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Für die Trauer rechtfertigen?

Von Bernhard Baumgartner

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Warum weinen viele über den Tod eines Menschen, den sie zeitlebens nie persönlich kennengelernt haben? Oder nur aus einem Auto winken haben sehen? Ist das nicht alles übertrieben? Oder gar nur Show? Sollte man nicht lieber wegen anderer Dinge betroffen sein, etwa wegen des Krieges oder echter Katastrophen?

Nein, keineswegs. Denn die Gefühle sind keine Einbildung, sondern durchaus real. Es ist echte Trauer, die viele wahrnehmen. Manche, und nicht nur Briten, empfinden den Tod der englischen Königin als ein Wegbrechen eines Ankers der Stabilität für ihr eigenes Leben. Als das Ausgehen eines Leuchtturms, der das ganze Leben lang den Weg erhellt hat. Nicht immer voll im Bewusstsein, aber doch im Hintergrund. Dieses Gefühl, das man wohl am besten mit Geborgenheit beschreiben kann, ist nun versiegt. Das macht traurig und unsicher. Viele sehen das Ende dieser Ära wohl auch als Vorboten einer Zukunft, die als Abwärtsbewegung wahrgenommen wird. Die Herausforderungen der vergangenen Jahre sind noch immer nicht verdaut, und dennoch wird es gefühlt stets noch schwieriger. Und ausgerechnet in dieser Phase ist nun eine als sehr positiv empfundene Figur (und damit eine gewisse emotionale Grundstabilität) verschwunden. Das kann einen schon einmal aus der seelischen Ausgeglichenheit bringen. Es ist keine Schande, das auch zu fühlen. Und es ist auch kein "Sich-Mitreißen-Lassen" von der Masse. Trauer steht jedem zu - und man muss sich dafür auch sicher nicht rechtfertigen.