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Gazas Terrorkrieger

Von Petra Ramsauer

Politik

Der militärische Flügel der Hamas, die Al-Kassem-Brigaden, führt den Krieg gegen Israel. Die jüngste Eskalation zeigt, dass die Hamas-Politiker nun die Kontrolle über die mächtige Eliteeinheit zu verlieren drohen.


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Beit Hanoun/Gaza-Stadt. Beit Hanoun, im Norden des Gazastreifens: Israels Militärschläge verwandelten ganze Straßenzüge in Ruinenfelder, die sich über hunderte von Metern ziehen. Verwesungsgeruch steigt aus den Trümmern, so intensiv, dass es schwerfällt, zu atmen. "Niemand hatte den Mut, nach den Toten zu graben", sagt Mahmud Haluma: "Nun müssen wir uns darum kümmern. Auch wenn es eine schwierige Aufgabe ist."

Zurück in sein Haus würde er auch nicht wollen, wenn er könnte. Er und seine Familie campieren auf der Grünanlage des Al-Shifa-Spitals im Zentrum von Gaza-Stadt. Das wichtigste Spital in dem Küstenstreifen, in dem 1,8 Millionen Menschen dicht zusammengedrängt leben, gilt als eine der wenigen Schutzzonen. Kurz vor dem Ende der 72 Stunden langen Feuerpause, die zwischen der Hamas-Bewegung im Gazastreifen und Israel vereinbart worden war, besichtigten viele wie Mahmoud Halum rasch die Reste ihrer Existenz.

Fast 1900 Menschen in Gaza starben bei dem Krieg, drei Viertel davon Zivilisten, unter ihnen 430 Kinder. Ein Viertel der Menschen hier ist auf der Flucht; 6000 Häuser sind zerstört. Auch jenes von Mahmud Haluma, der 24 Jahre alt und Polizist ist. Macht ihn das zu einem Mitglied der Hamas, einem Terroristen? - Ich weiß, auf wessen Seite ich stehe", sagt er knapp: "Es ist nur deutlich, dass viele der Angriffe der israelischen Armee sich gegen Mitglieder der Polizei hier gerichtet haben. Es war Präzisionsarbeit. Auch der Direktor der Gaza-Polizei kam in seinem Haus unter Feuer. Er überlebte, aber fast seine gesamte Familie ist gestorben."

Dass der Krieg nur eine Atempause eingelegt hat, aber längst nicht vorbei ist, befürchten hier alle. "Ich ahne, es ist noch nicht vorbei", sagt Mohammed Haluma. Seine Befürchtung bewahrheitet sich. Am Freitagmorgen, nur wenige Stunden nach seinem Besuch in dem, was sein Zuhause war, werden abermals Raketen auf Israel gefeuert. Die Waffenruhe wird drei Stunden vor Ablauf der Frist gebrochen. Während die politische Elite der Hamas in Kairo noch über eine Verlängerung des Abkommens mit Israel verhandelt, fängt der Schutzschild, "Iron Dome" über der israelischen Stadt Ashkelon drei Raketen ab. Wenige Stunden später eröffnet Israel das Feuer auf rund 15 Ziele im Gazastreifen. Wie beim Bruch der vorherigen Waffenruhe wird deutlich: Entweder ist es eiskaltes Kalkül oder ein Zeichen des Kontrollverlustes. Der politische und der militärische Flügel der Hamas agieren nicht mehr koordiniert. Immer deutlicher wird der Bruch innerhalb der Führung im Gazastreifen.

Seit der politische Flügel der Hamas die Wahlen 2006 gewann, agiert diese Gruppe fast wie eine normale politische Partei. Stellt Minister, organisiert die Müllabfuhr. Und rückt nun erstmals mit der politischen Führung der Fatah im Westjordanland enger zusammen. Aber: eben nur fast. Das Militär sozusagen stellen die Al-Kassem-Brigaden, die von der libanesischen Hisbollah hochgerüstet werden.

Identitäten sind top secret

Auch Mohammed Abu Odas Haus war Ziel einer Bombe, die ein israelischer Kampfjet abwarf. Er war ein Kämpfer im Konflikt mit Israel. Der Angriff geschah zwei Stunden nach dem Tod eines israelischen Soldaten bei Kämpfen nahe der Grenze zu Israel in Beit Hanoun, den Abu Oda erschossen hatte. Er war Mitglied der Al-Kassem-Brigaden. Die Identität der Kämpfer dieser Truppe ist strikt geheim; erst posthum werden sie geoutet. Es ist diese Gruppe, die einst Selbstmordanschläge für die Hamas verübte und nun den Krieg gegen Israel führt; zur Not auch im Alleingang.

Und so will keiner der Anwesenden bei der Beerdigung Abu Odas in Beit Hanouns zerbombten Friedhof seinen richtigen Namen preisgeben. Elf Tage war die Leiche des Kämpfers unter eingestürzten Mauerteilen gefangen. Die Feuerpause vergangene Woche nutzten seine Mitstreiter, bargen ihn und schaufelten gemeinsam sein Grab. Ein Arzt ist anwesend, er trägt die signalorange Jacke einer Hilfsorganisation.

