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Gefährlicher Balanceakt

Von Emilio Rappold

Politik

Santiago de Chile - In keinem anderen Land Lateinamerikas waren die Streitkräfte so stark aus einer Diktatur hervorgegangen wie in Chile. Und in kaum einem anderen Land ist der Balanceakt zwischen dem Drang nach Gerechtigkeit und dem Wunsch nach inneren Frieden so gefährlich.


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Es schien, als würden die Militärs ihre schützende Hand über den 85-jährigen Ex-Diktator Augusto Pinochet bis zu dessen Tod halten. Doch die Anklage gegen ihn lässt neue Hoffnung zu - unter die Freude mischt sich allerdings Angst. Viele Chilenen verfolgen die sich überstürzenden Ereignisse eher besorgt-gebannt. Die Militärs von einst fürchten, in den Sog eines Gerichtsverfahrens mit hineingezogen zu werden.

"Chile ist bis zu einem kritischen Punkt gespannt, das ist beunruhigend", warnte Marinechef Admiral Jorge Arancibia die Menschen via Fernsehen: Die Fernsehbilder zeigen die finster dreinblickenden Militärchefs, die von einer Krisensitzung zur nächsten eilen und Pinochet in seinem Landhaus im Badeort Bucalemu aufsuchen, um ihm ihre Solidarität zu bekunden. Noch Angst einflößender ist die Warnung anderer Pinochet-Freunde. "Der General ist ein alter Mann. Wenn ihm etwas passiert, dann wird jemand dafür zahlen müssen", tönte Luis Vila von der Pinochet-Stiftung. "Der innere Frieden in Chile ist ernsthaft bedroht", schrieben selbst gemäßigte linksgerichtete Journalisten. Das Klima der Konfrontation, das die Gesellschaft lange Zeit spaltete, sei wieder da. Bevor die alte Militärgarde tatenlos zusieht, wie sich ihr Diktator auf die Anklagebank setzt, so fürchten Skeptiker, werde der Pinochet-treue Apparat nichts unversucht lassen.

Er könnte nun eine neue "Hexenjagd" starten mit dem Ziel, in der Vergangenheit von Guzman "dunkle Flecken" zu finden und so die Absetzung des unbequemen Richters zu erreichen. "Das würde zwar internationale Empörung auslösen", meint ein westlicher Diplomat in Santiago. Ähnlich sei aber schon früher im Fall anderer Pinochet-Jäger wie dem Richter Luis Correa Bulo vorgegangen worden. Der "Schlusspunkt" unter die Vergangenheitsbewältigung, den zuletzt die Kirche, die Militärs und nach den Worten von Verteidigungsminister Mario Fernandez "die gesamte chilenische Gesellschaft" fordern, könnte noch zum Bumerang werden.