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Gedanken zum Pflücken

Von Peter Payer

Reflexionen

Helmut Seethaler, Wiens legendärer "Zetteldichter", wird 70 Jahre alt. Eine Begegnung.


In letzter Zeit ist es ruhig geworden um ihn. Keine aufsehenerregenden Aktionen in Fußgängerzonen und U-Bahn-Passagen, keine Gerichtsprozesse, keine Solidaritätserklärungen aus der Kulturszene. Helmut Seethaler, Wiens legendärer "Zettelpoet", kann mittlerweile ungestört arbeiten. Das hat er auch verdient. Denn der Kampf um die Aufmerksamkeit und vor allem Rechtmäßigkeit der Affichierung seiner "Pflückgedichte" war lang - aber erfolgreich. Fünf Jahrzehnte hat er sich mittlerweile daran abgearbeitet und eine neue Form der Literaturvermittlung geschaffen.

Der Dichter wird am 13. März siebzig Jahre alt, und man kann sagen, dass er sich in die Geschichte der Stadt Wien eingeschrieben hat. Als publikumswirksamer Aktionist und Literat, der den öffentlichen Raum zu seiner Bühne gemacht hat. Beim Besuch in seiner Wohnung in der Wasnergasse, unweit des Augartens, eröffnet sich eine Textwerkstatt der besonderen Art. Leben und Arbeiten sind sichtbar eins geworden. Tausende Zettel und Schnipsel an Wänden und Böden, in Kästen und auf Tischen, dazu Klebeband, Uhu-Stick, Schere ... Kreatives Chaos als Ausdruck von Leidenschaft und schöpferischer Energie. "Zettels Traum" in Wien-Brigittenau ...

Seit seiner Kindheit wohnt Helmut Seethaler hier. In der nahen Greiseneckergasse ist er in die Volksschule gegangen, das Grätzl um die Wallensteinstraße kennt er in- und auswendig. Als Verbreitungsgebiet für seine Texte ist es aber stets eine Tabuzone geblieben, wie er betont: "Direkt um meine Wohnung klebe ich ja nicht. Da will ich von mir selber eine Ruhe haben. Ich beginne erst so ab dem Gaußplatz, auch im Augarten habe ich nur ganz selten versucht, einen Baum einzuwickeln. Und dann natürlich im ersten Bezirk, und sehr gerne auch im neunten."

Helmut Seethaler in seiner Wohnung.
© Payer

Es sind spezielle literarische Merkzeichen, die er hinterlässt. "Kleben" heißt für ihn, eine Säule mit einem einseitigen (!) Klebeband so geschickt zu umrunden, dass der Untergrund nicht beschädigt wird und die Haftfläche außen ist, sodass daran Zettel mit Gedichten und Kurztexten angebracht werden können. Gedanken zum "Pflücken", zum Ablösen und Mitnehmen. Und zum Nach-Denken, zu Hause oder wo immer es passt.

nur wer nicht in
kleinen freiheiten
gefangen bleibt
wird frei für große

Die Anfänge des mühsamen Kampfes um zu beklebende Freiflächen wurde schon oft erzählt, die wichtige Rolle, die Bürgermeister Helmut Zilk dabei spielte, der Seethaler Mitte der 1980er Jahre zwei Bäume in der Kärntner Straße zur Verfügung stellte, später kamen Säulen in der Opernpassage dazu. Legendär auch die mehr als 4.000 Anzeigen, die die Aktionen des Dichters begleiteten. Bis zum alles entscheidenden Erkenntnis des Obersten Gerichtshofes, der Seethalers Kunstverbreitung schließlich als legal einstufte.

Letztlich war es eine neue Form der Literaturvermittlung, die sich hier etablierte. Niederschwellig zugänglich für alle Interessierten, heute als Kunst im öffentlichen Raum anerkannt und gefördert. Egalitär und nicht elitär, und oft auch interaktiv, da es immer wieder auch Auseinandersetzungen gab, wie Seethaler sich erinnert: "Die Polizei war zu mir immer freundlich, weil ich bin es auch. Manchmal hat man Streitgespräche mit Passanten, aber das ist eigentlich egal. Was will er eigentlich?, fragten viele. Seine Gedanken verbreiten. Er will ja nichts kaputtmachen, er bietet nur das Denken an und keine Waren oder so."

