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"Für Putin ist das der Dritte Weltkrieg"

Von Klaus Huhold

Politik

Der Historiker Sergej Medwedew über die imperialistische Tradition Russlands und warum Appeasement-Politik sinnlos ist.


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Bestimmen besondere Persönlichkeiten die Geschichte? Oder sind Politiker nur Produkte der Gesellschaft, aus der sie entstammen? Diese Frage beschäftigt Historiker und Philosophen schon lange; eine endgültige Antwort darauf gibt es nicht, nur verschiedene Ansichten.

Umgelegt auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine lautet in dem Zusammenhang die Frage: Hätte es diesen Krieg auch ohne Wladimir Putin gegeben? "Der Krieg wäre auch ohne Putin möglich gewesen, aber er trägt eine große Verantwortung dafür", sagt der russische Historiker und Buchautor Sergej Medwedew.

Er selbst hat Russland im März 2022 kurz nach Kriegsausbruch verlassen, lehrt nun an der Prager Karlsuniversität und suchte bei einem Vortrag im Wiener Presseclub Concordia, den das Journalistenforum fjum mitorganisiert hat, nach den Wurzeln des Ukraine-Krieges. Laut Medwedew ist dieser einerseits eine Folge der russischen Geschichte und hängt gleichzeitig ganz stark mit dem Putinismus zusammen.

"Ukraine-Krieg nur Test für Konfrontation mit Westen"

Dieser Krieg sei die Kulmination verschiedener historischer Epochen. Zunächst einmal bringe er die postsowjetische Periode - in der auch eine Demokratisierung und Annäherung an Europa möglich schien - zu einem Ende. "Russland sieht sich selbst wieder als Imperium", sagte Medwedew, der dieses Monat Gast beim österreichischen Institut für die Wissenschaft vom Menschen ist.

Dieses Selbstverständnis führt Medwedew weit in die Geschichte zurück, es fängt schon beim Großfürstentum Moskau und den Eroberungen Iwans des Schrecklichen im 16. Jahrhundert an und setzt sich über die Zarenreiche mit ihrem Expansionswillen fort. Und ganz zentraler Teil davon war die Eroberung der Ukraine beziehungsweise Teilen von ihr. Bis heute bestehe in Russland die feste Vorstellung, dass das Land ohne die Ukraine kein imperiales Reich sei, betonte Medwedew.

Dieser Ansicht ist auch Putin, nur geht der russische Präsident noch viel weiter: Er sieht Russland als Weltmacht an, die auf Augenhöhe mit den USA oder China steht. Beziehungsweise stehen sollte, aber - so die Sichtweise Putins - vom Westen um ihren globalen Rang betrogen wurde.

Deshalb ist laut Medwedew für die russische Elite der Ukraine-Krieg keine regionale Angelegenheit. "Für Putin ist das der Dritte Weltkrieg", betont der ehemalige Journalist. "Der Krieg in der Ukraine ist nur ein Testlauf für die größere Konfrontation, die Russland mit dem Westen sucht."

Bei ihrem imperialistischen Streben ist sich Russlands Führung durchaus ihrer Schwächen bewusst. Das Land besitze keine soft power und auch keine wirtschaftliche Attraktivität. "Aber Russland besitzt die Macht der Angst, des Chaos und der Zerstörung", sagt der Autor des preisgekrönten Buches "The Return of the Russian Leviathan". Es könne nicht nur Krieg entfachen, es könne etwa auch den weltweiten Getreide- und Energiemarkt zum Erschüttern bringen.

Neben dieser disruptiven Macht setzt Putin noch auf einen weiteren Faktor. "Er denkt, er besitzt die größte Ressource: die Zeit", betont Medwedew. Putin sei überzeugt davon, dass er seine westlichen Gegner, die sich demokratischen Wahlen stellen müssen, aussitzen könne. Und er spekuliert, dass sich die Verhältnisse zu seinen Gunsten ändern. Am meisten in die Hände spielen könnte ihm dabei ein Wahlsieg von Donald Trump in den USA im kommenden Jahr, was die proukrainische Front dort kräftig ins Wanken bringen könnte.

Die Denkweise des russischen Regimes sollte laut Medwedew dem Westen verdeutlichen: Jede Form der Appeasement- und Beschwichtigungspolitik gegenüber Putin sei zum Scheitern verurteilt. Nur ein Sieg der Ukraine in diesem Krieg könne zu einer Veränderung in Russland führen.

Damit diese grundlegend sei, müsse es zu einem Wandel ähnlich wie in Deutschland nach 1945 kommen: Das Land müsse demilitarisiert und von seinen imperialistischen Eliten befreit werden. Dies sei aber mehr ein Wunschdenken als ein realistisches Szenario, räumt Medwedew ein.

Viel wahrscheinlicher sei, dass - selbst bei einer Niederlage in der Ukraine - die herrschenden Strukturen erhalten und dieselbe Elite an der Macht bleiben. Und diese würde weiter nach Rache und Revanche sinnen.

Was Russlands Imperialismus bedeutet, sei in friedlichen Orten wie Wien noch nicht ganz angekommen. "Österreich ist, wie der gesamte Westen, sich noch nicht ganz bewusst, welche Bedrohung Putin darstellt", betont Medwedew. Denn jahrelange gewinnbringende wirtschaftliche Kooperation und auch damit einhergehende Korrumpierung hätten die Gemüter hierzulande beruhigt.

Europa müsse die Ukraine unterstützen und sich auf einen jahrelangen Konflikt mit einem imperialistischen, revanchistischen Russland einstellen. "Es steht die Zukunft Europas auf dem Spiel", warnt Medwedew.