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Gebete und Prügel

Von Michael Schmölzer

Politik

Pessach-Fest, Ramadan und Religiöse an der Macht: In Jerusalem liegen die Nerven blank.


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In Jerusalem sind die heikelsten Tage des Jahres gekommen, denn Ostern gehört heuer sowohl für Christen als auch Juden wie Muslime zur heiligsten Zeit. Am Mittwoch begann das jüdische Pessach-Fest, seit zwei Wochen ist Ramadan - eine explosive zeitliche Überlappung. Dazu kommt, dass eine rechte, nationalistische und religiöse israelische Regierung die Spannungen verstärkt.

In der Nacht zum Mittwoch wurde die Al-Aksa-Moschee am Tempelberg zum Schauplatz von Tumulten. Der Ort ist Muslimen heilig. Es kursieren Videos, auf denen zu sehen ist, wie Polizisten Betende verprügeln. Auf anderen Videos werden Sicherheitskräfte mit Feuerwerkskörpern beschossen. Rund 400 junge Palästinenser hätten sich verbarrikadiert, hieß es, von israelischer Seite, 350 "Vandalen" seien verhaftet.

In der Nacht auf Donnerstag flogen dann erneut Fäuste, Steine und Böller. Wieder sollen Jugendliche versucht haben, sich in der Al-Aksa-Moschee zu verbarrikadieren. Ein Sprecher von Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas verurteilte jedenfalls "die Fortsetzung brutaler israelischer Angriffe auf Gläubige".

Unter Muslimen gibt es die Tradition, während der letzten zehn Tage des Ramadan in der Al-Aksa-Moschee auszuharren, manche übernachten dort. Heuer sind die Gläubigen schon früher vor Ort, weil man verhindern will, dass eine jüdische Splittergruppe das Plateau unweit der Klagemauer für sich beansprucht. Die sogenannte Tempelberg-Bewegung plant dort, koste es, was es wolle, ein Pessach-Lamm zu schlachten - was für viele Muslime eine große Provokation wäre. Traditionell meiden orthodoxe Juden aber den Tempelberg, es ist ihnen sogar verboten, sich dort aufzuhalten oder zu beten, denn sie könnten versehentlich den Bereich des "Allerheiligsten" des früheren Tempels betreten.

Von jüdischer Seite will man es sich von Muslimen aber auch nicht verbieten lassen, das Areal zu besuchen. Bis jetzt war es so, dass Nichtmuslime den Ort um 10.30 Uhr verlassen müssen und ihn erst nach 12.30 wieder für eine Stunde betreten dürfen.

Präsenz zeigen

Was auf muslimischer Seite immer für Unmut sorgt, ist, dass jüdische Besucher sichtbar auf dem Tempelberg beten. Die dort schwer bewaffnet patrouillierende Polizei sollte das eigentlich unterbinden, um Gewaltausbrüche zu verhindern, sieht in der Praxis aber meistens weg. Dazu kommt, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der jüdischen Besucher signifikant angestiegen ist. Den meisten geht es darum, Präsenz zu zeigen.

In die letzten Tage des Ramadans fällt jedenfalls die "Lailat al-Qadr", die Nacht der Offenbarung des Korans, in der tausende Muslime zum Gebet zum Tempelberg kommen. Normalerweise wird der Ort dann für nichtmuslimische Besucher gesperrt.

Das ist allerdings dem neuen rechtsgerichteten israelischen Innenminister Itamar Ben-Gvir ein Dorn im Auge. Er argumentiert, der Tempelberg sollte als heiligste jüdische Stätte grundsätzlich nicht für Juden gesperrt werden. Im vergangenen Jahr hatten er und sein Parteikollege, der amtierende Finanzminister Bezalel Smotrich, die Schließung der Stätte für Nichtmuslime als "Kapitulation vor dem Terror" bezeichnet.

Der Ramadan endet heuer mit dem Sonnenuntergang des 20. April. In den Tagen davor ist mit Zwischenfällen zu rechnen, die sich in der aufgeheizten Stimmung schnell zu einem Flächenbrand ausweiten könnten.