Sechs junge Männer um die zwanzig in Zivil sowie ein Kämpfer um die 40, der sich Abu Kassem nennt: Sonnenbrille, ausgetragene Militärhose, Baseballmütze. Wie die meisten spricht er kaum, er betet auch nicht laut. Umso angestrengter hält er sein Smartphone im Blick. "Unser Mann starb in einer der wichtigsten Schlachten, die wir jemals gefochten haben", sagt er: "Wir haben Israel eine empfindliche Niederlage zugefügt. Wir haben bewiesen, wir können Tunnel bauen und es angreifen. Wir haben bewiesen, dass die den Gazastreifen nicht einnehmen können und mit jedem Krieg werden wir stärker. Jetzt müssen wir den Moment nutzen und unser wichtigstes Ziel erreichen: dass Israel nachgibt und die Blockade aufgibt."

Dass Israel die Entwaffnung der Hamas als Bedingung eines langfristigen Waffenstillstands fordert, hält er für "lachhaft". Dass die politische Führung der Hamas - wenigstens theoretisch - darüber in Kairo verhandelte, will er nicht kommentieren. Braucht er auch nicht. Es waren bisher die Al-Kassem-Kämpfer, die mit neuen Angriffen die Verhandlungen torpedierten.

Terrorkern, politische Schale

Zu den Ursachen des neuen Selbstbewusstseins der Brigaden zählt, dass es in der ersten Phase des Sommerkrieges von 2014 deutlich mehr "Siege" zu feiern gab als zuvor. Dazu zählt, dass, anders als während des Krieges 2009, die Hamas deutlich mehr an militärischer Stärke zeigte. Heuer erreichten die Raketen Tel Aviv, der internationale Flughafen war sogar für zwei Tage gesperrt, auch Jerusalem geriet ins Visier, und hier schlugen Raketen ein, die nicht vom Abwehrsystem abgefangen werden konnten. An der militärischen Realität änderte dies wenig. Gaza ist zerbombt. Es waren allerdings "Siege mit hohem Symbolwert", wie die Führung der Hamas betont. Und sachte kommt so etwas wie Jubelstimmung in Gang. Am Donnerstag fanden erste Kundgebungen statt. Am Narrativ des großen Sieges wird gefeilt; Poster von Märtyrern angefertigt und auf großen Schriftzügen wird der anstehende "Kampf um Jerusalem" bereits an die Wände der Straßen gemalt.

Hymnen der Hisbollah

Die Radiostation Al-Aqsa, sozusagen der staatliche Sender der Hamas, spielt die Hymnen der libanesischen Hisbollah im Powerplay. Nachdem sie über Tage unsichtbar waren, tauchen die Sicherheitskräfte der Hamas wieder auf. Männer in unversehrter und meist zu großer Camouflage in Blautönen, die schwarze Pick-up-Trucks fahren, meist grau melierte Bärte haben.

Der Raketenkrieg gegen Israel, in dem 3000 Sprengsätze, zum Teil direkt aus Wohngebieten abgefeuert wurden, sei "niemals die Schuld der Hamas gewesen", sagt Inass Kamani. Sie sitzt am Krankenbett ihrer fünfjährigen Tochter Rimas. Drei Tage war die Kleine im Koma; bei einem Bombenangriff auf das Haus der Familie erlitt das Kind schwere Kopfverletzungen, mit Metallklammern ist eine 20 Zentimeter lange Wunde versorgt worden. Rimas wird nie wieder dem Mädchen von dem Foto im Mobiltelefon ähneln, das die Mutter herumzeigt. "Wir müssen Opfer bringen, um für unsere Freiheit zu kämpfen." Dies sagt selbst eine Mutter, die nahezu ihr Kind verloren hat.

Jemanden in Gaza zu finden, der offen Zweifel an der Taktik dieses Kampfes hegt, möglichst viele Raketen auf Israel zu feuern, ist unmöglich. Zu dicht ist das Netz der Hamas-Aktivisten, die Widersacher rasch melden. 20 sogenannte Spione aus den eigenen Reihen wurden alleine während der vergangenen Woche standrechtlich erschossen.

Der palästinensische Menschenrechtsaktivist Bassem Eid, der außerhalb Gazas lebt, meint aber, dass im Stillen eine überwältigende Mehrheit seines Volkes gegen den Raketenkrieg sei: "Der Krieg ist im Interesse der Hamas. Sie profitiert von hohen Opferzahlen. Denn die Radikalisierung, die damit einhergeht, stärkt ihre Position innerhalb des eigenen Lagers."

Und so wird als Teil der Lösung dieses Konfliktes vor allem innerhalb der Palästinenser ein Ansatz gefunden werden müssen. Dazu zählt: Wird die Hamas es zulassen, dass ihre Al-Kassem-Brigaden in der eben gebildeten gemeinsamen Regierung mit der politischen Führung im Westjordanland keine Rolle mehr spielen werden? Und werden diese Brigaden nicht eher die Zerstörung des Gazastreifens in Kauf nehmen, als sich politisch ausbooten zu lassen. "Wie das zu lösen sein wird, ist sehr schwierig", gibt selbst Abu Marzook, einer der führenden Köpfe der Hamas, zu: "Die Al-Kassem-Brigaden agieren in Wahrheit längst autonom. Sie sind kaum zu kontrollieren."