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Gefährliche Wahrheiten

Von Edwin Baumgartner

Wissen
Vorbei ist die Zeit der karikaturhaften Darstellung Adolf Hitlers, wie sie auf der unbezeichneten Arbeit, die Hitler und Eva Braun (mit Hakenkreuz-Brustpiercing) zeigt, zu sehen ist.
© Osborne/Lebrecht Music & Arts/Corbis

Biografische Gratwanderungen mit Caligula, Nero und Hitler.


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Im Grunde ein Spinner. Überstrenger Vater, sanft liebende Mutter. Würde man sich nicht der Gefahr aussetzen, seine stundenlangen Monologe darüber ertragen zu müssen, würde man möglicherweise gerne mit ihm in die Oper gehen, in Wagner, das mag er am liebsten, da kann man vielleicht sogar etwas lernen von ihm. Mag sein, man kann ihm sogar die wirren antisemitischen Thesen ausreden, denen er sich seit kurzem hingibt. Als Politiker, der er dann wird, einer, der anpacken kann, gut, fallweise liegt er auf der faulen Haut, auch einzusehen, aber dann dieses Arbeitspensum... Erstaunlich, erstaunlich...

Das ist es ganz ausdrücklich nicht, was Volker Ullrich im ersten Band seiner als epochal gepriesenen Biografie über Adolf Hitler meint. Aber das ist es, wie man diesen (stilistisch übrigens fulminanten) Text auch lesen kann. Und das ist das eigentlich Verstörende daran.

Müder Revisionisten-Unmut

Ullrich, promovierter Historiker, 1943 geborener deutscher Historiker, Verfasser unter anderem einer Napoleon-Biografie und Leiter des Ressorts "Politisches Buch" bei der Wochenzeitung "Die Zeit", Auslöser der sogenannten "Goldhagen-Debatte", in der sich deutsche Historiker mit ihrem US-amerikanischen Kollegen Daniel Jonah Goldhagen stritten, ob, wie dieser zu beweisen versuchte, die Deutschen die Shoah zu verantworten hätten oder die Nationalsozialisten, was einen feinen, aber für die Selbstdefinitionen der Deutschen (und nicht minder Österreicher) bedeutsamen Unterschied macht - jener Volker Ullrich also ist mit Sicherheit kein revisionistischer Spinner.

Der Blick auf die Facebook-Fanseite eines solchen macht sicher und doch zugleich auch wieder nicht: Geliebt wird Ullrich von den David-Irving-Anhängern nicht. Aber, und auch das ist bemerkenswert, die Hasstiraden fehlen ebenso. Man wirft Ullrich dort lediglich vor, sich ohne Quellenangabe auf Irvings Hitler-Biografie zu beziehen (soll man das als von Ullrich zweifellos ungewollten Gruß verstehen?) und sich sonst zu sehr auf "Anti-Nazi"-Quellen zu stützen. Das ist alles. Sollte Ullrich für Revisionisten, die über stärkere Magenschutzmedikamente verfügen, also doch rezipierbar sein?

Man kann es nicht oft genug wiederholen in diesem Zusammenhang: Ulrich ist ein unbedingt seriöser Historiker. Aber es ergeht ihm wie allen, die über die großen Bösewichte der Geschichte referieren: Sie müssen sich - und damit den Leser - mit der Erklärung des Verbrechens befassen.

Jeder Jurist weiß, dass die Erklärung eines Verbrechens nicht dessen Rechtfertigung bedeutet. Jeder Anwalt weiß aber ebenso, dass er die Erklärung eines Verbrechens instrumentalisieren kann, um für seinen Mandanten "mildernde Umstände" zu erwirken. Ein Anwalt muss so vorgehen, es ist seine Aufgabe, sein Job, auch wenn das Wort "Job" gerade hier auch daran erinnern mag, dass der gequälte biblische Hiob auf Englisch so geschrieben wird. Haben also harte Jugend und widrige äußere Umstände den intelligenten Burschen mit guten Anlagen letzten Endes in den Schreibtisch-Massenmörder verwandelt?

