Zum Hauptinhalt springen

Gastarbeiterland als Traumziel für Migranten

Von Carsten Hoffmann

Europaarchiv

Reportage: Illegal in Istanbul. | Istanbul. (dpa) Die Tarnung von Aziza ist nahezu perfekt. Mit ihrem streng gebundenen schwarzen Kopftuch fällt die illegal in Istanbul lebende Usbekin im Strom der Menschen nicht weiter auf. "Ich habe von der Türkei geträumt", sagt die 20-jährige Frau, die vor zwei Jahren mit einem Touristenvisum einreiste und nun in einem Geschäft Damenbekleidung verkauft.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 16 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Den Traum von einem Leben in der Türkei träumen jedes Jahr Zehntausende. Das alte Gastarbeiterland ist längst ein Ziel von Wirtschaftsmigranten aus Osteuropa und den Staaten der früheren Sowjetunion geworden.

   Aziza kam mit ihrer Mutter. Nur etwa 50 Dollar (rund 36 Euro) würde sie in Usbekistan im Monat verdienen. In Istanbul sind es 100 Dollar pro Woche. "Ich habe schon gemerkt, dass das Leben in Istanbul nicht billig ist. Aber es ist viel besser als in der Heimat", sagt sie. Arbeit ist leicht zu finden, denn in den zahlreichen Geschäftsstraßen der boomenden Riesen-Stadt am Bosporus werden Verkäufer mit Russischkenntnissen gesucht.

   Das hat auch Maxim (22) aus der Ukraine erlebt. Er hat seine Mutter abgelöst, die nach drei Jahren aus Istanbul abgereist ist. Mit dem verdienten Geld zahlt er ein Auto ab. Es ist eine erprobte Strategie, dass sich mehrere Familienmitglieder eine Arbeitsstelle teilen. Ohne Aufenthaltsgenehmigung kann es immer wieder nötig werden, kurzfristig ausreisen zu müssen. Der Arbeitgeber aber will, dass sein Geschäft läuft. Auch Haushaltshilfen oder Kindermädchen - ein weiterer Sektor für ausländische Arbeitskräfte - können mit Kontinuität punkten.

Viel zu fürchten haben die illegal Eingewanderten nicht, solange sie ihre Arbeit und keinen Ärger machen. Von den Behörden fühlen sie sich geduldet. Jeder hat seine eigene Strategie, Polizeikontrollen zu vermeiden. Die Spielregeln scheinen klar: Wer sein Touristenvisum überziehe, der müsse bei der Ausreise für jeden Monat unerlaubten Aufenthaltes umgerechnet etwa 40 Euro Strafe zahlen und ein kurzzeitiges Einreiseverbot hinnehmen, ist zu hören. Wer nicht zahlen könne, der werde ausgewiesen und mit unbefristetem Einreiseverbot belegt.

Ruhe von den Behörden

In der Türkei können die Ausländer in ein Krankenhaus gehen, müssen dort aber zahlen. Staatliche Hilfe können die Arbeitsmigranten nicht erwarten. Aber sie werden von den Behörden weitgehend in Ruhe gelassen. Mit ihren niedrigen Löhnen unterbieten sie türkische Arbeitnehmer. International gab es bereits Kritik, die Türkei verschaffe sich mit der billigen Arbeitskraft auf dem Weltmarkt Wettbewerbsvorteile. Auch die schlechten Arbeitsbedingungen der illegalen Arbeitenden wurden thematisiert.

Das Leben in der Metropole kann aber auch neue Begehrlichkeiten wecken. Aziza aus Usbekistan hat schon einen neuen Traum. "Ich möchte nicht mein ganzes Leben arbeiten. Nichts als Arbeit, das wäre nicht schön." Als Touristin nach China - das wäre etwas, sagt sie und setzt ein unschuldiges Lächeln auf. "Mein nächster Traum ist es, reich zu sein."