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Gaddafis Schachzug

Von Ines Scholz

Politik

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Mit seinen Vermittlungsversuchen im philippinischen Geiseldrama ist dem libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi bisher vor allem eines gelungen: wieder im Rampenlicht der internationalen Öffentlichkeit zu stehen. Dafür sollte ihm nichts zu teuer sein: An die 25 Millionen Dollar Lösegeld soll der Wüstenherrscher den Moslemrebellen Abu-Sayyaf-Gruppe auf Jolo geboten haben, um die zwölf westlichen Geiseln frei zu bekommen, die dort seit Ostern ausharren. Es ist nicht der erste strategische Schachzug des ungeliebten Terrorisstenförderers, um aus der politischen Isolation zu treten, die er in vollem Umfang zu spüren bekam, als Libyen als Drahtzieher hinter dem Terroranschlag auf eine Pan-Am-Maschine über dem schottischen Ort Lockerbie im Jahr 1988 mit 270 Toten entlarvt wurde.

Die ersten Lorbeeren holte sich der einstige Förderer des internationalen Terrorismus im Westen bereits 1999, als er die Auslieferung zweier libyscher Geheimdienstleute an ein Gericht in Den Haag akzeptierte, denen dort wegen des Bombenanschlags nach schottischen Recht der Prozess gemacht wird: Das 1992 verhängte UNO-Embargo wurde aufgehoben, seither stehen westliche Politiker und Firmenchefs vor Gaddafis Zelt Schlange. Man will sich die Chancen auf ein lukratives Geschäft mit dem an Erdöl reichen Land nicht entgehen lassen. Schon gar nicht, wenn die internationalen Rohölpreise unaufhaltsam steigen. Die durch die Sanktionen veralteten, zum Teil verrosteten Förderanlagen müssen mit Ersatzteilen und neuem Gerät schnell auf den letzten Stand gebracht werden. Die USA schickten ihre Diplomaten los, nachdem sie zuvor schnell noch die auf Libyen angewandte Bezeichnung "Schurkenstaat" fallen gelassen hatten. In Europa war die ehemalige Kolonialmacht Italien ganz besonders darum bemüht, den Revolutionsführer wieder salonfähig zu machen. Massimo D´Alema reiste im Dezember des Vorjahres als erster westlicher Regierungschef nach Tripolis. Die übrigen Länder ließen mit ihren Aufgeboten nicht lang auf sich warten: Auf dem EU-Afrika-Gipfeltreffen in Kairo ließen sich Frankreichs Präsident Jacques Chirac und die Regierungschefs Deutschlands und Spaniens, Gerhard Schröder und José Maria Aznar medienwirksam mit Gaddafi abbilden. Auch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel sah man in reger Konversation. Im Sommer klopfte FPÖ-Parteimitglied Jörg Haider an die Zelttür in Tripolis.

Während Gaddafi die Rehabilitierung auf dem internationalen Parkett so Schritt für Schritt gelingt, blieb ihm der Erfolg im Geiseldrama bisher verwehrt. Er musste peinliche Niederlagen einstecken. Die ausländischen Journalisten, die von Botschaftsmitarbeitern mit Sofortvisa aus aller Welt nach Tripolis gelockt worden waren, um bei dem geplanten Zwischenstopp der feierlichen Begrüßung der Geiseln beizuwohnen, reisten mit langen Gesichtern bereits am Wochenende wieder ab. Die Rebellen von Abu Sayyaf ließen Gaddafi im Regen stehen. Und dies, obwohl sich der damals frisch gebackene libysche Staatschef in den siebziger Jahren als großzügiger Förderer ihres Unabhängigkeitskampfes gezeigt hatte. Die Regierung in Manila betrachtet Gaddafis Engagement auf Jolo ohnehin mit Argusaugen. Denn durch die hohen Lösegelder wächst das Heer von Rebellen und Kidnappern, das die Regierung künftig militärisch in Schach halten muss.