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Gefangen in heroischen Narrativen

Von Alexander Peer

Gastkommentare
Die Hauptkirche der Streitkräfte Russlands im "Park Patriot" nahe Moskau.
© CC BY-SA 4.0 / Sergey Sebelev

Die Erinnerungskultur liefert ein Indiz für den Geist des Rückwärtsgewandten.


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1912 wurde in Mühlbach im Oberpinzgau ein Denkmal für Johann Panzl errichtet, 50 Jahre nach seinem Tod. Unglücklicherweise fiel Panzls Leben in eine Ära gravierenden Umbruchs. Salzburg war ein Spielball der europäischen Mächte. Während sich das habsburgische Österreich mit vielen Verbündeten im dritten Koalitionskrieg gegen Napoleon stellte, waren die Bayern plötzlich auf der Seite Bonapartes. Der nicht einmal 20-jährige Panzl verließ 1805 seinen Lehrherrn, um am Pass Strub in der Schützenkompanie von Hauptmann Joseph Hager die Eindringlinge zu bekämpfen. Später folgte die Schlacht an der Halbstundenbrücke, in der Panzl an der Seite von Anton Wallner kämpfte; ein bis heute in der Salzburger Geschichte zuweilen heroisch verklärtes Ereignis. Trotz all der Auseinandersetzungen um den Pinzgau blieb Panzl ein mit Zeugungskraft gesegneter Mann - aus zwei Ehen gingen in Summe 19 Kinder hervor.

In Krimml errichtete man um 1909 ein Denkmal für Wallner, auch in Lofer und anderswo entstanden Denkmäler und Gedenktafeln. Höhepunkt der europäischen Erinnerungskultur (oder Verklärungskultur?) war schließlich die Errichtung des Völkerschlacht-Denkmals 1913 - 100 Jahre, nachdem Napoleon in Leipzig vernichtend geschlagen wurde. Man versteht angesichts dieser Schwemme an Denkbotschaften sehr gut, dass das Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo lediglich der Funke war - das Dynamit war schon bereitgestellt.

In ganz Europa kündeten seinerzeit die Heldendenkmäler vom erwachten Geist militärischer Begeisterung. Wer dieser Tage auf den Osten Europas blickt, um zu verstehen, weshalb im 21. Jahrhundert eine militärische Invasion mit geschichtsrevisionistischer Unterfütterung möglich ist, bleibt zunächst ratlos. Ein Indiz für diesen Geist des Rückwärtsgewandten liefern Denkmäler, Museen und andere Instrumente der Erinnerungskultur.

Im Frühjahr 2020 wurde im "Park Patriot" - etwa 60 Kilometer westlich von Moskau - die "Hauptkirche der Streitkräfte Russlands" eröffnet, einer der mächtigsten orthodoxen Bauten des Landes. Die vier kleineren Kuppeln auf dem Hauptgebäude weisen eine Höhe von 14,18 Metern auf. 1.418 Tage dauerte der Deutsch-Sowjetische Krieg (1941 bis 1945), der in Russland und im Osten der Ukraine zumindest bis zum Beginn des russischen Einmarsches in der Ukraine am 24. Februar 2022 als "Großer Vaterländischer Krieg" bezeichnet wurde.

Abgebildet sind viele Identifikationspersonen der russischen Geschichte, etwa Dmitri Donskoi ("der vom Don"). Unter seiner Führung wurde 1380 die Goldene Horde auf dem sogenannten Schnepfenfeld vernichtend geschlagen. 2016 entstand auf diesem Terrain - Kulikowo Pole - ein Museum, das die Schlacht dokumentiert. Der Eingang zu diesem Museum ist durch ein Spalier von überdimensionalen Speeren gestaltet. Der Sieg Donskoi gilt als zentraler Baustein zur russischen Einigung, die versprengten Fürstentümer fanden so zueinander.

Mystische Verklärung von Kriegen

2014 entstand ein Denkmal für die Fernfliegerkräfte in Moskau, das Russlands Bomberflugwesen 1914 würdigte. 2017 schließlich enthüllte man ein Denkmal für Michail Timofejewitsch Kalaschnikow mit seinem Sturmgewehr AK-47. Die Liste an Memorialorten mit spezifisch militärischer Ausrichtung und mystischer Verklärung kriegerischer Auseinandersetzungen ließe sich fortsetzen.

Mit den Denkmälern ist das so eine Sache: Sie drücken den Geist derjenigen aus, die sie gestalten oder gestalten lassen. Sie sind Ausdruck von Ideen und in diesem Fall von megalomanischen, geopolitischen Ansprüchen und stimulieren diese. Architektur ist schließlich immer (auch) Politik. Ist die Nato-Erweiterung als Grund für die Aggression Russlands gegenüber Ukraine bloß ein vorgeschobenes Argument? Die politische Elite Russlands träumt offensichtlich davon, die Konsequenzen des Zerfalls der Sowjetunion ungeschehen zu machen, und geht noch weiter zurück auf der historischen Wendeltreppe. Es scheint fast so, als hätte sich der Geist Russlands im Jahrhundert geirrt und wähnte sich immer noch im Gefilde monarchistischer Autokratien.

Selbst wenn die Waffen ruhen - was unabhängig vom anhaltenden Krieg ein täglich neu formulierter Wunsch bleibt -, wie kann dieser Geschichtsrevisionismus wieder aus den Köpfen verschwinden? Durch eine Utopie, die sich nicht territorial versteht, sondern kulturell, landschaftlich oder technologisch - das ohnedies größte Land der Erde hat von allen drei Qualitäten reichlich, es sollte dann doch viel leichter fallen, vom Geist militärischer Allmacht Abstand zu gewinnen. Nur: Wer sagt es ihnen?