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Für "Offensivstrategie" will ÖBB-Chef Kern 400 Millionen Euro

Von Hermann Sileitsch

Wirtschaft

Beim Eigenkapital sind ÖBB "in Europa die Kellerkinder". | Auf Wunschzettel an Bund steht auch flexibles Dienstrecht. | Gewerkschafter Haberzettl ortet eine "Kriegserklärung".


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Wien. Du hast keine Chance, nütze sie: So könnte die Herausforderung für die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) lauten. Die Staatsbahn schleppt hohe Schulden mit und verfügt kaum noch über Eigenkapital. Der Güterverkehr ist defizitär, die Konjunkturaussichten sind unsicher. Dazu haben die ÖBB zu viele Beschäftigte, die sie aufgrund des Dienstrechtes kaum loswerden können - und zwischen den Regierungsparteien schwelt ein Dauerkonflikt über die ÖBB-Zukunft. Keine allzu rosigen Voraussetzungen zur Sanierung.

Dennoch skizzierte ÖBB-Chef Christian Kern am Donnerstag einen optimistischen Plan bis 2015. Diesen habe der Aufsichtsrat - wenn auch gegen den Widerstand der Gewerkschafter - vor wenigen Tagen abgesegnet. Das Ziel ist, die staatliche Bahn bis 2013 in allen Teilkonzernen zu einer schwarzen Null zu führen. Bis 2015 sollen darüber hinaus die Kapitalkosten erwirtschaftet werden - was einen Vorsteuergewinn (EBT) von 120 bis 150 Millionen Euro bedeuten würde.

So viele Fahrgäste und Züge "wie noch nie"

Der Plan: Randbereiche, die keine Aussicht auf positive Ergebnisse haben, sollen verkauft oder mit Partnern betrieben werden. Im Gegenzug wollen die ÖBB im Kerngeschäft wachsen. Bis 2025 schweben Kern um 25 Prozent mehr Fahrgäste, um 29 Prozent mehr Züge und um Prozent mehr Tonnen-Kilometer im Güterverkehr vor.

Um diese Ziele zu erreichen, seien aber Investitionen nötig - und dazu fehlen die Mittel. "Gemessen an den betriebswirtschaftlichen Voraussetzungen dürften wir nicht einmal neue Aschenbecher kaufen", sagte Kern im Klub der Wirtschaftspublizisten. Er wünscht sich vom staatlichen Eigentümer die Entscheidung, welche Art von Bahn gewünscht ist. Zwar könne er realistischerweise nicht mit einer Kapitalerhöhung vor 2013 rechnen, so Kern. Es wären allerdings einmalig 400 Millionen Euro zur "Stärkung der Kapitaldecke" nötig. Derzeit seien die ÖBB mit sechs Prozent Eigenkapitalquote im Konzern und 18 Prozent im Personenverkehr nach den internationalen Bilanzregeln (IFRS) nämlich die "Kellerkinder in Europa". Die Deutsche Bahn komme auf 27 Prozent, die Schweizer SBB auf 30 und die französische Staatsbahn SNCF auf 37 Prozent.

Sollte die Wirtschaft in die Rezession stürzen, müssten die ÖBB ihre Ziele in Frage stellen - und aus eigener Kraft das Ruder herumreißen. "Wir fordern kein Geld zur Verlustabdeckung", stellte Kern klar.

Cargo-Rückzug aus geografischer Randlage

Dem ÖBB-Chef schweben stattdessen Investitionen vor, welche dank gestärkter Eigenkapitaldecke möglich werden sollen. Für IT-Investitionen und neue Fahrzeuge insbesondere im Nahverkehr seien 250 bis 450 Millionen Euro nötig. "Andernfalls fahren wir in Wien mit 40 Jahre alten Schnellbahngarnituren weiter", so Kern. Er will künftig freilich nicht nur Bahntickets verkaufen, sondern die ÖBB als umfassenden "Mobilitätsdienstleister" positionieren. Das sollen Angebote wie Carsharing oder Kooperationen mit den städtischen Verkehrsanbietern ermöglichen - Kostenpunkt bis zu 250 Millionen Euro.

