Zum Hauptinhalt springen

Geburt einer neuen Wirtschaftsordnung

Von Thomas Seifert

Wirtschaft

In Bretton Woods prallten 1944 die Ansichten des Briten John Maynard Keynes und des Amerikaners Dexter White aufeinander.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 4 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Das Fundament der heutigen Weltwirtschaftsordnung wurde vor genau 75 Jahren gelegt. Am 22. Juli 1944 endete die Konferenz von Bretton Woods, zu der im Mount Washington Hotel in Bretton Woods, New Hampshire 730 Delegierte aus 44 Ländern zusammengekommen waren, um über die Konturen der Weltwirtschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu beraten.

In dem mondänen Resort in den White Mountains dominierten zwei Männer die Diskussionen: Der geniale britische Ökonom John Maynard Keynes, der das britische Finanzministerium repräsentierte, und sein amerikanischer Gegenspieler Harry White vom US-Schatzamt.

Die neue Finanzarchitektur sah vor, den Handel schrittweise zu liberalisieren, aber Einschränkungen im Kapitalverkehr bestehen zu lassen: Die Kontrolle von Kapitalbewegungen sollte nach diesen Ideen zu einem dauerhaften Merkmal der Nachkriegsordnung werden. Die Vereinigten Staaten, die damals mit Abstand die größten Goldvorräte in den Kellern der Federal Reserve in New York und in Fort Knox eingelagert hatten, sollten die einzige Nation sein, deren Währung zu einem festgesetzten Wechselkurs in Gold konvertiert werden kann. Der Goldstandard war also wieder eingeführt worden - diesmal in der Gestalt eines "Dollar-Standard".

Zum Goldstandard selbst wollte niemand zurück - gab man ihm doch Mitschuld an der Depression der frühen 30er Jahre. Die Zinssätze hatten damals erhöht werden müssen, um die Goldabflüsse einzudämmen. Doch die Zinserhöhungen hatten die Volkswirtschaften endgültig abgewürgt. Je länger einzelne Länder am Goldstandard festhielten, desto stärker wurden sie in Mitleidenschaft gezogen. Länder, die früher eine Abwertung vornahmen, erholten sich früher, nicht nur dank der niedrigeren Zinsen, sondern auch dank des Wettbewerbsvorteils, den ihnen die niedrigeren Preise im Außenhandel verschafften, analysieren George A. Akerlof und Robert Shiller in ihrem Buch "Animal Spirits". Viele Länder - in erster Linie Frankreich - hatten es in den 30er Jahren nicht wahrhaben wollen, dass die Zeit des Goldstandards vorbei war. Mit ihrem sturen Festhalten am Goldstandard hatten die Zentralbanken dazu beigetragen, dass der Börsencrash in den späten 20er Jahren eine derart schwere Depression auslöste.

Aus diesen Fehlern wollte man in Bretton Woods lernen: Eine Situation wie nach dem Börsencrash 1929 und der Bankenkrise 1931 (der Zusammenbruch der Creditanstalt in Wien im Mai 1931 war damals der spektakulärste Fall) sollte in Zukunft unter allen Umständen vermieden werden.

Der Bancor als Lösung

Die Forderung von John Maynard Keynes war radikal: Er schlug eine weltweite Währung, den Bancor, vor. Diese Weltwährung sollte nach Keynes kühnen Plänen von einer zentralen Weltbank, der International Clearing Union, verwaltet werden. Als Anker der Währung sollte Gold dienen. Keynes berühmtes Zitat vom Gold-Standard als "barbarischem Relikt" würde seine Meinung über das Edelmetall nicht korrekt widergeben, so Keynes-Biograf und Ökonomie-Professor an der Warwick University Robert Skidelsky: Gold wäre nach Keynes Meinung als konstitutioneller Monarch nützlich, als Despot desaströs. Die USA lehnten Keynes Bancor-Idee ab - der US-Verhandlungsführer in Bretton Woods, Harry Dexter White, der die Kontrolle über die Beschlussprotokolle hatte, setzte den US-Dollar als Ankerwährung durch. White galt auch als Verfechter eines "harten Friedens" mit Deutschland und war maßgeblich an der Erstellung des Morgenthau-Plans beteiligt, nach dem Deutschland nach Kriegsende in einen Agrarstaat überführt werden sollte, damit das Land nie wieder einen Angriffskrieg führen könnte. US-Präsident Franklin D. Roosevelt verwarf den Entwurf allerdings. Später fiel White in den USA in Ungnade, nachdem er als Sowjetspion überführt worden war.

Nachdem sich Keynes gegen White nicht durchsetzen konnte, verteidigte er zumindest seine Minimalforderung - eine weiche Währung, mit der sich leichter auf Krisen reagieren lässt.

