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Für Arafat wird die Zeit knapp

Von Karl Ernst

Politik

Jerusalem - Yasser Arafat ist gezeichnet von den Anstrengungen, die ihm sein Lebenswerk abverlangt. Der zweiwöchige Gipfelmarathon von Camp David hat ihn noch einmal vor eine Nerven und Energie kostende Zerreißprobe gestellt - am Ende vergebens. Der Traum, dem er sein ganzes Leben gewidmet hat, ist der von Israel anerkannte palästinensische Staat.


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Schmerzliche Kompromisse und Rückschläge haben den Vorsitzenden der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), seit 1994 Präsident der Palästinensischen Nationalbehörde (PNA), allerdings noch nie vom Kurs abgebracht.

Arafat beteiligte sich schon als Jugendlicher an Aktionen gegen die britische Mandatsmacht und gegen zionistische Gruppen. Am zweiten Nahost-Krieg von 1956 nahm er als Leutnant in der ägyptischen Armee teil. Drei Jahre später gründete er die Organisation Fatah, die ab 1965 den bewaffneten Kampf gegen Israel aufnahm. 1969 wurde die Fatah in die PLO aufgenommen und Arafat deren Vorsitzender.

Auf diesen ersten Triumph folgte prompt der erste Rückschlag: Der jordanische König Hussein vertrieb 1970 die ihm zu gefährlich gewordenen palästinensischen Kämpfer aus seinem Land. Die nächste Prüfung wartete im Libanon auf die Palästinenser, wo sich Arafats Truppen eine neue Basis geschaffen hatten. Ein Jahr nach Ausbruch des dortigen Bürgerkrieges intervenierten die Syrer und schwächten die Palästinenser schwer.

Die schwerste militärische Niederlage war jedoch 1982 der Einmarsch der Israelis im Libanon und die Vertreibung der PLO. Aus dem folgenden Exil in Tunis organisierte sie dann die Intifada, den Volksaufstand der Palästinenser in den israelisch besetzten Gebieten gegen die Besatzungsmacht. Doch Arafat begann einzusehen, dass der bewaffnete Kampf die palästinensische Sache keinen Schritt weiter bringen würde. Schon in seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen 1974 hatte er die Israelis aufgefordert, sich mit den Palästinensern in einem "demokratischen Staat zu vereinen, in dem Juden, Christen und Moslems In Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit" zusammenleben sollten.

So schwor Arafat die PLO auf die Teilnahme an Friedensgesprächen ein. 1993 wurde der erste Grundlagenvertrag mit Israel geschlossen, dem 1995 das zweite Abkommen folgte. Mit leeren Händen kehrt er nun aus Camp David zurück.

Wie lange er die palästinensische Politik weiter mit seiner Autorität dominieren kann, ist nach diesem Fehlschlag die große Frage: Nicht nur wegen seines Alters und seiner angeschlagenen Gesundheit; vielmehr dürfte das Scheitern des Gipfels auch den Extremisten wie der Hamas neuen Auftrieb geben.