Zum Hauptinhalt springen

Für Briten wurde Bahn teurer

Von Veronika Gasser

Politik

Großbritannien hat seinen leidvollen Weg der Bahnreform schon hinter sich. Die SPÖ lud deshalb zum Experten-Hearing den britischen Bahnexperten Jon Shaw ins Parlament. Sein Rat an die Verantwortlichen der ÖBB-Reform: Allein die Reorganisation war extrem teuer und kostete 900 Mill. Euro. Der jährliche Subventionsbedarf stieg um 3,3 Mrd. Euro.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 20 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Großbritannien hat die Bahnreform schon 1994 vorgenommen. Doch die Bilanz von Shaw ist wenig verheißungsvoll. Zwar gab es einige Verbesserungen - so konnte etwa die Zahl der Passagiere um ein Viertel erhöht werden - doch in Summe ist die Bilanz negativ. Denn die Zunahme der gefahrenen Kilometer und Fahrgäste führt Shaw nicht auf die Reform, sondern vielmehr auf das Wirtschaftswachstum ab Mitte der 90er Jahre zurück. Positiv vermerkt Shaw die ums Dreifache gestiegenen Gesamtinvestitionen von zwei auf sechs Mrd. Euro. Der Großteil entfällt aber auf Loks und Waggons: 4,5 Mrd. Euro wurden von Personenverkehrs- und 1,2 Mrd. Euro von Güterverkehrsunternehmen investiert.

Doch in den meisten anderen Punkten lasse die britische Bahn zu wünschen übrig. Pünktlichkeit ist längst keine Tugend mehr. "Heute ist ein Zug pünktlich, wenn er zehn Minuten zu spät kommt." Für Shaw ist dies eine Verlagerung der Restrukturierungskosten auf Arbeitnehmer und Wirtschaft, welche nun auch die Zeche für die schlechte Koordination begleichen müssten.

Nebenbei wurde das System Bahn für den Steuerzahler insgesamt teurer: Statt der einstigen 2,4 Mrd. Euro Zuschüssen, muss der Staat nun 5,7 Mrd. Euro hinlegen. Trotzdem wurden die Fahrpreise nicht günstiger, sondern teurer. Für manche Strecken stiegen die Ticketpreise um 36 Prozent. Die 250 Kilometer lange Strecke von London nach Manchester und retour koste mittlerweile 288 Euro. Durch die überzogenen Preise seien aber viele auf das Auto umgestiegen, was zu Sicherheitsproblemen auf Englands chronisch verstopften Straßen geführt habe. Vor einem solchen Szenario warnt auch AK-Präsident Herbert Tumpel.

Schwachstelle Infrastruktur

Ein warnendes Beispiel ist für Shaw der Unfall von Hatfield: Durch zu geringe Investitionen der Infrastrukturgesellschaft kam es zum Bruch von Schienen. 2000 sprang dadurch der Zug aus den Gleisen. Sechs Menschen starben, viele wurden schwer verletzt. Da noch weitere mögliche Schwachstellen lokalisiert wurden, musste von da an die Zuggeschwindigkeit gedrosselt werden. "Der Unfall brachte die gesamte Industrie in die Krise, aus der sich die Industrie und die britische Bahn bis heute nicht erholt haben." Das System Bahn sei durch die Teilung viel zu komplex geworden, Koordination fast nicht möglich. Österreich habe nun die Chance ähnliche Fehler zu vermeiden. Vor einer Reform müsste es ein abgestimmtes Gesamtverkehrskonzept geben.