Ein fauler Kompromiss?

"Bretton Woods war von Anfang an ein fauler Kompromiss", schreibt Nathan Lewis in seinem Buch "Gold - die Währung der Zukunft". Denn das System von Bretton Woods sollte auf einer an Gold gebundenen harten Währung beruhen, gleichzeitig war es den einzelnen Staaten möglich, ihre Wechselkurse anzupassen. Außerdem hatten die Mitgliedsstaaten das Recht, Gesetze zur Kontrolle des inländischen Kapitals zu erlassen. Also mehr Spielraum für die heimische Geldpolitik, gleichzeitig konnte die nationale Währung zu einem offiziellen festgeschriebenen Kurs gehandelt werden.

"Die USA sollten von nun an das weltweite monetäre System kontrollieren, der Vertrag von Bretton Woods bedeckte dieses Fakt mit einem internationalen Mäntelchen", so Lewis. Doch die Regierungen hatten nun ein "Trilemma" zu lösen, "da jedem Staat drei Wahlmöglichkeiten offenstanden, von denen er nur zwei ergreifen konnte: 1. die volle Freiheit des grenzüberschreitenden Kapitalverkehrs, 2. ein fester Wechselkurs, 3. eine auf innenpolitische Ziele gerichtete unabhängige Geldpolitik."

Das System war also von Anfang an alles andere als perfekt.

Keynes konnte trotzdem zufrieden sein: Er hatte beim Frieden von Versailles 1919 davor gewarnt, Deutschland allzu hohe Reparationszahlungen aufzubürden, und war damals gescheitert. Dieser Fehler sollte sich nicht wiederholen. Das wirtschaftliche und politische Interesse an einem Ausgleich für entstandene Kriegsschäden und einer dauerhaften Schwächung des "Erzfeindes" Deutschland war damals klar im Vordergrund gestanden. Also waren Deutschland Reparationszahlungen von 132 Milliarden Mark auferlegt worden - das entspricht dem Wert von heute fast 400 Milliarden Dollar. Man hätte auf Keynes hören sollen: Denn Deutschland konnte nicht zahlen, behalf sich mit dem Drucken von Reichsmark. Die Folge: Hyperinflation und damit der Zusammenbruch der Weimarer Republik, Abgleiten Deutschlands in den Totalitarismus und Faschismus und als Konsequenz ein weiterer Weltkrieg.

Diesmal, nach dem Sieg über Nazideutschland, sollte alles anders sein: Die Alliierten bemühten sich, Deutschland, Italien und Japan wieder als demokratische Gesellschaften zu etablieren. Auch verzichtete Amerika auf die Rückzahlung der hohen Kriegshilfen und schenkte seinen Verbündeten anstatt dessen das Geld. Dazu kamen die substanziellen Hilfsgelder des Marshallplans und anderer Unterstützungsprogramme. Weltbank und Währungsfonds wurden damals geschaffen, um zur Umsetzung der Programme bereitzustehen.

Am 22. Juli 1944 endete die Konferenz in Bretton Woods. Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland, am 15. August 1945 Japan. Die USA sollten von nun an den "Westen", zu dem man auch Australien, Japan oder Korea südlich des 38. Breitengrads zählte, dominieren.

Wissen~ Weltbank: Die Weltbank (engl. World Bank) ist eine multinationale Entwicklungsbank mit Sitz in Washington, D.C. Die Weltbankgruppe hatte ursprünglich den Zweck, den Wiederaufbau der vom Zweiten Weltkrieg verwüsteten Staaten zu finanzieren. Heute stellt die Weltbank Finanzierungsinstrumente für langfristige Entwicklungs- und Aufbauprojekte bereit. Der US-Ökonom und ehemalige Wirtschaftsberater von Donald Trump, David Robert Malpass, ist Präsident der Weltbank.

IWF (Internationaler Währungsfonds IMF): Der Internationale Währungsfonds (mit Sitz in Washington, D.C.) ist für Länder, die aufgrund von Zahlungsschwierigkeiten in eine Schieflage geraten sind, der letzte Kreditgeber in der Not. Meist erlegt der IWF diesen taumelnden Volkswirtschaften harte Restrukturierungsbedingungen auf, daher vermeiden Regierungen es so lange wie möglich, auf die Hilfe des IWF angewiesen zu sein. Traditionell wird der IWF von einem Europäer geleitet. Die bisherige IWF-Chefin Christine Lagarde soll ab November Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) werden. Als Kandidaten für den IWF werden Bundesbank-Chef Jens Weidmann sowie die Chefs der britischen und der finnischen Notenbanken, Mark Carney und Olli Rehn, gehandelt. Auch über den früheren niederländischen Finanzminister Jeroen Dijsselbloem und die dänische EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager wurde schon spekuliert.