Zum Hauptinhalt springen

Gazas Lebensader und Friedhof

Von WZ-Korrespondent Andreas Hackl

Politik

Hamas und Beduinenstämme profitieren von Tunnelökonomie.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Tel Aviv. Über eine Seilwinde geht es metertief durch einen Schacht in die Erde. "Wir graben", sagt ein junger Arbeiter. Dann wird Sand in Kanistern aus dem engen Tunnel gezogen. Willkommen am "Friedhof der Lebenden". So lautet der Titel eines englischsprachigen Films, der die Schmugglertunnel zwischen dem Gazastreifen und Ägypten zum Thema hat. Ausgestrahlt wurde er diese Woche bei einer Konferenz an der Universität Birzeit in Ramallah, wo palästinensische und internationale Experten Gefahren und Potenziale der Tunnelökonomie von Gaza analysiert haben.

Allein in den letzten fünf Jahren seien rund 200 Menschen in den Tunneln gestorben, sagte Nicolas Pelham, ein britischer Israel-Palästina-Experte und Korrespondent des "Economist"-Magazins. Manche Arbeiter wurden verschüttet, andere waren einfach zur falschen Zeit im Untergrund, während ägyptischer oder israelischer Angriffe. Auch Kinder sind oft unter den Toten. Sie werden wegen ihres schmalen Körpers zum Schuften eingesetzt.

Gaza lebt vom Schmuggel

Gleichzeitig sind die Tunnel die wirtschaftliche Lebensader des Gazastreifens. Durch sie werden Baumaterialien, Konsumartikel, Pkw, Treibstoffe und Waffen eingeführt. Zwischen 500 und 700 Millionen US-Dollar an Gütern sollen jedes Jahr durch die dunklen Gänge transportiert werden. Für mehr als 1,6 Millionen Palästinenser ist das zu einer Art Lebensgrundlage geworden, die aber vom Schmuggel und seinen Profiteuren abhängig macht.

"Die Tunnel seien sowohl ein Friedhof als auch eine Quelle des Profits", sagt Pelham. "Die Hamas und viele andere verdienen viel Geld damit." Der "Economist"-Korrespondent war Teil eines UNO-Forscherteams, das rund 500 Interviews mit Menschen im Dunstkreis der Tunnelökonomie geführt hat. Ihre Verflechtungen reichen von Tunnelbetreibern, einflussreichen Familien und der im Gazastreifen regierenden Hamas über Beduinenstämme auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel bis hin zu Waffenhändlern in Nordafrika.

Eine kleine Zahl geheimer Tunnel gibt es im Gazastreifen seit Jahrzehnten. Doch erst durch die Grenzblockade Israels und Ägyptens im Jahr 2007, als die islamistische Hamas die Kontrolle des Gazastreifens übernommen hatte, wurden die Tunnel auch für den kommerziellen Handel wichtig. Nach der ägyptischen Revolution ließ Präsident Mohamed Mursi den Grenzübergang zu Gaza zwar kurz wieder öffnen. Doch nach einem Anschlag im Sinai im August, bei dem 16 ägyptische Soldaten getötet wurden, schloss Kairo den Grenzübergang vorübergehend und versiegelte viele der Tunnel. Denn sie sollen von den Angreifern benutzt worden sein und werden deshalb als Sicherheitsrisiko gesehen. Der Handel unter der Erde geht dennoch weiter, wenn auch etwas gebremst.

Was als illegales Schmugglerprojekt begonnen hat, ist mittlerweile zu einem Hauptstandbein der Wirtschaft des Gazastreifens geworden, neben Importen aus Israel und ausländischer Entwicklungshilfe. "Eine neue Elite ist aus diesem Handel hervorgegangen. Diese Tunnels sind keine improvisierte Reaktion auf die Grenzblockade mehr. Sie sind offiziell geworden und stehen unter der Leitung der Hamas", sagte der Politologe Alaa Tartir, der an der an der London School of Economics zu Politik und Wirtschaft in Palästina forscht. "Die Hamas profitiert auch, weil sie Zölle auf die Tunnelimporte verhängt."

Boom am Bausektor

Sind die Tunnel nun ein geniales System, das die Menschen trotz Grenzblockade am Leben hält, oder eine gefährliche Schmugglerökonomie, die eine wahre Lösung der Wirtschaftslage verhindert? Geht es nach Pelham, trifft beides zu. Denn die Hamas habe es durch die Tunnel geschafft, mehr oder weniger unabhängig von Israel zu wirtschaften: Geschmuggelte Baumaterialien und Treibstoffe haben die Einfuhr-Beschränkungen Israels unterwandert und sogar den Bausektor boomen lassen. Profite der Tunnelbetreiber, neue Investitionen und billiges Material lassen zurzeit rund 550 Wohnhäuser, mehrere Krankenhäuser, Parks und Moscheen aus der Erde wachsen. Die Tunnel haben auch Exporte von Billigprodukten nach Ägypten erlaubt. Und sie haben Familienmitglieder zusammengeführt, die durch die Grenzblockade jahrelang voneinander getrennt waren. "Gaza hat sich aus der Isolation befreit. Die Wachstumsraten sind dort sogar höher als in der Wirtschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland", sagt Pelham.

Profiteure und Slums

Doch der Schmuggel hat mindesten genauso viele Schattenseiten: die Arbeitslosenrate in Gaza liegt immer noch über 30 Prozent, und die Slums um Gaza-Stadt wachsen weiter, während sich manche Tunnelbetreiber und die Hamas eine goldene Nase verdienen. Letztlich haben die meisten Menschen im Gazastreifen nichts von den Schmuggelprofiten.

Die Tunnel werden als Reaktion auf die wirtschaftliche Isolation des Gazastreifens verstanden. Doch mittlerweile fördern sie diese Isolation sogar. Sie erwecken den Anschein, dass alles in Ordnung ist und stehen einer nachhaltigen Lösung für die Menschen von Gaza im Weg. Die Hamas hat nach dem Erfolg der ägyptischen Revolution alle Karten auf mögliche Handelsbeziehungen mit Ägypten gesetzt. Doch Hamas-Premier Ismail Haniyeh kommt laufend mit leeren Händen aus Kairo zurück. Weder Ägypten noch Israel wollen die volle Verantwortung für die Menschen in Gaza übernehmen.

"Die Tunnel zu schließen, wird nicht leicht sein und könnte zu bewaffneten Konflikten mit den Schmugglern führen", so Pelham. "Aber eines ist klar: Dieses informelle Handelsnetzwerk in ein formelles zu verwandeln ist kein Luxus, sondern eine Voraussetzung für regionale Stabilität."