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Ganz ohne Banken geht es auch in Zypern nicht

Von Ferry Batzoglou, Nikosia

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Nikosia. Das Horrorszenario eines "ungeordneten Staatsbankrotts" Zyperns ist abgewendet. Kann man jetzt mit Blick auf das neueste Euro-Sorgenkind aufatmen? Nein - im Gegenteil. Das neue Zauberwort im Fall Zypern heißt nach der unsäglichen Zwangsabgabe auf Spareinlagen nun: ELA.

Es geht um gut neun Milliarden Euro im Rahmen der bereits an Zypern vergebenen Notfallkredite aus dem "Emergency Liquidity Assistance" der Europäischen Zentralbank. Nach der jüngsten Eurogruppen-Entscheidung in der Nacht von Sonntag auf Montag, im Zuge der anvisierten radikalen Verkleinerung von Zyperns zweitgrößtem Geldinstitut, der Laiki Bank, nicht nur deren "gesunden" Teil, sondern auch die Last der bisher vergebenen neun ELA-Milliarden an die Laiki dem Branchenprimus Bank of Cyprus aufzubürden, haben die vermeintlichen Zypern-Retter prompt eines fertiggebracht: Zypern den Todesstoß zu versetzen.

Denn nicht nur das an den Pranger gestellte zypriotische Geschäftsmodell, ein internationaler Finanzplatz zu sein, ist nun schlagartig futsch. Vielmehr wird mit der Last der ELA-Milliarden für Zyperns größtes Geldinstitut gleich das ganze Bankensystem im Land de facto abgeschafft. Der Grund: Bisher war Zyperns Bank Nummer eins mit Spareinlagen von zuletzt knapp 20 Milliarden Euro und läppischen 1,5 ELA-Milliarden vergleichsweise gesund. Mit den 9,5 Laiki-Milliarden auf den Schultern wird jedoch auch Zyperns größtes Geldinstitut bald kollabieren.

Die in Punkt vier der jüngsten Eurogruppen-Entscheidung aufgeführte Absicht, wonach die EZB die "Liquidität der Bank of Cyprus auf Basis der betreffenden Regularien bereitstellen" werde, bedeutet im Klartext: Die EZB ist eben nicht bereit, Zyperns Bankensystem noch viel mehr ELA-Geld zu geben. Denn dieser Spielraum ist laut "betreffenden EZB-Regularien" bereits fast ausgeschöpft, die Liquiditätsengpässe des Geldinstituts werden aber garantiert sofort sprunghaft ansteigen. So steht ein Kollaps der Bank of Cyprus bald an.

Die desaströse Folge: Mit dem neuen Banken-Crash werden 35.000 Zypern-Firmen, die mit der Bank of Cyprus Geschäftsbeziehungen unterhalten, darunter das Gros der Handelsfirmen und Gewerbebetriebe, mit in den Abgrund gerissen.

Fazit: Die Eurogruppe hat beschlossen, nicht nur Zyperns Geschäftsmodell schlagartig abzuwickeln, sondern gleichzeitig weite Teile der Realwirtschaft zu zerstören. Was in der Zypern-Ökonomie noch intakt bleiben wird: ein paar Agrar- und Tourismusbetriebe. Wie die Venus von Milos im Louvre in Paris steht die Aphroditeninsel abrupt (nicht nur) ohne ihre Arme da. Aber: Nur ein Dritte-Welt-Land braucht kein Bankensystem. Ein Euro-Land schon. Der Zypern-Thriller ist nicht vorbei. Jetzt geht das Zypern-Drama erst richtig los.