Ullrichs Gratwanderung gehört in den Gesamtkomplex jener Biografien, die ihre Objekte wie unter dem Mikroskop betrachten. Wer sich schon einmal dieser Vergrößerungstechnik bedient hat, weiß, dass, vergrößert man allzu sehr, die Gesamtstruktur verlorengeht und die Details alle irgendwie gleichwertig scheinen. Oder wie es das Sprichwort sagt: Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Freispruch für Nero

Mitunter kann ein solcher Ansatz durchaus interessante Ergebnisse zeitigen und zu Neubewertungen führen. Speziell die Altertumswissenschaft hat davon profitiert. So gelang es Stephan Elbern und Gerhard H. Waldherr in ihren Biografien, den römischen Kaiser Nero vom Bad Guy zum Good Guy umzuschreiben, indem sie die Quellen nicht als neutrale Überlieferung, sondern als Propagandatexte lasen, die sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch sind: So hatte einerseits die feldzugfreudige senatorische römische Geschichtsschreibung ein Interesse daran, den kriegsunlustigen Bürgerfreund exemplarisch als "unrömisch" zu brandmarken, wie ihn später die christliche Geschichtsschreibung als Satan schlechthin darstellte, weil Nero Christen exekutieren ließ. Dass er das im Einklang mit dem römischen Recht machte und die Art der Exekution auf die typisch römische Weise erfolgte, die stets, und nicht nur im Fall der Christen, zynische symbolische Parallelen von Tat und Strafe bevorzugte, war den christlichen Geschichtsschreibern weitestgehend gleichgültig.

Dass Aloys Winterling dann das Scheusal Caligula einer solchen historischen Verschönerungskur unterzieht, verblüfft dann aber doch: Bluttaten als schrägen Humor im Umgang mit den Senatoren auszuweisen, mag zwar der Wahrheit nahekommen - aber nur dann, wenn man das eigene Wertesystem an das Caligulas anpasst. Die Erklärung
der Tat wird da zum Balanceakt. Ein Verteidiger würde die Dar-stellung der Fakten benützen,
um "mildernde Umstände" zu verlangen.

Dass sich Widerstand und Unmut, wenn überhaupt, nur in althistorischen Fachkreisen regte, mag mit dem zeitlichen Abstand zusammenhängen, der zwischen der römischen Antike und unserer Gegenwart liegt, während im Fall von Simon Sebag Montefiores Biografie über einen sehr menschlichen, klugen, nur halt dann und wann (und nicht unbegründet) ausrastenden Stalin auch eine gewisse Gleichgültigkeit mitspielt: Was kümmert einen heutigen Mitteleuropäer, was vor einem Menschenleben im fernen Moskau geschah?

Hitler historisch

Hitler ist ein anderes Kapitel - er gehört ganz unmittelbar zur deutschen und zur österreichischen Geschichte. Obwohl auch da, anders wäre schon die Biografie des Briten Ian Kershaw nicht möglich gewesen, der zeitliche Abstand die historische Objektivität zunehmend begünstigt. Der Historiker nützt diese Möglichkeit, um von der Darstellung Hitlers als eine nahezu religiös überhöhte Verkörperung des Bösen, die mehr mit H. P. Lovecrafts wahnsinnigem Dämonengott Azathoth als mit historischen Fakten zu tun hat, ebenso abzurücken wie vom karikaturhaften Zerrbild inklusive der unhaltbaren Gerüchte und laienpsychologischen Deutungen.

Es braucht ja nicht gleich so weit zu gehen wie jene Fernsehserie, die, zumeist gestützt auf das Filmmaterial von Hitlers Lebensgefährtin Eva Braun, den Privatmann porträtiert hat samt Kinder- und Hundeliebe, lässig elegant und (küss d’ Hand, Frau Goebbels...) charmant.

Dass solchen Porträts dabei ein Gefahrenpotenzial innewohnt, soll nicht verschwiegen sein: Zwar wird niemand aufgrund von Elberns Nero-Biografie auf die Idee verfallen, einen verkehrt herum ans Kreuz genagelten Christen anzuzünden (allein schon, weil das nach derzeit geltendem Recht noch verboten ist), doch könnte Ullrichs Hitler-Biografie gedanklich weniger gefestigte Leser verführen, in erster Linie den Menschen Hitler zu sehen und erst in zweiter Linie die Rauchschwaden, die aus den Schloten der Krematorien von Auschwitz aufsteigen.

Dennoch: Die historische Wahrheit muss mit aller Objektivität geschrieben werden: im Fall von Nero. Im Fall von Caligula. Im Fall von Stalin. Und sogar im Fall von Adolf Hitler.