Millionenfach hat er mittlerweile seine Botschaften verbreitet, dafür einige wenige Gegner, aber noch vielmehr Fans bekommen. Sie sind es, die Seethaler dann auch bis heute finanziell unterstützen, treue Kunden, die mit kleinen Geldbeträgen den Dichter über Wasser halten. Denn jeder Pflückzettel ist immer auch ein Spendenaufruf. Die in der Wohnung in einem Regal aufbewahrte Adresskartei mit hunderten, nach Absendern alphabetisch geordneten Briefen ist Zeugnis dieses Dialogs mit den Literaturfreunden. Ein Netzwerk des Überlebens. Wobei mittlerweile das Kisterl mit den Verstorbenen immer größer wird und die darin aufbewahrten Rücksendungen anwachsen.

© Helmut Seethaler, Wien, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Die Organisation des dichterischen Universums entspringt noch voll dem analogen Zeitalter: Texte mit Hand oder Schreibmaschine schreiben, ausschneiden, collagieren, kleben, kopieren, alles in Schwarz-Weiß. Letzteres ist nicht nur eine Frage der Finanzmittel, sondern auch der Ästhetik. "Nur selten verwende ich Farbe, weil das ist dann fast zu spaßig", bekennt Seethaler. Längst hat er den für ihn besten Copyshop in der Stadt ausgemacht, in Siebenhirten, nahe einer U6-Station. Dorthin begibt er sich mit seinem Trolley und kommt dann mit 1.000 oder manchmal 2.000 Kopien heim.

Natürlich ist er mittlerweile auch in die digitale Welt eingestiegen, schreibt Texte am Computer und hat eine eigene Facebook-Seite. Aber der Charme des Analogen ist doch noch deutlich spürbar und macht wohl auch für viele die Anziehungskraft seiner Texte aus.

ANPASSEN
und
AUFPASSEN
daß niemand die anpassung gefährdet
wurden alle angepaßt
gibt es niemand
der die anpassung in frage stellt

Gesellschaftskritik, Kapitalismuskritik, Meinungslenkung und Konsumterror, das sind die großen Themen, um die Seethalers Texte kreisen. Stets ist eine starke "Anti-Haltung" spürbar, bis hin zum "Querdenkertum", um einen neueren Ausdruck zu gebrauchen. Und das intensive Bemühen, Botschaften mit Relevanz zu verbreiten. Der "Zetteldichter" glaubt an die Kraft der Worte und die Veränderbarkeit der Welt. Er lebt das Aussteigen und Nicht-überall-Mitmachen persönlich und mit bemerkenswerter Ausdauer vor: "Ich habe die große Hoffnung, dass die Dinge irgendwie lösbar sind. Dass die große Macht der Industrie uns nicht zu Marionetten werden lässt. Wo ist die Grenze der Vermarktung, die Grenze des Habens, Wollens, Müssens?"

Seethaler lädt ein zur Selbstreflexion. Und wenn er bisweilen seine alten Texte durchforstet und schon lange Vergessenes wiederentdeckt, ist er durchaus stolz auf sein Tun: "Da sind manchmal echt Sachen dabei, wo ich mich freue, dass ich das geschrieben habe."

Die Anerkennung seiner Leistung widerspiegeln mittlerweile unzählige Zeitungsartikel, Radiosendungen, Dokumentarfilme, aber auch der im Jahr 2017 verliehene Preis der Freien Szene Wiens. Vorlass und Nachlass sind schon mit der Österreichischen Nationalbibliothek geregelt. Der Poet hat sich seinen Platz in der zeitgenössischen Literaturgeschichte gesichert. Mit Zähigkeit ist er zu einem jener Wiener Originale geworden, die die kulturelle Entwicklung der Stadt seit der Moderne begleiten, von Peter Altenberg und Florian Berndl bis hin zu Baron Karl und Waluliso. Ihre Kraft beziehen sie aus der inneren Notwendigkeit des Andersseins, ihre Inspiration aus dem gelebten Widerstand. Und wenn Helmut Seethaler auch bisweilen in anderen Städten gelesen und affichiert hat, von Graz bis Berlin und Hamburg, so hat er doch die tiefe Empfindung, dass es nur in Wien den richtigen Rahmen für ihn gibt. "Ich brauche Wien. Wien ist meine Heimat, meine Sicherheit. Hier kann ich mich verbreiten. Hier werde ich verstanden."

