsfraktion, sondern auch in den Parlamenten aller 16 Bundesländer vertreten.

Ein ungelöstes Grundproblem

Dass der Euro derzeit oft eher ein Spaltpilz denn ein gemeinschaftsstiftendes Projekt ist, hat sich zuletzt aber wohl am deutlichsten in Italien gezeigt. Dort machte die Koalition aus Fünf-Sterne-Bewegung und rechter Lega schon im Wahlkampf Stimmung gegen die Gemeinschaftswährung und kokettierte dabei selbst mit einem Euro-Austritt. Die Populisten in Italien griffen dabei ein weitverbreitetes Gefühl auf: Seit der Euro-Schuldenkrise fühlen sich viele Südeuropäer durch die Brüsseler Sparvorgaben gegängelt.

Dass sich dieser Konflikt bald auflöst, ist nicht absehbar. Denn zu den Hauptproblemen der Währungsunion gehört neben den ungleichen wirtschaftlichen Voraussetzungen die fehlende politische Einheit. Während die Geldpolitik bei der EZB gebündelt wurde, blieb die Wirtschafts- und Budgetpolitik weitgehend in der Hand der einzelnen Staaten. Und diese versuchen nur allzu oft aufgrund nationaler Interessen ihr eigenes Süppchen zu kochen.