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Geeint unter dem Regenbogen

Von Tamara Arthofer

Politik

Neben legistischen und politischen Änderungen spielte der Sport in Südafrika eine wichtige Rolle in der Überwindung der Apartheid und deren Folgen.


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Es war wohl einer der wichtigsten Momente der Geschichte Südafrikas und zweifelsohne eine politische Sensation, die der damalige südafrikanische Präsident Frederik Willem de Klerk am 2. Februar 1990 verkündete: Das Verbot der Oppositionspartei ANC solle aufgehoben, der inhaftierte Nelson Mandela freigelassen werden. De Klerk läutete damit den Anfang vom Ende der Apartheid ein.

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Auch wenn viele Probleme noch heute bestehen, vieles wurde auch sehr schnell umgesetzt. Doch neben den legistischen und politischen Umwälzungen, die Südafrika Anfang der Neunziger erlebte, war es auch der Sport, der diese erst in der Gesellschaft ankommen ließ.

Schließlich ist es nur eine weitverbreitete Mär, dass Politik mit Sport nichts zu tun habe, hervorgekramt immer dann, wenn Vertreter des Letzteren in Erklärungsnotstand kommen, weil sie sich für Großveranstaltungen mit fragwürdigen Regimen ins Bett legen. Im Fall der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft ist das Gegenteil der Fall. Sport und Politik gehörten seit jeher zusammen, und seit den Neunzigern ist man im Land am Kap auch stolz darauf. Nachdem die Apartheidsgesetze sukzessive gelockert, politische Gefangene wie Mandela freigelassen worden waren und Letzterer schließlich 1994 den Präsidentenstuhl erklommen hatte, verstand es dieser, seine Kraft auch zu nützen - ausgerechnet mit einem Vehikel, das auf den ersten Blick so gar nicht dafür geeignet schien: dem Rugbysport.

Denn dieser, davor unter den Schwarzen als "Sportart der Weißen" - ins Land gebracht von den Kolonialherren - verhasst und aufgrund der Apartheid seit den Achtzigern aus dem internationalen Wettkampfgeschehen ausgeschlossen, wurde plötzlich zum Symbol für die Überwindung der Restriktions- und Separationspolitik. Mandela selbst war im Vorfeld der WM im eigenen Land durch dasselbe getourt, um alle Bevölkerungsschichten hinter den Springboks zu versammeln. Und als er dem damaligen Kapitän Francois Pienaar tatsächlich den Pokal für den Sieg überreichen konnte, schien die zersplitterte Nation für einmal geeint wie noch nie zuvor. Es war ein Ereignis von derartiger Strahlkraft, dass Clint Eastwood sich mehr als zehn Jahre später noch zu dem vielfach preisgekrönten Hollywood-Streifen "Invictus", besetzt mit Stars à la Morgan Freeman und Matt Damon, inspirieren ließ.

Freilich waren es dennoch vornehmlich Weiße, die für den nicht für möglich gehaltenen Triumph sorgen sollten, ein einziger Farbiger spielte in der Mannschaft. Und es sollten noch eine weitere gewonnene WM - jene 2007 - sowie 24 Jahre vergehen, ehe im vergangenen Herbst erstmals ein Schwarzer das prestigeträchtige Kapitänsamt bekleiden sollte. Dass dies in dem Land, das die Spuren der Apartheid noch immer nicht beseitigt und mit deren Folgen, Armut in weiten Schichten der Bevölkerung und den Nachwirkungen eines von Korruption geprägten Jahrzehnts zu kämpfen hatte, nach wie vor keine Selbstverständlichkeit war, zeigte das enorme - wenn auch durchwegs positive - Echo auf die Ernennung Siya Kolisis durch Teamchef Rassie Erasmus. "Ich war naiv, jetzt bin ich es nicht mehr", sagte Erasmus, als seinem Team und dessen Kapitän durch den Durchmarsch ins Finale zunehmend Aufmerksamkeit zuteilwurde.

Kapitän Siya Kolisi wird zur Symbolfigur

Doch die Geschichte sollte noch weitergehen. Denn Kolisi war nicht nur der erste schwarze Kapitän einer südafrikanischen Nationalmannschaft, im Endspiel in Yokohama wurde er auch zum dritten Kapitän der Geschichte, der die Springboks zum Titel führte. Südafrikas einstige Rugby-Ikone Bryan Habana hatte schon davor erklärt, der mögliche Sieg wäre "eine Inspiration für unser Land, immens bedeutend, auf einer Linie mit Mandela 1995 - wenn nicht größer". Der 28-jährige Kolisi wurde schließlich zur Symbolfigur der Überwindung sozialer Grenzen, und seine Vita eignet sich perfekt für ein derartiges Narrativ. Als Südafrika seinen zweiten WM-Titel geholt hatte, saß er mit Freunden in einer armen Township bei Port Elizabeth, er und seine Großmutter hatten Probleme, seine Halbgeschwister zu ernähren. Doch mit einem Rugby-Stipendium entkam Kolisi der Armut, in der weite Teile der Bevölkerung - vor allem Schwarze - nach wie vor leben. Für sie will er eine Inspiration sein, aber nicht nur für sie, sagt er, "sondern für alle Kinder".

Kategorien wie Schwarz oder Weiß würden für ihn nicht existieren, es gehe darum, "das Beste für sein Land" zu geben. "Wir haben viele verschiedene Ethnien und elf verschiedene Sprachen. Das ist das Schöne an Südafrika, das ist es, warum man uns Regenbogennation nennt."

Und zumindest an Tagen wie diesen, wenn Kolisi und Kollegen mit einem bunten Fahnenmeer in der Heimat als Weltmeister willkommen geheißen werden, wird dies auch sichtbar. Davon, dass Politik nichts mit Sport zu tun habe, will dann niemand mehr sprechen.