Und nicht zuletzt schwebt Kern ein neuer Expansionsplan für Mittel- und Südosteuropa vor. Gemeinsam mit einem Partner - einem Private-Equity-Investor oder westeuropäischen Bahnunternehmen - soll ein Billig-Carrier aufgebaut werden. Der "Heimmarkt" sei künftig Österreich und Ungarn.

Im Gegenzug werden die Cargo-Beteiligungen drastisch zurückgefahren - von insgesamt 111 im Jahr 2009 auf weniger als 50. Aus Ländern wie Spanien, Ukraine, aus den GUS-Staaten und Skandinavien wird sich die Bahn zurückziehen.

Generell legt Kern Wert darauf, den Eigenbeitrag der ÖBB zu betonen. Er sieht das als "Gesprächsangebot in Richtung ÖVP", von der er ein Bekenntnis will: "Die ÖVP muss sich entscheiden: Will sie sich ein Wahlkampfthema bewahren oder Verantwortung für den Standort übernehmen?" Insgesamt verspricht der ÖBB-Chef einen Eigenbeitrag von bis zu einer halben Milliarde Euro, wozu unter anderem Immobilienverkäufe beitragen sollen. Und auch der strikte Sanierungskurs der Güterverkehrssparte geht weiter. Die Rail Cargo Austria (RCA) sei "mit dem Rücken zur Wand" gestanden, sagte Kern. Die wirtschaftliche Basis soll sich in der Bilanz bis 2016 um 240 Millionen Euro verbessern.

Weststrecke: ÖBB-Anteil sinkt auf 70 Prozent

Geschäftsfelder, die nicht zum Kerngeschäft zählen, werden eingestellt - etwa Speditionen, Reisebüros oder Erlebniszüge. Die Railjet-Fertigung in Wien-Simmering wird nach Vertragsende geschlossen. Und auch das Stilllegen unrentabler Nebenbahnen setzt Kern fort: Hier sieht er sich mittlerweile in der Zwickmühle zwischen dem Rechnungshof, der jüngst mehr Tempo eingefordert hatte und den Bundesländern, die um ihre Verbindungen kämpfen.

Noch nicht abgeschlossen ist der Personalabbau. Von 44.000 Beschäftigten im Jahr 2010 sollen 2015 weniger als 40.000 übrig bleiben. "Es knirscht im Gebälk", räumt Kern selbst ein. Die Zahl der Führungskräfte soll von 270 auf 170 sinken.

Kern würde sich ein neues Dienstrecht wünschen, das zumindest die Mitarbeiter-Versetzung einfacher macht. Derzeit ist das nur für einen Zeitraum von 13 Wochen möglich. Die Antwort von Bahngewerkschafter Wilhelm Haberzettl fällt scharf aus: "Wir fassen das als Kriegserklärung auf", sagte er zur APA. Er wirft dem Manager vor, sich zu wenig um die ÖBB-interne Berufsbörse zur Personalvermittlung zu kümmern.

Mit den aktuellen Zahlen sind die ÖBB gut auf Kurs (siehe Grafik). Allerdings werden Sondereffekte die Bilanz ins Negative drehen: So müssen die ÖBB hohe Rückstellungen für Kartellverfahren - unter anderem im Stückgutverkehr - und für Gehaltsvorrückungen junger Mitarbeiter bilden.

Spüren werden die ÖBB auch die Konkurrenz auf der Strecke Wien-Salzburg. Kern erwartet sich einen dreijährigen Verdrängungswettkampf mit dem Mitbewerber WESTbahn, der im Dezember starten möchte. Der ÖBB-Marktanteil werde auf dieser Strecke auf 70 Prozent sinken, pronostiziert Kern. Den um 40 Millionen Euro geringeren Erlösen stünden pro Jahr 10 Millionen Euro Einnahmen aus dem Schienenbenützungsentgelt gegenüber.