Immer wieder wird er bei seinen Klebeaktionen angesprochen, ob es was Neues von ihm gäbe. Er hat sich einen Ruf erarbeitet, insbesondere bei der jetzt gerade so viel diskutierten Boomer-Generation. Der Autor dieser Zeilen gehört selbst zu denjenigen, die in den 1980er Jahren mit Seethaler-Texten stadtsozialisiert wurden. So jemanden gab es damals nur in Wien, stellten wir mit bewundernder Neugier fest. Und bis heute freut man sich, seine Texte an unerwarteten Orten zu entdecken. Sie sind zu einem Markenzeichen geworden, oft schon verwittert und nur mehr schwer lesbar, aber durch ihre charakteristische Grafik zumeist noch klar als solche zu identifizieren.

wenige merken
daß wir uns
viele dinge
nicht leisten
wollen sollten

"An die kommenden Tage" hieß sein erstes Buch, erschienen im Jahr 1974. Darin findet sich auch ein Selbstbekenntnis, in dem Seethaler erzählt, wie er ein Schreibender wurde, genauer gesagt, wie das Schreiben zu ihm kam als ein Akt der Befreiung: "Es war keine Wahl. Es war kein Ja oder Nein notwendig. Vorher versperrten viele Dinge und Menschen den Zugang. Ich befreite mich von ihnen, indem ich über sie schrieb. Alle weiteren Tage waren Tage des Schreibens, des Befreiens." Aber, und das ist ihm bis heute am wichtigsten: "Ich schreibe nicht für mich allein. Ich schreibe vor allem, um mit anderen darüber zu reden."

Helmut Seethaler, "Der erste Sänger", ca. 1974.
© Helmut Seethaler, Wien, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Immer wieder nimmt er seine alten Texte her, feilt an ihnen herum, kürzt sie, spitzt sie nochmals zu. Wobei die Kernaussage erhalten bleiben muss: "Es kommt nie eine andere Meinung, sondern vielleicht eine besser begründete Meinung." Kunst als prozessualer Vorgang und unfinished work in progress.

Der Untergrundpoet, der sich aber nicht als solcher versteht, da er am liebsten im "Obergrund" arbeitet, ist durch die ritualhafte Permanenz seiner öffentlichen Aktionen zum Mythos geworden. Und wenn auch viele Helmut Seethaler nicht persönlich kennen, seine "Zettel" kennt man in ganz Wien. Wiederholen und Insistieren, laut Roland Barthes charakteristische Kennzeichen von Mythenbildung, macht sich auf Dauer bezahlt, wenn auch nur in äußerst bescheidenem Rahmen.

Ein prekäres Leben am Rand des Existenzminimums ist der Preis für die Konsequenz Seethalers. Auch sein bisher letztes Buch aus dem Jahr 2017 mit dem programmatischen Titel "Texte für DENKENDE + gegen das DENK-ENDE" mischt alte und neue Aphorismen und Statements gekonnt. Helmut Seethaler, Vater dreier mittlerweile erwachsener Töchter, ist sich stets treu geblieben: "Es macht Spaß, der zu sein, der ich bin!", formuliert er unverdrossen. "Ich bin dabei, gleich zu bleiben." Alles Gute zum 70er!

Peter Payer ist Historiker, Stadtforscher und Kurator im Technischen Museum Wien. Im Sommer erscheint sein neues Buch "Die Erste Wiener Hochquellenleitung. Gebirgswasser für die Großstadt" (gemeinsam mit dem Fotografen Johannes Hloch).