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Für Legastheniker gibt es Hilfe

Von Stefan Beig

Politik

Buben stärker von Legasthenie betroffen. | Ohne Hilfe folgen Sekundärsymptome. | Wien. Aus der eigenen Schulzeit weiß man, dass anfängliche Lese- und Schreibschwierigkeiten normal sind. Manche Kinder überwinden sie schneller, andere langsamer. Normal begabte Kinder, die mit dem Lesen anhaltende Probleme haben, gelten in Medizin und Psychologie als "Legastheniker".


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Übersetzt heißt Legasthenie "Schwierigkeiten mit Worten oder der Sprache". Je nach Studie sind vier bis acht Prozent der Schüler schwere Legastheniker, 12 bis 20 Prozent sind lese- und rechtschreibschwach. Stärker betroffen sind Buben, sie machen zwei Drittel der Legastheniker aus. In Österreichs Volksschulen und Mittelstufen wird "Legasthenieunterricht" in Kleingruppen angeboten.

Die Fachwelt ist sich einig, dass es Kinder und Erwachsene gibt, denen es trotz normaler oder sogar überdurchschnittlicher Intelligenz schwerer fällt, lesen und schreiben zu lernen. Eine seriöse wissenschaftliche Einordnung der Legasthenie ist gemäß den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation möglich. Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand ist Legasthenie ein spezifischer Begabungsmangel für das Erlernen des Lesens und Schreibens, und zwar unabhängig von schlechtem Schulunterricht, Entwicklungsalter und Sehschwäche. Prominente Legastheniker waren Albert Einstein, John F. Kennedy, Walt Disney und auch Schriftsteller wie Agatha Christie und John Irving.

Eine Lesestörung bezieht sich auf die Fähigkeit, gelesene Worte wieder zu erkennen und vorzulesen. Mit der Lesestörung gehen meist Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung einher. Diese bleiben dann bis in das späte Jugendalter, trotz gewisser Fortschritte im Lesen. Begabungen und Begabungsschwächen stehen laut medizinischen und psychologischen Untersuchungen in Zusammenhang mit Hirnfunktionen.

Man vermutet, dass Legasthenie mit einer Beeinträchtigung der Wahrnehmungsverarbeitung im Zentralnervensystem verbunden ist. Die Probleme bestehen bei der visuellen und sprachlichen Informationsverarbeitung und bei Übersetzungsvorgängen zwischen diesen beiden Bereichen. In der Praxis fällt es Legasthenikern oft schwer, gesprochene in geschriebene Sprache zu übertragen und umgekehrt.

Legasthenie dürfte auch vererbbar sein. Laut Forschungsberichten haben 40 bis 60 Prozent der Legastheniker einen legasthenen Elternteil. Als weitere Ursachen gelten Verzögerungen in der Entwicklung, Probleme bei Schwangerschaft und Geburt, etwa Sauerstoffmangel, und Mittelohrentzündungen in den ersten Kindheitsjahren.

Da Legasthenie immer individuell ausgeprägt ist und zum Teil sehr unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen, findet immer wieder eine akademische Diskussion darüber statt, ob es Legasthenie überhaupt gibt.

Karl Bernsteiner, Gründer und Leiter des Förderpädagogischen Zentrums, kann dieser Diskussion nichts abgewinnen. Legasthenie sei durch jahrzehntelange Forschungen belegt. Seit das förderpädagogische Zentrum 1998 gegründet wurde, habe man Diagnosen bei rund 1000 Betroffenen durchgeführt. "Unsere Erfahrung ist: Es gibt diese normal bis überdurchschnittlich begabten Kinder mit diesen Schwierigkeiten. Wenn diesen Kindern nicht geholfen wird, treten Sekundärsymptome auf." Dazu zählt Beinstein Kopf- und Bauchschmerzen bis hin zum morgendlichen Erbrechen, Schulangst und Verhaltensauffälligkeit.

"Wir erleben in der täglichen Arbeit die Leidenswege dieser Kinder und können die akademische Diskussion daher nicht nachvollziehen", betont Beinstein. "Da wir wissen, dass diesen Kindern geholfen werden kann, halten wir die Diskussion für zutiefst menschenverachtend."

Laut Beinstein fehlt in der Schule meist eine umfassende Diagnose mit den jeweils nötigen Fördermaßnahmen. Deshalb entstand das Förderpädagogische Zentrum, das jährlich etwa 80 Kinder betreut. Wichtig sei vor allem das Auffinden der Ursachen. Danach könnte gezieltes Einzeltraining schon in sechs Monaten zum schulischen Erfolg führen. Eltern werden beim Förderpädagogischen Zentrum in das Training miteinbezogen.

Förderpädagoisches Zentrum http://www.fpzentrum.at